Vorstellung, Wirklichkeit und Wirkung

Ein Patientenbericht zur psychosomatischen Behandlung in der Ita Wegman Klinik

Ein Aufenthalt in der Klinik ist jeweils ganz individuell. So verschieden, wie die Situation für den Einzelnen ist, die ihn hierher führt, so unterschiedlich sind auch das Erleben und die Wirkung der verschiedenen Therapien. Im folgenden Text beschreibt ein Patient seine Zeit in der Klinik. Seinem Wunsch entsprechend veröffentlichen wir seinen Namen nicht.

Auf eigenen Wunsch gehe ich in eine anthroposophische ­Klinik. Meine Vorstellungen davon sind nebulös, aber von positiven Erwartungen geprägt. Ich kenne die Ita Wegman Klinik von einem einzigen Patientenbesuch vor fünf Jahren. Zu der Zeit verbrachte eine Verwandte mit diffusem Hirntumor, austherapiert, ihre letzten Lebenswochen in der Ita Wegman Klinik. Eine belastende Grenzsituation, aber ich erinnere mich, dass ich zutiefst bewegt und beruhigt von dannen zog. Die Nahestehende lag wohlbehütet in einer einmalig ruhigen, menschlich warmen Atmosphäre, offenkundig medizinisch hervorragend betreut. Die engsten Angehörigen wurden in der Begleitung der Sterbenden unterstützt. Das hat mich beeindruckt damals.

Einen anderen Weg einschlagen

Einige Jahre später war ich eigentlich zur Rehabilitation in einer national geachteten Klinik angemeldet. Je näher der Eintrittstermin kam, umso mehr rückte ich von der Idee ab, die nächsten Wochen mit Gruppenwanderungen, Fitness­geräten und zweimal wöchentlichen, obligatorischen psychotherapeutischen Gesprächen zu verbringen. Ich wollte vor allem Ruhe, Musik und Malerei. Mich faszinieren Formen aus der Steinzeit über die Antike bis in die Neuzeit, Natur­geräusche und die Ur-Klänge in den Volksmusiken der Welt und der Heimat bis zu den Klängen der Gegenwart. Turnen und Wandern kann ich selbst, ohne die Krankenkasse zu belasten, sagte ich mir. Von der anthroposophisch geführten Klinik versprach ich mir die ersehnte Ruhe, die Musik und das Malen. Ich wusste nicht, wie die Therapien aussehen, mein Gefühl aber war, dass sie eine wohltuende Wirkung auf mich ausüben, weil sie mich im Innersten anrühren würden.

Meine Krankengeschichte

Eine kurze Rückblende: Anfangs sommers, fit und ­frohen Mutes, habe ich unvermittelt und erstmalig ein Lähmungs­gefühl im Bein, links. Wochen später beim Sport wiederholt sich das, aber viel stärker. Ich habe Mühe, die Kontrolle über das Bein zu behalten. Tage später im Büro dieselbe Erscheinung, nun zusammen mit einem Kribbeln um den linken Mundwinkel. Die Symptomatik häuft sich in den folgenden fünf Tagen, dehnt sich aus, Lähmung im linken Bein, Arm und Kribbeln in Hand, Gesicht und Fuss, und sie klingt letztlich über Minuten kaum ab. Linke Körperhälfte, rechte Hirnhälfte, „Schlaganfall“ schiesst es mir durch den Kopf.
Nach vergeblichem Bemühen, die Symptome als nichtig abzutun, erfolgt schliesslich die ärztliche Notfalleinweisung ins Zentrumsspital. Der Blutdruck ist sehr hoch, Verdacht auf transitorisch ischämische Attacke, eine Durchblutungs­störung des Gehirns; es folgen Massnahmen zur Blutdrucksenkung. Dazu der samstägliche Diagnoseapparat auf vollen Touren, aber letztlich kein eindeutiger Hinweis auf eine Ursache. Allenfalls ist die rechte Hirnschlagader nicht ganz normal durchströmt. Verlegung auf die Neurologie, 24-Stunden-Überwachung. Das heisst, es summt und piepst im Sekundenrhythmus überall um mich herum, die Zimmertür offen, ungedämpfte Stimmen. Sinkt der Puls, piepst es im Zimmer. Es piepst im Stationszimmer. Es piepst im ganzen Gang, wenn ein Patient ruft. Die automatische Blutdruckmessung quetscht im stündlichen Abstand den Arm, Schlafen wird so unmöglich.
Die folgenden zwei Wochen werde ich sehr gut medizinisch und pflegerisch betreut, fachlich kompetent und menschlich freundlich. Aber die äusseren Bedingungen belasten mich sehr, die ständige Unruhe, die Störungen, die langen Untersuchungen. Es entwickelt sich eine gravierende Schlaf­störung. Nach anderthalb Wochen verbringe ich eine Nacht im Schlaflabor, bin vollständig „verdrahtet“ – und sehne mich so nach Ruhe! Es ergibt sich keine wirkliche Diagnose, und ich werde aus dem Spital entlassen.

Ein neuer Anlauf

Der Hausarzt respektiert meinen Wunsch und meldet mich in der Ita Wegman Klinik an. Nun tauchen neue Bedenken auf: Wie weit gehen dort meine Einschränkungen, werde ich wohl Laptop und Handy behalten dürfen, kann ich das Velo mitbringen, wie werde ich untergebracht sein, was kommt an Unbekanntem?
Im ersten Telefonat mit der Bettendisponentin lösen sich einige Fragen pragmatisch, sie reagiert auf meine Fragen ausgenommen sympathisch. Dann der Eintritt, von der Ehefrau begleitet. Überrascht bin ich, dass schon der Eintritt in die Foyeratmosphäre deutlich spürbar meine Spannung löst. Die Farben, die Gestaltung, die ausgestellten Bilder, vor denen ich häufig mit zwiespältigen Gefühlen stehe – Gelassenheit und Entspannung kehren ein.

Das Zimmer mit Blick ins Grüne, die feingliedrigen Farben der Blumenbeete, die architektonische und farbliche Gestaltung der Gebäude, vor allem innen, alles strahlt eine angenehme Natürlichkeit aus. Farben, zum Teil auf den ersten Blick gewagt, machen Gänge sonnendurchflutet gelb oder beruhigend in zartem Violett. Schon bald nehme ich wahr, dass die Begegnungen mit Pflegenden, auch Raumpflegenden, mit Ärzten von natürlicher Gelassenheit und Freundlichkeit geprägt sind. Die Ärzte sind dem Menschen zugewandt, nicht auf dem Durchgang zum nächsten Patienten.

Ein guter Anfang

Das Aufnahmegespräch zu viert, der Chefarzt, die Assistenz­ärztin, meine Frau und ich. Ohne Umschweife, aber nicht forciert, kommen die tieferen Belastungen aus Beruf und privatem Umfeld und dem vorangehenden Spitalaufenthalt zur Sprache. Die Ärzte bringen ein natürliches Interesse am Menschen mit. Meine Krankengeschichte aus den Zentrumskliniken kennen sie. Das Gespräch verläuft in aller Ruhe, sanft geführt. Grenzen der seelischen Kräfte aus Dauerbelastung werden sichtbar. Ich fühle mich gehört, verstanden. Von diesem Moment an weiss ich mich am richtigen Ort.
Meinem Wunsch nach Musik- und Maltherapie wird nicht ganz entsprochen. Verordnet werden mit meinem ausdrücklichen Einverständnis Maltherapie, Heileurythmie, Nieren­wickel am Mittag und rhythmische Fusseinreibung am Abend. Später kommt wegen Verspannung im Lendenwirbelbereich Physiotherapie hinzu. In den freien Zeiten darf ich nach Lust und Laune Velo fahren. Mein Entschluss zur deutlichen Gewichtsreduktion wird sofort als Wunsch entgegengenommen und mit der Küche hervorragend umgesetzt: halbe Portionen, kein Zucker, viel Früchte. Mit viel Phantasie, mit exzellentem Wissen von Kräutern und Gewürzen bekomme ich harmonische Mahlzeiten geboten. Kein dogmatischer Vegetarismus, die individuellen Wünsche auch der anderen Patientinnen und Patienten sind stets berücksichtigt. Beim Betrachten des Ganzen wird deutlich: Hier regiert ein umfassendes Verständnis für den Menschen und seine Gesundheit, für Physis und Psyche.

Doch, ich kann malen!

Von früher Jugend an neusprachlich-naturwissenschaftlich ausgebildet und später über Jahrzehnte in der akademischen Grundlagenforschung in Lehre und Anwendung tätig, habe ich mir ein gewisses Mass an musischer Beschäftigung erhalten. Schulisch wurden diese Seiten stark angesprochen, tätig umgesetzt habe ich sie jahrelang nicht. Berufliche und private Aufgaben liessen für eigene künstlerische Aktivitäten kaum Raum. Meine schulischen Versuche im Malen gefielen mir, aber die Lehrerin fand sie schlecht.
Was würde nun in der Maltherapie passieren? Wie würde ich den Pinsel halten, welche Farben sollte ich wählen, ja, was sollte ich überhaupt malen? Eine Vorstellung habe ich nicht, eher ein wenig Angst. Der Therapeut versteht es, mir mit einfachsten Fragen einen Ansatz zu geben. Ich wähle Farben und entscheide mich für die Elemente Luft und Wasser. Maltechnisch keinen Anspruch erfüllend, gehe ich vom Resultat zufrieden aus der Therapie fort. Ich fühle mich erleichtert, positiv bewegt. In den weiteren Sitzungen erfahre ich in ­kleinen Schritten, wie Farben aufeinander wirken, ich kann den Pinselstrich zunehmend gestalten. Aber darum geht es gar nicht. Das Gemalte ergibt sich im Prozess, die Vorstellung formt sich und spiegelt letztlich mein Befinden, manchmal wie strahlendes Licht. Was es den Ärzten und Therapeuten sagt, weiss ich im Detail nicht.

Eine andere Form von Bewegung

Die erste Heileurythmie steht bevor. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt, kann mir keine Wirkung vorstellen. Ich kenne die Eurythmie von einigen Aufführungen. Diese lösen immer wieder eine gewisse Scheu, ein Befremden aus.
Was würde die Heileurythmistin von mir an Bewegung erwarten? Zunächst soll ich schreiten, vorsichtig, bewusst. Vorwärts, rückwärts, dann eine Acht, ohne zu kehren. Plötzlich war ich fasziniert! Das scheinbar Einfache, das Gehen in Schritten, Schritte in drei Phasen gleicher Dauer erfassen und ausführen – das sind auch Gleichgewichtsübungen. Nach dem ersten Mal nehme ich die Wirkung als Ausgleichen meines Gemütszustandes wahr. Ich gehe ungewohnt ruhig durch den Garten von dannen. Die Übungen werden komplexer, Arme, Hände, der ganze Körper wird mit Bewusstsein durchdrungen in die Bewegung genommen. Die Wirkung ist sanft, aber deutlich spürbar. Und sie wird mit jedem Mal spürbarer.
Nach den ersten Therapietagen erlebe ich, wofür die Ärzte die Therapiebeobachtungen heranziehen. In einer ausführlichen Visite wird mit mir die präzisierte Diagnose besprochen. Die Therapien werden nun mit anthroposophischen Arzneimitteln ergänzt.
Die Wirkungen der physikalischen und der physikalisch-­anthroposophischen Therapien sind auch dem pragmatischsten Wesen in mir direkt zugänglich. Mein Gott, wer macht denn Wickel!? Die Grossmutter!

Dann liege ich zwanzig Minuten mit einem Nierenwickel, heiss, mit Ingwer getränkt. Eine wohlige Wärme durchströmt mich. Auch wenn ich lieber dabei gelesen hätte, die Empfehlung lautet „Augen zu und entspannen“. Die Entspannung stellt sich ein, und dann der Schlaf. Abends sorgt die rhythmische Fusseinreibung dafür, die Sinne und die Gedanken zu befreien. Schon bei den ersten Bewegungen löst sich meine alltägliche innere Spannung, bald senkt sich Ruhe herab, und langsam dämmere ich in tiefen Schlaf. Der ist auch nötig, denn was von Ferne wie Ferien tönt, ist intensive, fordernde und ermüdende Arbeit. Und doch spüre ich, wie die Kräfte wachsen.

Den Umgang mit sich selbst lernen

Anfangs noch stelle ich mir die Frage, ob ich nicht ganz einfach an einen schönen Wellness-Ort hätte fahren können. Aber nein, wer nimmt einen so als Individuum wahr, nimmt sich so viel Zeit, hat so viel Einsichten, um Seele, Geist und Körper als Gesamtes zu erfassen und aufgrund von Anamnese und Diagnose Therapien zu gewähren, die über „Kopf und Bauch“ hinausgehen? Wer beobachtet das Therapiever­halten des Patienten und die Wirkung auf ihn so genau und stellt darauf eine präzise Diagnose zum Gleichgewicht der geistigen, seelischen und körperlichen Kräfte? Wer hat die geeigneten Therapien, um wirksam die dem Menschen eigenen Fähigkeiten zur Wiederherstellung des Gleichgewichts zu aktivieren? Ich sehe das nur bei Ärzten, die den Menschen in seiner Gesamtheit betrachten und ernst nehmen.
Chemie und Biochemie können viel, aber hier wachsen die Heilkräfte aus den eigenen, individuellen Mitteln. Denn die Ressourcen werden aktiviert. Das ist für mich bei aller Vorbelastung durch und den Glauben an die gängige Wissenschaft erfahrbar. Eine Voraussetzung hierzu ist, dass ich mich von Vorurteilen befreit einlasse auf Malen, Eurythmie, die Medikation und Betreuung. Mit den erfahrenen Wirkungen schärft sich mein „Gspür“ für die eigenen Kräfte, Fähigkeiten und Unfähigkeiten. Ich lerne, mit mir umzugehen.

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