Wieder zu Kräften kommen

Vere­na Jäsch­ke im Gespräch mit Bernd Him­stedt-Kämp­fer

Sie haben die onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on neu auf­ge­baut, war­um?

Es gibt Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, die durch ihre Tumor­er­kran­kung und durch die inten­si­ven anti­tu­mo­rö­sen The­ra­pi­en sehr erschöpft sind. Sie lei­den an ver­schie­de­nen Sym­pto­men und benö­ti­gen eine Pha­se mit unter­stüt­zen­den The­ra­pi­en, um an das Kräf­te­po­ten­zi­al zu kom­men, das sie vor ihrer Erkran­kung hat­ten. So etwas kann heu­te nicht im Rah­men einer aku­ten Behand­lung geleis­tet wer­den, weil die Auf­ent­halts­dau­er im Akut­be­reich dafür zu kurz ist.

Reha­bi­li­ta­ti­on all­ge­mein bedeu­tet, die Kräf­te des Pati­en­ten so auf­zu­bau­en, dass es ihm wie­der mög­lich ist, am All­tag teil­zu­neh­men. Wir bie­ten die­se Reha­bi­li­ta­ti­on sta­tio­när an, weil die The­ra­pi­en inten­si­ver gestal­tet wer­den kön­nen als im ambu­lan­ten Rah­men. Das Gan­ze ist in die Gesamt­struk­tur einer Wochen­pla­nung ein­ge­bun­den; das kann in die­ser Form ambu­lant nicht gemacht wer­den. Aus­ser­dem ist es für man­che Pati­en­ten wich­tig, sich aus ihrem gewohn­ten Umfeld zu lösen, um zu Kräf­ten zu kom­men.

Ein wei­te­rer Grund für den Auf­bau der onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on liegt dar­in, dass sie unser onko­lo­gi­sches Ange­bot abrun­det und den Behand­lungs­pfad kom­plet­tiert.

Was ist das Beson­de­re an der onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on?

Ein Gross­teil der onko­lo­gi­schen Erkran­kun­gen ist heu­te heil­bar oder zumin­dest mit lang­fris­ti­gem rezi­di­vfrei­em Über­le­ben ver­bun­den. Des­halb stellt sich die Fra­ge, wie wir den Pati­en­ten nach anstren­gen­den The­ra­pi­en wie Che­mo- oder Bestrah­lungs­the­ra­pie wie­der zu Kräf­ten brin­gen kön­nen. Die Fol­gen inten­si­ver schul­me­di­zi­ni­scher The­ra­pi­en und ihre belas­ten­den Neben­wir­kun­gen sol­len gemin­dert wer­den.

Auf der ande­ren Sei­te geht es für den Pati­en­ten dar­um, eine Form zu fin­den, wie er mit der Dia­gno­se umge­hen kann. Auch wenn der Pati­ent tumor­frei ist, fragt er sich: „Was heisst geheilt? Kommt der Tumor zurück?“ Der Pati­ent soll mit Lebens­freu­de und Sta­bi­li­tät in sei­nen All­tag zurück­keh­ren, ohne dass die Angst sein Leben bestimmt. Des­halb ist auch eine der wich­ti­gen The­ra­pie­for­men, die wir anbie­ten, die Bio­gra­fie­ar­beit und Psy­cho­on­ko­lo­gie, die sich gera­de mit die­sen exis­ten­zi­el­len Fra­gen aus­ein­an­der­setzt.

Was ist das Beson­de­re am Reha­bi­li­ta­ti­ons­an­ge­bot in Ihrer Kli­nik?

Die Anthro­po­so­phi­sche Medi­zin, wie wir sie an der Kli­nik Arle­sheim anbie­ten, ist eine Medi­zin für Kör­per, See­le und Geist. Auch in der onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on geht es nicht nur dar­um, die kör­per­li­chen und see­li­schen Fol­gen von Krank­heit und The­ra­pie zu lin­dern, son­dern wir schau­en dar­auf, wie wir das Zusam­men­spiel von Kör­per, See­le und Geist so ver­bes­sern kön­nen, dass es zu einer ech­ten Gesun­dung kommt. Wir unter­stüt­zen den Men­schen mit unse­ren The­ra­pi­en so, dass der Tumor mög­lichst nicht wie­der auf­tritt.

Die sta­tio­nä­re onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on bei uns ist auch eine Grund­la­ge für eine län­ger­fris­ti­ge The­ra­pie. Sie kann nur der Anfang sein für einen län­ge­ren The­ra­pie­pro­zess, der dann ambu­lant wei­ter­ge­führt wird. Für das, was not­wen­dig ist, um nach einer solch schwe­ren Erkran­kung wie­der auf die Bei­ne zu kom­men, sind viel län­ge­re Zeit­räu­me erfor­der­lich, als sie das Gesund­heits­sys­tem heu­te vor­sieht.

Für wel­che Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ist das Ange­bot gedacht?

Die onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on bei uns steht Pati­en­ten mit bös­ar­ti­gen onko­lo­gi­schen oder häma­to­lo­gi­schen Erkran­kun­gen offen, die wäh­rend oder nach einer belas­ten­den schul­me­di­zi­ni­schen The­ra­pie einen Kräf­te­auf­bau benö­ti­gen, die aber auch so mobil sind, dass sie in der Eigen­ver­sor­gung wie zum Bei­spiel bei der Kör­per­pfle­ge oder beim Essen selb­stän­dig sind.

Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, die einen hohen Pfle­ge­auf­wand haben oder insta­bi­le medi­zi­ni­sche Situa­tio­nen wie zusätz­lich eine Lun­gen­ent­zün­dung oder eine Schmerz­pro­ble­ma­tik, kön­nen nicht inner­halb der onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on behan­delt wer­den. Die­se Pati­en­ten kön­nen wir aber im aku­ten oder pal­lia­ti­ven Rah­men ver­sor­gen.

Wie müss­te ich vor­ge­hen, wenn ich das Ange­bot wahr­neh­men will?

Sie müss­ten sich mit Ihren aktu­el­len Unter­la­gen an unse­re Pati­en­ten­auf­nah­me wen­den bzw. Ihr Arzt wür­de eine sta­tio­nä­re onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on bean­tra­gen. In der Regel schal­tet sich unse­re Care­ma­na­ge­rin ein und klärt mit Ihnen die Mög­lich­kei­ten für die onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on ab.

Auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on stellt Ihr behan­deln­der Arzt – meist mit uns zusam­men – ein Kos­ten­gut­s­pra­che­ge­such bei Ihrer Kran­ken­kas­se, in der Regel für 21 Tage, mit der Mög­lich­keit, die Reha­bi­li­ta­ti­on im Ein­zel­fall zu ver­län­gern.  Wenn die Kos­ten­gut­s­pra­che vor­liegt, wird das Auf­nah­me­da­tum ver­ein­bart.

Wie läuft die Reha­bi­li­ta­ti­on dann ab?

Wenn der Pati­ent kommt, fin­det zunächst ein Auf­nah­me­ge­spräch mit einer Pfle­ge­kraft statt, anschlies­send das­je­ni­ge mit dem zustän­di­gen Arzt. Der Arzt ver­ord­net auf­grund der Ana­mne­se und des Gesprächs die The­ra­pi­en, die in einem indi­vi­du­el­len The­ra­pie­plan zusam­men­ge­stellt wer­den.

Die Aus­wahl der The­ra­pi­en ori­en­tiert sich an den indi­vi­du­el­len Pro­ble­men des Pati­en­ten. Wir stel­len für ihn oder sie einen Wochen­plan zusam­men, in dem sowohl die indi­vi­du­el­len The­ra­pi­en und äus­se­ren Anwen­dun­gen als auch die Erho­lungs­zei­ten und Grup­pen­an­ge­bo­te erfasst sind.

Sie spre­chen von Erho­lungs­zei­ten?

Wir bie­ten eine Reha­bi­li­ta­ti­on an, die the­ra­pie­ba­siert ist, das heisst der Schwer­punkt sind Ein­zel­the­ra­pi­en, die von eini­gen Grup­pen­an­ge­bo­ten ergänzt wer­den. Wir ach­ten dar­auf, dass das Gesamt­kon­zept von Rhyth­mus geprägt ist. Ein wesent­li­cher Aspekt in der Gesun­dung eines Pati­en­ten ist der Rhyth­mus – sowohl im Pati­en­ten­all­tag als auch in der Wahl der The­ra­pi­en. So ist eine Aus­ge­wo­gen­heit wich­tig zwi­schen Anstren­gung und Erho­lung, Ein­zel­the­ra­pie und Grup­pen­the­ra­pie, ange­lei­te­ter The­ra­pie und selb­stän­di­gem Üben.

Zum Gesamt­kon­zept gehö­ren inso­fern auch ganz klar die Erho­lungs­pau­sen. Es bringt dem Pati­en­ten nichts, wenn er von einer The­ra­pie zur nächs­ten geschleust wird. Er oder sie braucht auch Zeit zwi­schen­durch, um die The­ra­pi­en wir­ken las­sen zu kön­nen, um selbst zur Ruhe zu kom­men.

Wel­che Erfah­run­gen konn­ten Sie bereits sam­meln?

Die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten kön­nen gut ihre Kräf­te wie­der auf­bau­en, sie kön­nen sich mit Sinn­fra­gen aus­ein­an­der­set­zen und fin­den im Aus­tausch mit ande­ren Pati­en­ten in glei­cher Situa­ti­on Unter­stüt­zung und Gemein­schaft. Vie­len von ihnen dient die sta­tio­nä­re Reha­bi­li­ta­ti­on als Anstoss, ihren Lebens­rhyth­mus zu ändern, mehr auf sich selbst zu schau­en. Fer­ner genies­sen sie neben dem the­ra­peu­ti­schen Pro­gramm der Kli­nik die Mög­lich­kei­ten zur Rege­ne­ra­ti­on hier in Arle­sheim.

Inhalt­lich war die Onko­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on schon nach kur­zer Zeit ein vol­ler Erfolg. In vie­len Kon­tak­ten mit den Kran­ken­kas­sen und den Zuwei­sern konn­ten wir ver­mit­teln, wel­chen Stel­len­wert sie für die Pati­en­ten hat. Nun mer­ken wir, dass die­ses für die Schweiz noch recht neue Ange­bot sei­nen Weg in die Regel­ver­sor­gung der Pati­en­ten fin­det.  

Therapieangebot

Die künst­le­ri­schen und psy­cho­on­ko­lo­gi­schen The­ra­pi­en sowie die rhyth­mi­sche Mas­sa­ge und die Phy­sio­the­ra­pie ste­hen im Zen­trum des onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­ons­an­ge­bots.

Einzeltherapien

  • Bäder
  • Bio­gra­phie­ar­beit
  • Hei­leu­ryth­mie
  • Mal­the­ra­pie
  • Musik­the­ra­pie
  • Plas­ti­zie­ren
  • Phy­sio­the­ra­pie
  • Rhyth­mi­sche Ein­rei­bun­gen
  • Rhyth­mi­sche Mas­sa­ge
  • Sprach­ge­stal­tung
  • Wickel und Kom­pres­sen

Eine Aus­wahl die­ser The­ra­pi­en wird nach der Ein­tritts­un­ter­su­chung ärzt­lich in Abstim­mung auf die indi­vi­du­el­le Situa­ti­on des Pati­en­ten ver­schrie­ben.

Gruppentherapien

  • täg­li­che Mor­gen­ar­beit in der Grup­pe
  • geführ­te Spa­zier­gän­ge
  • Hei­leu­ryth­mie
  • Musik­the­ra­pie

Die Grup­pen­the­ra­pi­en ste­hen allen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, die sich im onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­gramm befin­den, zur Ver­fü­gung.

Zusätzliche freie Angebote

  • regel­mäs­si­ge Kon­zer­te im Haus
  • wöchent­li­che Vor­trä­ge im Haus
  • Nut­zung des medi­zi­ni­schen Trai­nings­zen­trums Siri­us®

Beratungsangebote

  • Sozi­al­be­ra­tung
  • Ernäh­rungs- und Diät­be­ra­tung
  • Pfle­ge­be­ra­tung
  • Fami­li­en- und Sexu­al­be­ra­tung

Die­se Bera­tun­gen wer­den inner­halb der Kli­nik bei Bedarf ein­ge­setzt.

 

Autoren_Quinte403

Fach­per­son Bernd Him­stedt-Kämp­fer
Arbeits­schwer­punk­te Fach­arzt für All­ge­mei­ne Inne­re Medi­zin, Häma­to­lo­gie und Onko­lo­gie, Pal­lia­tiv­me­di­zin. Ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Tätig­kei­ten an ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen in Deutsch­land. Seit 2013 an der Lukas Kli­nik, seit Juni 2013 Chef­arzt, ab 1. April 2014 in der Kli­nik Arle­sheim Fach­be­reichs­lei­ter Onko­lo­gie und Mit­glied der Kli­nik­lei­tung, ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Tätig­keit in der Onko­lo­gie und Pal­lia­tiv­me­di­zin
Kon­takt bernd.himstedt@klinik-arlesheim.ch

 

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