Schlaffördernde Heilpflanzen

In der Ita Wegman Klinik kommen verschiedenste schlaffördernde Heilpflanzen zum Einsatz, die zum grossen Teil auch im hauseigenen Heilmittellabor verarbeitet werden – sowohl klassische „Schlafpflanzen“ wie Melisse, Lavendel und Passionsblume als auch weniger bekannte wie der Hafer oder die Goethe-Pflanze Bryophyllum.
Michaela Spaar sprach mit Dr. med. Clifford Kunz, Christine Lackemann, Mitarbeiterin des Heilmittellabors, und Gallus Stöckler, Apotheker in der hauseigenen Apotheke.

Für uns lebensnotwendig ist der Schlaf, der Körper, Seele und Geist regeneriert. Viele Menschen greifen heute gerne bei Schlafstörungen zu einer Schlaftablette, die rasch wirkt, als Narkotikum jedoch betäubt und für traumlose Nächte und benebeltes Aufwachen sorgt. In der Volksmedizin und in der Phytotherapie gibt es verschiedene klassische „Schlafpflanzen“
wie Baldrian, Hopfen, Melisse, Lavendel oder Passionsblume, die sich für die Selbstmedikation eignen. Sie können einen erholsamen Schlaf schaffen, haben keine Nebenwirkungen und führen nicht in Abhängigkeit. Doch es braucht Geduld, da die meisten Heilpflanzen erst nach mehreren Tagen oder Wochen ihre Wirksamkeit entfalten.

In der Anthroposophischen Medizin gibt es eine Reihe
weiterer Heilmittel, die die Wesensglieder des Patienten gezielt ansprechen sollen, z.B. auf der ätherischen und
seelischen Ebene einhüllen, seelisch ausgleichend wirken, den Tag-Nacht-Rhythmus stärken oder den Leber-Rhythmus beeinflussen. Hier sind aber die Grenzen der Selbst­medika­tion bald erreicht. Um diese Heilmittel richtig und wirkungsvoll einzusetzen, bedarf es der ärztlichen Anamnese, der Begegnung von Arzt und Patient.

Es ist für uns zunächst selbstverständlich, dass wir gut schlafen. Doch viele leiden unter Schlafstörungen. Wie würden Sie Schlafstörungen charakterisieren?

Clifford Kunz: Der Schlaf ist ein geheimnisvoller, aktiver Prozess, der stark mit den circadianen Rhythmen – der so­genannten inneren Uhr – verbunden ist. Schlafstörungen sind Ausdruck davon, dass etwas Grundlegendes nicht mehr im Gleichgewicht ist. Ausgelöst werden sie meist durch Lebenskrisen, Schockzustände, Erschöpfung, Operationen oder Unfälle, wenn entweder auf der physisch-ätherischen Ebene etwas verschoben ist oder das seelische Gefüge erschüttert wurde. Die Behandlung von Schlafstörungen mit natürlichen Mitteln gehört zu den anspruchvollsten thera­peutischen Aufgaben.

Was gilt es zu beachten?

Gallus Stöckler: Schlafstörungen sind enorm vielfältig in der Erscheinungsform, ebenso in der Entstehung und in den Ursachen. Nicht verwunderlich ist, dass es eine enorme Vielfalt an rezeptfreien und rezeptpflichtigen Mitteln dafür gibt. Clifford Kunz: Zunächst muss geklärt werden, warum jemand nicht schlafen kann: Ist das Zimmer gut gelüftet? Sind Füsse und Hände zu kalt oder zu heiss? Gibt es Verspannungen, Blockaden oder Schmerzen? Gibt es Störungen im Stoffwechsel oder bei der Verdauung? Weiter gilt es zu prüfen, ob jemand unter inneren Anspannungen, Ängsten oder gar Alpträumen leidet. Dann überlegt man, welches Heilmittel bzw. welche Pflanze für diesen Patienten am besten geeignet ist. Denn es gibt nicht das Schlafmittel per se.

Jede „Schlafpflanze“ hat ihr Wirkgebiet, ihr bestimmtes Motiv. Wie würden Sie das des Hafers charakterisieren?

Clifford Kunz: Der Hafer (Avena sativa) dient in der Ernährung als grundlegendes, kräftigendes Aufbaumittel bei schweren Erschöpfungen, beruhigt den übersäuerten Magen und spendet Wärme von innen. Er stärkt die Aufbaukräfte. In grünem Zustand geerntet, verwenden wir ihn medizinisch gerne bei Mischbildern von Schlaflosigkeit und chronischen Erschöpfungszuständen.

In welcher Form wird er in der Ita Wegman Klinik verabreicht?

Gallus Stöckler: Hafer verwenden wir in Tropfenform. Früher diente der Hafer allgemein als Frühstücksgrütze, vor allem in England (Porridge) und Deutschland. Bis heute wird er als Haferschleimsuppe bei Appetitlosigkeit sowie bei Magen- und Darmbeschwerden eingesetzt.

Christine Lackemann: Das luftige, Licht und Feuchtigkeit liebende Getreide ernten wir im Juni, während der soge­nannten Milchreife, wenn das kniehohe Korn noch hellgrün und ganz vital ist. Um Hafer in Demeter-Qualität zu bekommen, können wir ein Feld der Sativa in Rheinau nutzen. Frisch zerkleinert und in niedrigprozentigem Alkohol angesetzt, wird dieser Frischpflanzenextrakt ca. zwei Wochen später abgepresst und filtriert.

Sie verwenden auch nichteinheimische Pflanzen wie die Passionsblume. Warum?

Clifford Kunz: Wir konnten die Erfahrung machen, dass die Passionsblume (Passiflora incarnata) wirksamer ist als z.B. Hopfen, besonders bei innerer Nervosität, Gedankenkreisen und Nicht-loslassen-Können. Sie beruhigt, wirkt schmerz- und krampfstillend und stärkt die Lebenskräfte.
Das ursprünglich aus Südamerika stammende, üppig wachsende Rankgewächs ist Ausdruck von vegetativen Vitalkräften im Überschuss, die in einzigartige Blüten­bildungen umgewandelt werden.

Gallus Stöckler: Der Name der wohlriechenden Passionsblume (Passiflora: lat. Passio= Leiden und Flos=Blume) ist im 17. Jahrhundert von Missionaren in Südamerika geprägt worden. So verglich ein Jesuitenpater die Pflanze mit den Attributen bzw. Marterwerkzeugen Christi: Nach ihm stellten die drei Narben die Nägel dar, der Fadenkranz die Dornenkrone, der gestielte Fruchtknoten den Kelch, die fünf Staubbeutel die Wundmale, die Laubblätter die Lanze und die Ranken die Geisseln.

Christine Lackemann: Die Blüten der Passionsblume sind zauberhaft. Kaum wagt man sie abzurupfen. Beein­druckend ist beim Ernten, dass Blüten und Blätter sehr viel Volumen einnehmen, aber wenig Gewicht haben. Von ihnen machen wir ebenfalls einen Auszug.

Seit einiger Zeit verwenden Sie den qualitativ ­wertvolleren Berglavendel aus der Haute Provence in Demeter-Qualität. In welchen Darreichungsformen ist er bei Ihnen erhältlich?

Gallus Stöckler: Es gibt Lavendelöl, das bei rhythmischen Einreibungen verwendet wird, die Lavendel-Bademilch und die sehr beliebte Berglavendel-Emulsion, die über die Haut zunächst kühlend-erfrischend, dann wärmend wirkt.

Clifford Kunz: Bei Lavendel gilt es vor allem zu beachten, dass es verschiedene Lavendelsorten gibt und dass man wirklich den echten Lavendel verwendet.

Wie würden Sie das spezielle Wirkungsgebiet des Lavendels beschreiben?

Clifford Kunz: Der echte Lavendel (Lavendula angusti­folia) –
mit seinem unvergleichlichen Geruch – wirkt auf die
Nerven-Sinnesorgane nicht nur beruhigend, sondern auch anregend und umstimmend. Er wird eingesetzt, wenn die Nerven-Sinnesorganisation zermürbt und verkrampft ist.

Die beliebte Garten- und wichtige Bienenfutter­pflanze Zitronenmelisse wird sowohl in der Volksmedizin
und Phytotherapie als auch in der Ita Wegman ­Klinik eingesetzt. Was ist ihre Aufgabe in der
Anthro­posophischen Medizin?

Clifford Kunz: Charakteristisch ist für die Melisse (Melissa officinalis), dass sie ihren pflanzlichen Schwerpunkt im Blattbereich hat, zunächst ganz im Vegetativen bleibt, in einem ordnenden Rhythmus von einer Vielzahl hellgrüner, gegenständiger Blätter. Erst im Hochsommer bilden sich die
kleinen, fast unscheinbaren weissen Blüten in den Blatt­achseln. Der Blattbereich bleibt dabei frisch und kann in sich die Blütenqualitäten verinnerlichen, sodass neben der zarten Duftkomponente auch eine besondere Geschmackskomponente in dieser Pflanze entstehen kann. Sie wirkt vor allem heilend auf die rhythmische Organisation, die für die anthroposophisch orientierte Medizin die leibliche Grundlage des Seelenlebens darstellt. Die Melisse kann hier Stockungen und Blockaden auflösen und grundlegend umstimmen. Medizinisch zeigt sich das dann auch in positiven Wirkungen auf das Nervensystem, das Herz und die Verdauungsorgane.

Christine Lackemann: Aus den Blättern der Melisse machen wir ebenfalls eine schlaffördernde Tinktur.

Was zeichnet die schlaffördernden Heilpflanzen aus?

Clifford Kunz: Sie haben neben der allgemeinen beruhigenden, ausgleichenden und entspannenden Wirkung eine vitalisierende, anregende und grundlegend umstimmende Komponente.

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Fachperson Michaela Spaar
Arbeitsschwerpunkte seit 1998 Redaktorin bei der Wochenschrift „Das Goetheanum“. Seit 2009 Co-Leiterin des öffentlich zugänglichen Schau- und Bauerngartens der Gemeinde Arlesheim.
Kontakt spaarmi@hotmail.com

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