Putzen und Reinigen als Geschenk

Putzen und Reinigen als Geschenk

Auch mit all­täg­li­chen Hand­lun­gen und Tätig­kei­ten lässt sich viel bewir­ken.

Din­ge bewusst und acht­sam zu tun, ist ein wich­ti­ger Grund­satz, der in der Kli­nik Arle­sheim über­all ange­strebt wird – auch im Rei­ni­gungs­dienst. Denn die Sau­ber­keit und Rein­heit der Räu­me, ihre acht­sa­me Rei­ni­gung und Pfle­ge schaf­fen den Raum, in dem Men­schen wie­der gesun­den kön­nen.

Jeden Mor­gen begin­nen wir unse­ren All­tag im ver­trau­ten eige­nen „Uni­ver­sum“ mit den vie­len Din­gen, die uns umge­ben, und wir sind uns oft nicht bewusst, dass wir täg­lich die Grund­la­gen eines Ord­nungs­sys­tems neu erschaf­fen, ohne das wir nicht exis­tie­ren könn­ten. Die all­täg­li­chen Gegen­stän­de flies­sen zu einem Strom zusam­men, von dem wir getra­gen und mit­ge­zo­gen wer­den, eben­so die vie­len klei­nen Ges­ten, die wir aus­füh­ren, ohne nur ein­mal dar­über nach­zu­den­ken, weil sie so banal sind. Und den­noch unter­stüt­zen wir damit die Grund­la­gen eines kom­ple­xen Sys­tems der Ord­nung, das dafür sorgt, dass alles sei­nen eige­nen bestimm­ten Ort inner­halb einer grös­se­ren Ord­nung behält.

Reinigung als Kulturimpuls und Lebensgrundlage

Der Tag beginnt fast immer mit der Rei­ni­gung: Nach dem Auf­ste­hen waschen wir Hän­de und Gesicht. Nach dem Früh­stück wird der Tisch abge­räumt, das Geschirr gespült, die Zäh­ne wer­den geputzt: noch­mals Rei­ni­gung.
Fast jede Tat und jede Auf­ga­be set­zen irgend­ei­ne Form des Ord­nens oder der Rei­ni­gung vor­aus, sogar das Medi­tie­ren! Am Anfang war mir dies nicht so bewusst, aber sobald ich anfing, mei­ne Ges­ten wäh­rend der Rei­ni­gung bewusst wahr­zu­neh­men, wur­de mir klar, in wel­chem Mass das täg­li­che Leben Ord­nung und Rei­ni­gung als Grund­la­ge braucht.
Wir räu­men auf, waschen und put­zen, ohne die wirk­li­chen Prin­zi­pi­en der Haus­ar­beit zu ken­nen. Das Nahe­lie­gen­de und All­täg­li­che bil­det die Grund­la­ge des Lebens, und doch reden wir fast nie dar­über, den­ken sel­ten dar­über nach. Aber genau die­se vie­len klei­nen Tätig­kei­ten rund ums Haus­hal­ten mit dem Besen und ande­ren Put­zu­ten­si­li­en haben die Fähig­keit, uns den Zugang zu grös­se­ren Hori­zon­ten zu eröff­nen.
Put­zen hat nicht nur mit Hygie­ne zu tun, es ist ein alter Kul­tur­im­puls, eine grund­le­gen­de kul­tu­rel­le Erfah­rung, die Gefahr läuft ver­lo­ren zu gehen, nicht nur für vie­le Kin­der, aber für einen gros­sen Teil der Gesell­schaft. Rei­ni­gung ist eine exis­ten­zi­el­le Leis­tung für die Gesell­schaft – eben­so wie die bewuss­te, umwelt­ge­rech­te Rei­ni­gung exis­ten­zi­ell für die Natur ist.

Raum für die Heilung schaffen und gestalten

Für Ita Weg­man als Pio­nie­rin der Anthro­po­so­phi­schen Medi­zin und Grün­de­rin des Kli­nisch-The­ra­peu­ti­schen Insti­tuts in Arle­sheim gehör­ten die Haus­wirt­schaft und die Art, wie sie gepflegt wird, grund­sätz­lich zum The­ra­pie­an­satz. Wie wich­tig ihr die Haus­wirt­schaft als Auf­ga­ben­feld war, und zwar vom ers­ten Kli­nik­tag an, schil­der­te Peter Selg anläss­lich eines Vor­trags an der 2. Tagung zur Putz­kul­tur am Goe­thea­num im Jahr 2006. In einem Brief an Lud­wig Noll, einen Arzt, den sie um Mit­ar­beit bei der Grün­dung der Kli­nik bat, schrieb sie zum Bei­spiel: „Ich sel­ber bin trotz mei­nes medi­zi­ni­schen Stu­di­ums bewan­dert in der Haus­hal­tung und in der Diät­kü­che, könn­te also Haus­häl­te­rin­nen sehr gut anler­nen und beauf­sich­ti­gen.“
Für Ita Weg­man war die inne­re Hal­tung im Umgang mit Räu­men wesent­lich, denn die­se sind für die Men­schen da, damit etwas Mensch­li­ches in ihnen geschieht. Wich­tig war ihr dabei auch die Wür­de der Din­ge, auch wenn es dar­um ging, wie mit dem Geld und mit dem Essen zu ver­fah­ren ist, wie das wird mit der Küche und dem Umbau, aber auch mit der Hei­zung, den Gärt­nern und mit dem gan­zen Umraum der Kli­nik – Ita Weg­man war unsäg­lich damit beschäf­tigt.
Manch­mal kann man gera­de­zu den Ein­druck bekom­men: Sie, die Ärz­tin, war eigent­lich vor allem dar­auf kon­zen­triert, die Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, dass über­haupt geheilt wer­den konn­te. Das Hei­len – wenn man dar­un­ter ledig­lich den wei­sen Arzt ver­steht, der mit tie­ferns­tem Blick die ent­schei­den­de Sub­stanz ver­ab­reicht – mach­te zeit­lich gese­hen nur einen klei­nen Bruch­teil ihres Tages aus. Viel mehr Kraft und Zeit ging in die Berei­tung des Umraums, ja der Räu­me – im wei­tes­ten Sinn ver­stan­den.
Wahr­schein­lich hät­te Ita Weg­man sel­ber gesagt, es gehe dar­um, die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass die hei­len­den Kräf­te und die hei­len­den Geis­ter über­haupt wir­ken kön­nen. Dadurch behielt die Kli­nik immer eine ent­schie­den the­ra­peu­ti­sche Atmo­sphä­re. Ita Weg­man sorg­te für Rein­lich­keit, bes­ser, für die Rein­heit der Räu­me, in gewis­ser Wei­se auch für die Rein­heit der Gesin­nung.

Hingabe und Achtsamkeit

Vor eini­gen Jah­ren wur­de ich gebe­ten, die Lei­tung der Haus­wirt­schaft in der Lukas Kli­nik zu über­neh­men, mit der Bit­te zu ver­su­chen, die­se Gesin­nung im Team zu eta­blie­ren. Eini­ge Frau­en waren schon seit 35 Jah­ren dort tätig und wuss­ten genau, wie alles gemacht wer­den soll­te. Noch nie hat­ten sie von Lin­da Tho­mas gehört und frag­ten auch nicht, was ich zu bie­ten hät­te. Man hat­te mich ihnen ja ein­fach so „vor­ge­setzt“. Es brauch­te Zeit, bis ich sie gut genug kann­te, um zu spü­ren, wo ich anset­zen konn­te.
Der ers­te und wich­tigs­te Schritt bestand dar­in, die Wahr­neh­mung und die Selbst­wahr­neh­mung bei den Mit­ar­bei­te­rin­nen zu schu­len, zum Bei­spiel für die eige­ne Ges­tik.
Das Rei­ni­gungs­per­so­nal durf­te wech­sel­wei­se auch unse­re Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten im Spei­se­saal bedie­nen. Ich for­der­te eine beson­ders fleis­si­ge, jedoch von ihrer Ges­tik her eher chao­ti­sche Mit­ar­bei­te­rin auf, neben mir zu ste­hen und eine Pati­en­tin genau zu beob­ach­ten. Ihr fiel sehr bald auf, dass die Dame häu­fig zusam­men­zuck­te. Ich frag­te nach dem Grund. Nach wei­te­rer Beob­ach­tung stell­te sie fest, dass die Dame stark auf die Geräu­sche reagier­te, die durch das Abräu­men von Besteck und Geschirr ent­stan­den, die unacht­sam auf den Wagen geräumt wur­den.
Am nächs­ten Tag bat ich die Mit­ar­bei­te­rin, die Bedie­nung die­ser Dame zu über­neh­men. Es war rüh­rend zu beob­ach­ten, mit wel­cher Hin­ga­be und Acht­sam­keit sie jetzt ihre Auf­ga­be aus­führ­te. Strah­lend sag­te sie spä­ter, die Frau hät­te sich bei ihr bedankt, weil sie so still gear­bei­tet habe. Sie bemüh­te sich fort­an, auch bei der Rei­ni­gung mög­lichst lei­se zu arbei­ten. Dar­auf wur­den wie­der­um ihre Kol­le­gin­nen auf­merk­sam. Sie hat­te eine neue Wür­de erlangt und inspi­rier­te die ande­ren.

Alles hinterlässt seine Spuren im Raum

Eine jun­ge, mus­li­mi­sche Frau war oft krank. Ich fand her­aus, dass sie gros­se Angst hat­te, einen Raum zu betre­ten, wo Men­schen im Ster­ben lagen. Sie fand die Situa­ti­on belas­tend, und sobald es jeman­dem in ihrem Bereich sicht­bar schlech­ter ging, wur­de sie krank. Obwohl sie ger­ne auf der Sta­ti­on arbei­te­te, litt sie unter der Emp­fin­dung, dass die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten sie nicht ger­ne im Raum hät­ten.
Nach einem län­ge­ren Gespräch emp­fahl ich ihr, abends an die ster­ben­den Men­schen in ihrem Bereich zu den­ken. Am nächs­ten Tag, vor dem Betre­ten des Raums, soll­te sie noch­mals fest an die Per­son im Zim­mer den­ken und dann den Schutz­en­gel die­ses Men­schen bit­ten, sie an die Hand zu neh­men und mit ihr hin­ein zu gehen. Sie schau­te mich erstaunt an, aber als ich ihr sag­te, sie könn­te es zuerst zu Hau­se mit ihren Kin­dern üben, woll­te sie es ger­ne ver­su­chen.
Eini­ge Tage spä­ter kam sie sicht­lich bewegt zu mir und sag­te: „Frau Mül­ler hat mir heu­te zum ers­ten Mal gesagt, wie schön es sei, mich zu sehen, und hat sich für das sau­be­re Zim­mer bedankt.“ Die­se Mit­ar­bei­te­rin hat spä­ter einen Deutsch­kurs besucht und eine Wei­ter­bil­dung abge­schlos­sen. Heu­te arbei­tet sie als ein­fühl­sa­me und geschätz­te Pfle­ge­hil­fe.
So konn­te ich nach und nach jede mei­ner Mit­ar­bei­te­rin­nen auf eine für sie sinn­brin­gen­de Art anspre­chen. Die Eigen­ver­ant­wor­tung wur­de unter­stützt, indem sie – durch Bei­spie­le aus dem All­tag – ein­se­hen konn­ten, dass alles sei­ne Spu­ren in einem Raum hin­ter­lässt, sei es Streit, Unge­duld, Eifer­sucht, über die Kol­le­gin­nen reden…

Das lieben lernen, was wir tun

Als ich vor Jah­ren ver­such­te, eine neue Ein­stel­lung zur Tätig­keit als Rei­ni­gungs­mit­ar­bei­te­rin zu fin­den, half mir fol­gen­der Satz: „Wenn du nicht das tun kannst, was du liebst, so ler­ne das zu lie­ben, was du tust.“ Durch bewusst aus­ge­führ­te Hand­lun­gen und Ges­ten kön­nen wir fest­stel­len, dass dies ein Bereich ist, wo die mensch­li­che Pfle­ge sich bedin­gungs­los mit der Mate­rie ver­bin­det, um sie zu ver­wan­deln. Put­zen wir mit Hin­ga­be und Lie­be, wird das Put­zen zum Pfle­gen. Dann neh­men wir nicht nur Schmutz weg, son­dern schaf­fen Raum, zum Bei­spiel für die Hei­lung.
Goe­thes Faust weist beim Betre­ten von Gret­chens Stu­be auf die Wir­kung die­ser erstre­bens­wer­ten Fähig­keit hin:

Wie atmet rings Gefühl der Stil­le,
der Ord­nung, der Zufrie­den­heit!
In die­ser Armut wel­che Fül­le!
In die­sem Ker­ker wel­che Selig­keit!

Noch deut­li­cher wird es in dem Satz:

O lie­be Hand! So göt­ter­gleich!
Die Hüt­te wird durch dich ein Him­mel­reich.“

Mit die­ser Ein­stel­lung könn­te der All­tag zum Übungs­weg wer­den: Dann erle­ben wir das Put­zen nicht nur als läs­ti­ge Not­wen­dig­keit, son­dern als Lebens­qua­li­tät, als Geschenk – ein Geschenk an alle, die die Räu­me nut­zen, die wir pfle­gen, an die Umwelt, die Erde, die Mensch­heit, die geis­ti­ge Welt.

Linda Thomas

Fach­per­son

Lin­da Tho­mas

Arbeits­schwer­punk­te In Süd­afri­ka gebo­ren. 1988 „öko­lo­gi­sches Rei­ni­gungs­in­sti­tut“. 1993 bis 2011 Lei­tung Rei­ni­gungs­dienst a, Goe­thea­num in Dor­n­ach. Seit 2004 Initia­ti­ve für Inter­na­tio­na­le Fach­ta­gung zur Putz­kul­tur.

Seit 2012 Lei­tung Haus­wirt­schaft Lukas Kli­nik, seit 2014 Lei­tung Diens­te Kli­nik Arle­sheim, Mit­glied Kli­nik­lei­tung. Inter­na­tio­nal auf Vor­trä­gen und Semi­na­ren unter­wegs.

Kon­takt linda.thomas@klinik-arlesheim.ch

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