Heft 3 / Sommer 2002
Schwerpunktthema: Salutogenese


"Jeder SChatten ist ein Wegweiser zu Licht"

Interview mit Frank Geerk - Patient in der Ita Wegman Klinik - über den Sinn von Kranksein. Frank Geerk, geboren 1946, lebt als freier Schriftsteller in Basel. Er hat schon eine ganze Reihe von Büchern veröffentlicht (Gedichte, Romane, Theaterstücke). Diverse literarische Auszeichnungen wurden ihm zugesprochen. Frank Geerk ist seit 6 Jahren schwer krank und in seiner Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt.





An einem Frühlingstag im April suchte ich ihn in seinem Zimmer in der Ita Wegman Klinik auf. Herr Geerk spricht infolge seiner Krankheit ganz leise, für Ungewohnte kaum verstehbar. Sein Arzt war auch anwesend und um die bessere Verständigung bemüht.

Ich frage: Herr Geerk, seit 6 Jahren krank! Wie kommen Sie damit zurecht?
Er spricht ganz langsam, in kurzen prägnanten Sätzen. Mit zittriger Hand führt er immer mal wieder ein Glas zum Mund und trinkt.  Vorauszuschicken wäre noch: Als junger Mann verfasste Frank Geerk ein Theaterstück. Die Hauptperson in diesem Stück: ein Bewegungsloser, ein Erstarrter. – Eine Vorahnung? Jahre später jedenfalls war er selber genau in dieser Lage: in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

Die Krankheit brach über mich herein. Und es dauerte natürlich seine Zeit, bis sich mir ihr Sinn offenbarte. Ich haderte: Warum ausgerechnet ich? Eines Tages, des Jammerns müde, brach ich zu einer inneren Forschungsreise auf. Was will diese Krankheit mit mir? Das war meine Frage. Und nach und nach stellten sich Antworten ein.
So etwa lernte ich Krankheit als alchemistischen Prozess verstehen – als einen Umschmelzungsvorgang. Damit, dass ich begann, meine Krankheit als zu mir gehörig zu verstehen, nahm sie einen anderen Verlauf. Nach Meinung der Schulmedizin müsste ich längst tot sein. Doch ich fühle mich lebendiger denn je. Ich meine das so, wie ich es sage. Ich erkenne die Dinge in ihrer wahren Gestalt. Dafür war auch die Auseinandersetzung mit dem Tod wichtig. Das war mal. Heute interessiert er mich nicht mehr, der Tod.


Ich sah es in einem anderen Licht
Was lange schmerzte, war die krankheitsbedingte Trennung von meiner Frau. Ich sah den Wert unserer Beziehung – einmal schwer krank – in einem anderen Licht. Und dennoch war das Auseinandergehen für beide ein Läuterungsprozess, der wiederum eine neue Kraft freisetzte. Die Kraft der Liebe. Jeder äussere Verlust wird (schlussendlich) zum inneren Gewinn. Jeder Schatten ist ein Wegweiser zum Licht. Das ist ein Lebensgesetz. Die Krankheit hat mir so manche Einsicht geschenkt. Nach jeder durchgestandenen Bitternis wird man reich belohnt, wenn man sie erforscht.
Und er fasst zusammen: Krankheit ist der grösste Entwicklungshelfer für den Menschen.


Das Ego taucht unter
Sein Arzt unterbricht kurz unser Gespräch und erzählt von seinen Erfahrungen am Bett von Sterbenden: Wie oft habe ich den Eindruck, wenn sich Menschen anschicken zu sterben, wie da in ihnen etwas zutiefst gesund geworden ist. Da gibt es nichts, aber auch gar nichts mehr, das man als „verquer“ in ihnen empfindet. Alles ist in Fluss gekommen. Und Frank Geerk doppelt nach und meint: Das Ego taucht im Wesen unter.

Er erinnert sich an Heraklit, an seinen Ausspruch: „Der Vater aller Dinge ist der Krieg“ und fügt hinzu: Und die Mutter aller Erkenntnisse ist die Krankheit.

Frank Geerk liest zur Zeit eine Schiller-Biographie. Ich will wissen, was ihn daran interessiert: Dass Schiller ausgerechnet in der dunkelsten Zeit seines Lebens die Ode an die Freude verfasst hat, fasziniert ihn. Ähnlich geht es ihm mit dem Leben Beethovens, dessen Neunte Symphonie tiefster Dunkelheit entsprang.

Wir verabschieden uns von Frank Geerk. Auf dem Gang bemerke ich gegenüber seinem Arzt, wie sehr mich das Verhältnis Arzt-Patient beeindruckt hat. Die beiden sagen einander Du. Der Arzt meint dann nur: Wir sind Freunde geworden. Das ist eine gemeinsame Wanderung.

Nur drei Titel aus dem Lebenswerk des Dichters – so war es auch sein Wunsch – seien hier noch erwähnt:

Paracelsus – Arzt unserer Zeit
Vom Licht der Krankheit. Gedichte
Wortmedizin



Autor: Daniel Wirz | Ausgabe: 3


Glück

Die Seele, auf Katzenpfoten,
Schnappt sich ihr Frühstücksbrötchen,
Dass ich mir sage, was für ein Glück,
So langsam zu sterben!
Auch wenn du nicht mehr zur Welt gehörst,
Bleibt dir doch Zeit, sie zu preisen!

Frank Geerk
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