Geld zwischen Materie & Geist – Die einzige und unerschöpfliche Ressource ist der menschliche Geist

“Geld regiert die Welt.” Was aber ist Geld? Beim Nachdenken über die finanziellen Ressourcen im Allgemeinen sowie der Finanzsituation der Ita Wegman Klinik im Speziellen wird deutlich, dass es nötig ist, zwischen materiellen und spirituellen Ressourcen zu differenzieren. Das Geld ist so etwas wie ein Botenstoff zwischen diesen beiden Welten.

Es ist noch nicht lange her, dass die Meinung vorherrschte, praktisch unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung zu haben. Erinnert sei an die wissenschaftseuphorischen 60er Jahre: Im Jahr 2000 wollte man den Mond besiedelt, Stationen und Aussenposten auf dem Mars eingerichtet haben. Ein System von Hyperschnellbahnen sollte die Metropolen der Welt miteinander verbinden. Immer mehr und bessere Maschinen sollten den Menschen so viel Arbeit abnehmen, dass das Hauptproblem darin bestünde, wie man die viele Freizeit möglichst vergnügt verbringen könnte. Mit solchen Gedanken ist man damals Professor geworden.

Materielle Ressourcen sind endlich

1972 haben Donella und Dennis Meadows, letztgenannter ist Ehrenmitglied des „Club of Rome“, in ihrer Studie „Die Grenzen des Wachstums“ den Gedanken der grundsätzlichen Endlichkeit von materiellen Ressourcen erstmals der Welt­öffentlichkeit nahegebracht. Das war zwar ein Schock, wurde aber in der Folge nur halbherzig ernst genommen. Bis heute. Dabei redet man längst vom sogenannten „Oil Peak“, dem Moment der grösstmöglichen Ölförderung, die es je geben wird. Wir sind bereits nahe dran. Uns vorzustellen, was das in einer Gesellschaftsordnung bedeutet, die substanziell auf materielles Wachstum angelegt ist, bereitet uns durchaus noch Schwierigkeiten.

Ein Beispiel für die Endlichkeit

Die Erde ist ein endliches Gebilde. Wenn auf dieser Endlichkeit eine Doktrin des stetigen Wachstums verfolgt wird, können wir uns schnell ausmalen, was auf lange Sicht hin passieren wird. Diesen Prozess kann man übrigens in der Schweiz sehr gut verfolgen in Bezug auf Bauland und das (Neu-)Ausweisen von Wohn- und Gewerbegebieten. Die Fläche der Schweiz ist ebenfalls endlich. Ein stetiges Wirtschaftswachstum verlangt aber einen ständig steigenden Flächen“verbrauch“, jedenfalls nach den bisher gültigen Spielregeln. Man kann eben nur eine gewisse Zeit lang so tun, als gebe es unbegrenzte materielle Ressourcen. Irgendwann holt einen die Wirklichkeit ein.

Unendlich sind nur die geistigen Quellen

Nimmt in der Natur eine Population überhand, vermehren sich entweder ihre Feinde und dezimieren sie in einer Art versetzten Regelkreislauf. Oder ihr gehen die Ressourcen aus, und sie wird auf diese Art und Weise verkleinert. Es gibt nicht wenige, die eine solche Entwicklung auch für die Menschheit voraussehen resp. sogar wünschen, damit „die Erde wieder in Ordnung“ komme. Aber ist der Mensch nur ein Naturwesen?
Eine solche Haltung übersieht, dass der Mensch im Kern ein geistiges Wesen ist und tatsächlich über eine unbegrenzte Ressource verfügt. Diese nicht versiegende Quelle liegt im Geistigen. Wer kennt nicht das Erlebnis des Reichtums, wenn es gelingt, wirklich an die inneren Quellen zu gelangen?
Wenn wir den Menschen nur als aus sehr kleinen Teilen zusammengesetztes endliches Wesen denken, können wir der Täuschung erliegen, dass irgendwann „alles erfunden“, „alles ausgerechnet“, „alle denkbaren Möglichkeiten erschöpft“ seien. Das ist aber nur eine Übertragung der materiellen Endlichkeit auf die spirituelle Dimension des Menschen, die prinzipiell unendlich ist.

Die Arbeitsteilung als Leistung des Geistigen

Mit dem „Geistigen“ ist nicht etwas Symbolisches gemeint, sondern etwas höchst Praktisches. Um ein Beispiel zu nehmen: Kaum etwas hat die Produktivität der Menschheit mehr gesteigert als die Arbeitsteilung. Einen Arbeitsvorgang zu gliedern und auf verschiedene Produzenten zu verteilen, ist eine geistige Leistung. Diese geistige Leistung hat ihren Ursprung im unendlichen Ideenreichtum des geistigen ­Kosmos. Sie bezieht sich aber auf etwas Materielles, nämlich zum Beispiel die Herstellung von Gütern oder Dienstleistungen.
Durch die Arbeitsteilung kommt ein neuer Gesichtspunkt ins Spiel: Die einzelnen Arbeitsschritte müssen bewertet werden, damit das Zusammenspiel überhaupt organisiert werden kann. Es muss sozusagen ein einheitlicher Massstab gefunden werden, an dem das Einzelne in seinem Verhältnis zum Ganzen, aber auch im Verhältnis untereinander gemessen werden kann. Die Rolle des Vermittelns zwischen Geist und Materie übernimmt in dieser Beziehung das Geld.

Der Wert des Geldes

Geld ist nicht einfach da, sondern es entsteht erst im arbeitsteiligen Prozess. Und es ist auch nicht länger da, als dieser Prozess anhält. Wenn keiner mehr etwas für den andern tut, ist das Geld nichts mehr wert. Geld verhält sich ähnlich wie elektrischer Strom. Es muss mehr oder weniger in dem Moment erzeugt werden, in dem es verbraucht wird. Die Meinung, man könne irgendwo Kapital vermeintlich sicher zurückstellen, um es später zu verbrauchen, ist eigentlich eine Illusion. Denn verbrauchen kann ich nur Güter und Dienstleistungen. Das Geld, das ich dafür „aufgehoben“ habe, ist nur so etwas wie ein Anrechtsschein auf den Bezug ­solcher Güter und Dienstleistungen. Dieses Recht ist aber nur einklagbar, wenn wirklich produziert wird. Zurzeit ist etwa siebenmal mehr „Geld“ weltweit im Umlauf, als sich auf reale Güter und Dienstleistungen je beziehen lässt.

Die vermittelnde Rolle des Geldes

Voraussetzung dafür, dass das Geld diese Rolle des Vermittelns zwischen den grundsätzlich unendlichen geistigen und den prinzipiell endlichen materiellen ­Ressourcen zu spielen in der Lage ist, ist so etwas wie ein gerechter Preis. Wenn Armut oder Ressourcenknappheit ­auftreten, oder auf der anderen Seite Überfluss herrscht, ist immer die ­Preisbildung gestört. Etwas wird unter Wert bezahlt oder weit überbe­wertet. Man kann sich ­fragen: Was ist der gerechte Preis für ein Gespräch zwischen einem ­Therapeuten und einer ­Patientin? Für menschliche ­Zuwendung? Für die Begleitung eines Patienten durch seine Krankheit? Was ist – auf der anderen Seite – der gerechte Preis für eine Arbeitsstunde eines CEO zum B­eispiel in der Pharmaindustrie?

Geld im Privatspital

Immer wieder höre ich: „Ihr seid doch ein Privatspital, Ihr bekommt doch für Eure Sachen richtig gut Geld.“ An dieser Meinung gibt es einiges zurechtzurücken. Gut zwei Drittel unserer Patienten sind allgemein versichert. Die Tendenz des Anteils: steigend. Wir sprechen deshalb auch eher davon, dass die Ita Wegman Klinik ein öffentliches Spital in freier, gemeinnütziger Trägerschaft ist. Das bleibt sie auch, wenn sie in Kürze ihre Rechtsform ändern wird und das Gewand einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft annehmen wird. Auch in dieser Form bleibt die Klinik statuarisch verpflichtet, ihre Tätigkeit gemeinnützig und unter Einhaltung der anthroposophischen Grundsätze auszuüben.
Es ist eine wichtige Maxime unserer Klinik, dass wir jedem ­Heilungssuchenden, unabhängig von seinem Geldbeutel, eine individuelle medizinische Betreuung angedeihen lassen wollen.

Das Verhältnis von Kosten und Erträgen

Im Bereich der obligatorischen Krankenversicherung gibt es systembedingt keine volle Kostendeckung. Von den so genannten anrechenbaren Kosten der Klinik werden für die Tarifierung im Grundversicherungsbereich Abzüge vorgenommen, zum Beispiel für komplementärmedizinische Leistungen, aber auch für Ausbildung, Lehre und Forschung. Daraus resultiert ein Kostendeckungsgrad von unter 100%. Die Ita Wegman Klinik muss jedoch sämtliche Aufwendungen aus ihren Erträgen finanzieren, da sie keinerlei Subventionen erhält. Bis anhin ist es so, dass die entstehende „Lücke“ zwischen Kosten und Erträgen zu einem beträchtlichen Teil dadurch gefüllt wurde, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einen nicht unerheblichen Teil ihres Lohnes verzichteten. Das hat aber seine Grenzen, besonders wenn wir auf den ohnehin knappen Markt an Fachkräften schauen.

Es ist eine grosse Herausforderung, in dieser Hinsicht zu einer gerechten Preisbildung zu kommen. Sie ist aber eine ­Voraussetzung dafür, dass an der Nahtstelle zwischen dem Schöpfen aus geistigen Ressourcen und der Umsetzung in materielle Arbeitsleistung nachhaltig fruchtbare und innovative ­Leistung erbracht wird. Die Ita Wegman Klinik stellt sich dieser Herausforderung und sucht nach Wegen, das ­Verhältnis von Kosten und Erträgen in eine gesunde Balance zu bringen.

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Fachperson Dr. math. Andreas Jäschke
Arbeitsschwerpunkte Studium der Mathematik, Philosophie und Musik in Bielefeld und USA.
Seit 1993 in der Ita Wegman Klinik, Leiter Finanz- und Rechnungswesen. Mitglied der Klinikleitung.
Kontakt andreas.jaeschke@wegmanklinik.ch

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