Ita Wegmans Persönlichkeit

Ein klei­nes Haus in einem wil­den, dicht bewach­se­nen Gar­ten mit einem gros­sen Apfel­baum am Ein­gang – das war die äus­se­re Umrah­mung, in der die Geschich­te des Kli­nisch-The­ra­peu­ti­schen Insti­tu­tes ihren Anfang nahm. In die­sem jedoch wirk­te eine gros­se Frau­en­see­le, wel­che auf alle, die ihr begeg­ne­ten, einen unver­gess­li­chen Ein­druck mach­te. Über die Geschi­cke des Kli­nisch-The­ra­peu­ti­schen Insti­tu­tes in Arle­sheim zu schrei­ben, heisst in ers­ter Linie über das Wir­ken die­ser Per­sön­lich­keit erzäh­len.“ (Made­lei­ne van Deven­ter)

Ein unge­wöhn­li­cher Lebens­weg

Ita Weg­mans Bio­gra­phie ist ein­drucks­voll – 1876 im fer­nen Indo­ne­si­en als Toch­ter einer hol­län­di­schen Kolo­ni­al­fa­mi­lie gebo­ren, kam sie zur Zeit der Jahr­hun­dert­wen­de für immer nach Mit­tel­eu­ro­pa und erlern­te in Hol­land und Deutsch­land Heil­gym­nas­tik und Mas­sa­ge, ehe sie – bereits dreis­sig­jäh­rig – ihre Matur in der Schweiz nach­hol­te, das Medi­zin­stu­di­um in Zürich begann und erfolg­reich absol­vier­te. Schon kurz nach ihrer Qua­li­fi­ka­ti­on zur Fach­ärz­tin für Frau­en­heil­kun­de eröff­ne­te sie eine ers­te eigen­stän­di­ge Pra­xis (1917) und betrieb bereits zwei Jah­re spä­ter mit Kol­le­gin­nen eine grös­se­re Zür­cher Pri­vat­kli­nik; dann ging sie nach Arle­sheim, um eine umfas­sen­de the­ra­peu­ti­sche Neu­grün­dung in der Nähe Rudolf Stei­ners ins Auge zu fas­sen. Im Som­mer 1921 begann die legen­dä­re Geschich­te des „Kli­nisch-The­ra­peu­ti­schen Insti­tu­tes“, das unter Weg­mans sou­ve­rä­ner Füh­rung und Rudolf Stei­ners spi­ri­tu­el­ler Beglei­tung zu einer fol­gen­rei­chen inter­na­tio­na­len Aus­brei­tung neu­er Heil­we­ge und Heil­mit­tel führ­te, aber auch zu einem ver­än­der­ten Umgang mit den Phä­no­me­nen der Krank­heit und Behin­de­rung, der Hei­lung und des Todes. Wer war die­se gros­se und voll­kom­men unab­hän­gi­ge Per­sön­lich­keit, die bis zu ihrem Tod im Jah­re 1943 im geis­ti­gen, sozia­len und öko­no­mi­schen Zen­trum unzäh­li­ger Akti­vi­tä­ten stand? Wel­cher „unver­gess­li­che Ein­druck“ ging von Weg­man aus, der sie befä­hig­te, in den poli­tisch schwie­ri­gen und ange­spann­ten Zei­ten zwi­schen den Welt­krie­gen eine neue Medi­zin auf den Weg zu brin­gen, zahl­rei­che bis heu­te nach­wir­ken­de Ent­wick­lun­gen ein­zu­lei­ten und dabei unzäh­li­ge kran­ke und not­lei­den­de Men­schen indi­vi­du­ell zu unter­stüt­zen?

Man konn­te mehr in ihrer Nähe.“

Ita Weg­mans per­sön­li­che Aus­strah­lung war gross – sie inter­es­sier­te sich für alles Mensch­li­che, für mensch­li­che Lebens­we­ge und Lebens­sor­gen („Men­schen­schick­sa­le waren ihr eigent­li­ches Haupt­the­ma.“) und hat­te dabei einen tie­fen Blick für indi­vi­du­el­le Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten und -kräf­te. Mit oft­mals wecken­den Fra­gen trat sie an ihr Gegen­über her­an und brach­te Men­schen zu sich und auf den Weg – sie bestärk­te sie in ihrem Inne­ren und wirk­te zudem mit ihrem eige­nen Enthu­si­as­mus anste­ckend, initia­tiv auf­rich­tend und ermu­ti­gend („Man konn­te mehr in ihrer Nähe.“). Ita Weg­man war von den posi­ti­ven Kräf­ten jedes ein­zel­nen Men­schen durch­drun­gen, an wel­chen Lebens­platz und vor wel­ches Lebens­pro­blem sich die­ser auch gestellt sah, und traf immer wie­der das wesent­li­che Wort, die Spra­che des Augen­blicks, kunst­los und in einer selt­sa­men Mischung der Dia­lek­te, aber den­noch ins Zen­trum des Ein­zel­nen fin­dend („Sie konn­te das Wort zum Men­schen so hand­ha­ben, dass es in Her­zens­grün­de hin­ein­ging, unver­lier­bar, unver­gess­lich.“). Sie war von schö­ner, gros­ser und auf­rech­ter Gestalt, hel­len Augen und einer ein­drucks­vol­len Beweg­lich­keit und Wär­me – in ihrer Nähe konn­te man atmen, in Frei­heit und Lebens­mut. Alles Klein­li­che war ihr fremd, alles Ängst­lich-Enge, Selbst­be­zo­gen-Begrenz­te, in sich Abge­schlos­se­ne oder Mora­lis­ti­sche. Ita Weg­man war ganz Gegen­wart und Prä­senz, sah dar­in aller­dings auch die ver­bor­ge­nen Kei­me des Künf­ti­gen; sie leb­te mit einem stän­di­gen Blick nach vor­ne.

Anspruchs­los und stil­voll

Rudolf Stei­ners anthro­po­so­phi­sche Geisteswissen­schaft bedeu­te­te für Ita Weg­man eine Metho­de der spi­ri­tu­el­len Schu­lung und ein neu­es, zukunfts­fä­hi­ges Kul­tur­ele­ment für alle Men­schen – einen Inhalt und eine Sub­stanz, die Ita Weg­man ziel­ge­rich­tet und initia­tiv aus­zu­brei­ten bestrebt war. Nie stand sie in der Gefahr, mis­sio­na­risch auf­zu­tre­ten oder aber sich mit der Anthro­po­so­phie aus dem öffent­li­chen Leben zurück­zu­zie­hen, obwohl sie ein viel­be­wan­der­ter, medi­ta­tiv und eso­te­risch aus­ge­rich­te­ter Mensch war. Ihre ärzt­li­chen Kol­le­gen über­rasch­te sie vor der mor­gend­li­chen Visi­te viel­mehr mit aus­grei­fen­den und kaum stör­ba­ren Zei­tungs­lek­tü­ren, begin­nend mit den „Bas­ler Nach­rich­ten“ – zeit­le­bens war Ita Weg­man auf der Höhe der poli­ti­schen Gescheh­nis­se und zugleich ein Mensch, der über gros­se unter­neh­me­risch-stra­te­gi­sche Gaben und einen aus­ge­präg­ten öko­no­mi­schen Sach­ver­stand ver­füg­te. Ihr per­sön­lich-mate­ri­el­les Fort­kom­men inter­es­sier­te sie dabei nicht, wohl aber die Ent­wick­lung der Zivi­li­sa­ti­on und des sozia­len Lebens, für das sie sich mit all ihren Kräf­ten ein­setz­te. Gera­de weil Ita Weg­man so offen­sicht­lich nichts für sich selbst woll­te, voll­kom­men anspruchs­los – wenn auch mit Stil – leb­te und über drei Jah­re in ihrem klei­nen Kli­nik­sprech­zim­mer unmit­tel­bar neben dem Schreib­tisch und der Unter­su­chungs­lie­ge schlief (bis Rudolf Stei­ner sein dies­be­züg­li­ches Veto ein­leg­te und ihr ein beschei­de­nes Holz­häus­chen im Kli­nik­gar­ten errich­ten liess), wur­den ihr von ver­mö­gen­den Men­schen im In- und Aus­land immer wie­der grös­se­re Geld­sum­men zur Ver­fü­gung gestellt – Geld­sum­men, die sie zum wei­te­ren Aus­bau der the­ra­peu­tisch-sozia­len Arbeit gebrauch­te.

Die Wei­te des Hori­zon­tes

Ita Weg­mans Ethik und Moral waren hoch, sie kann­te die Abgrün­de und Gefähr­dun­gen des Men­schen, und den­noch lieb­te sie das Leben in sei­ner gan­zen Schön­heit – so unter­nahm sie bis zum Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs all­jähr­lich aus­ge­dehn­te Rei­sen und fuhr noch im Som­mer 1939 bis zum Schwar­zen Meer, den gan­zen Bal­kan ent­lang. Ita Weg­man nahm die Län­der und Land­schaf­ten, die Mytho­lo­gi­en und Kul­tu­ren tief in sich auf, beschäf­tig­te sich inten­siv mit ihnen und kam mit neu­en Zukunfts­ide­en nach Arle­sheim zurück, gekräf­tigt, strah­lend und erfrischt. Auch die­se immer noch zuneh­men­de Wei­te ihres Hori­zon­tes und die fort­ge­setz­te, stän­dig nach vor­ne gerich­te­te Rei­fung ihrer See­le, auch durch schwe­re Schick­sals­schlä­ge und erlit­te­nes Unrecht hin­durch, tru­gen bis zuletzt zu dem von Made­lei­ne van Deven­ter ange­deu­te­ten „unver­gess­li­chen Ein­druck“ bei, der von Ita Weg­man zeit­le­bens aus­ging.

Humor

Sie war Tauf­pa­tin bei einem mei­ner Söh­ne. Er war älter, als Täuf­lin­ge gewöhn­lich sind, und folg­te der Zere­mo­nie mit Inter­es­se – bis zu einem gewis­sen Punk­te, als ihm die Sache zu lan­ge zu dau­ern schien. Mit dem lau­ten Rufe „Fer­tig!“ „Fer­tig!“ mach­te er sei­nen Gefüh­len Luft. Dr. Weg­man brach in ein unstill­ba­res Lachen aus, – wie nur ein Hol­län­der lachen kann. Und die Ver­le­gen­heit von Pries­tern, Eltern und Tauf­ge­mein­de lös­te sich in Wohl­ge­fal­len auf.

Maria Glas
Ärz­tin

Sozia­le Medi­zin

Sie hat­te ein wirk­lich könig­li­ches Wesen! Das bedeu­tet nicht, dass sie unnah­bar, distan­ziert oder gleich­gül­tig gegen­über den Nöten und Ereig­nis­sen ihrer Zeit gewe­sen wäre. Sie war könig­lich, und doch strahl­te sie eine tie­fe Brü­der­lich­keit aus. Für sie war jeder gleich. Ob sie sich um ein behin­der­tes Kind küm­mer­te, einen schrei­en­den Wahn­sin­ni­gen, einen preus­si­schen Gene­ral oder einen eng­li­schen Gra­fen, um einen jun­gen Arzt oder einen Medi­zin­stu­den­ten, eine Kran­ken­schwes­ter, einen Gärt­ner oder Bett­ler – sie sprach mit allen in der glei­chen Wei­se. […] Die­ser Geist der Brü­der­lich­keit, den sie auf alle Men­schen aus­dehn­te, floss auch in ihre the­ra­peu­ti­sche Arbeit ein. Die­se war her­vor­ra­gend, denn sie war zwei­fel­los der bes­te Arzt, dem ich je begeg­net bin. Den­ken Sie nicht, dass sie klug war, sie war wei­se. Auf die eine oder ande­re Wei­se ver­wen­de­te sie alles zur Hei­lung; ein Medi­ka­ment, ein star­kes Wort, einen lie­ben­den Blick, ein Musik­stück, ein Gemäl­de, einen Spa­zier­gang durch die Land­schaft; was immer ihr zur Ver­fü­gung stand, gebrauch­te sie.
Karl König
heil­päd­ago­gi­scher Arzt

Autoren125

Fach­per­son Dr. Peter Selg
Arbeits­schwer­punk­te Fach­arzt für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie und -psy­cho­the­ra­pie mit Ambu­lanz­sprech­stun­de in der Ita Weg­man Kli­nik. Lei­ter des Ita Weg­man Archivs und wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der Medi­zi­ni­schen Sek­ti­on am Goe­thea­num. Zahl­rei­che Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen zur Anthro­po­so­phi­schen Medi­zin.
Kon­takt Jugend­psych­ia­trisch-psy­cho­the­ra­peu­ti­sche
Ambu­lanz­sprech-stun­de der
Ita Weg­man Kli­nik,
Tele­fon
061 705 72 71

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