Auszug aus dem ärztlich-pflegerischen Tagebuch

10. Okto­ber 2006, Haus­be­such in den Hüt­ten der extern leben­den Lepra-Pati­en­ten von Shan­ti Sewa Griha

Unser vier­tel­stün­di­ger Weg vom Haupt­haus zum Lepra-Slum führt uns durch Stras­sen, in denen unzäh­li­ge Kin­der bet­telnd auf uns zukom­men. Kin­der, Kühe und Hun­de suchen in rie­si­gen Müll­ber­gen nach Essen. Inten­si­ve Gerü­che von Abga­sen, Petro­leum und Ver­dor­be­nem beglei­ten uns.

Wir wer­den gebe­ten, Rad­ja (Name von der Redak­ti­on geän­dert) zu Hau­se zu besu­chen, sei­ne Wun­den an den Füs­sen hät­ten sich so ver­schlim­mert, dass er heu­te nicht ins Ambu­la­to­ri­um kom­men kön­ne. Rad­ja, 45-jäh­rig, lebt mit sei­ner lepra­kran­ken Frau und sei­nen drei gesun­den Kin­dern in einer 8 Qua­drat­me­ter gros­sen Hüt­te. Täg­lich kommt er nach Shan­ti, um in einer der Werk­stät­ten zu arbei­ten.

Rad­ja kommt aus West-Nepal. Er stammt aus einer Bauern­familie. Er ist das vier­te Kind von sie­ben. Mit 16 Jah­ren bemerkt er, dass klei­ne Wun­den an den Füs­sen nicht mehr hei­len, auch kommt es immer wie­der zu Brand­bla­sen an den Hän­den, da er nicht mehr spürt, ob der Was­ser­kes­sel heiss oder kalt ist.

Der Leh­rer im Dorf hegt den Ver­dacht auf Lepra. Damit beginnt der Lei­dens­weg der Stig­ma­ti­sie­rung, den so gut wie alle Men­schen gehen müs­sen, die an Lepra erkrankt sind. Rad­ja muss sei­ne Fami­lie, sein Dorf, die Gegend ver­las­sen. Zu Fuss macht er sich auf den Weg nach Kath­man­du. Er lebt meh­re­re Jah­re bet­telnd auf der Stras­se, die Wun­den an Hän­den und Füs­sen wer­den immer schlim­mer. Auf­grund schwe­rer unbe­han­del­ter Infek­tio­nen ver­liert er Fin­ger und Zehen. Die Hän­de begin­nen sich zu defor­mie­ren. Über einen ande­ren Bett­ler hört er von der Mög­lich­keit, sich in einem Lepra-Spi­tal mit Medi­ka­men­ten hei­len zu las­sen. Rad­ja wird durch eine welt­weit ein­ge­setz­te Lepra-The­ra­pie (drei Medi­ka­men­te) von Lepra geheilt, aber die von den Lepra-Bak­te­ri­en ver­ur­sach­ten Ner­ven­schä­den sind geblie­ben und damit die Fol­ge­schä­den durch den Ver­lust des Spür­sinns an Hän­den und Füs­sen. Im Lepra-Spi­tal hat er sei­ne jet­zi­ge Frau ken­nen­ge­lernt und eine Fami­lie gegrün­det. Beim Bet­teln in Kath­man­du wird er von einem der Shan­ti-Mit­ar­bei­ter ange­spro­chen und lebt seit­her mit sei­ner Fami­lie in den Depen­dan­cen von Shan­ti Sewa.

Unse­re ers­te Begeg­nung mit Rad­ja ist sehr ver­hal­ten. Er ist sehr scheu, zurück­ge­zo­gen, zeigt uns sei­ne gros­sen Wun­den an bei­den Fuss­soh­len. Nach der Wund­ver­sor­gung schla­gen wir ihm vor, an unse­rem medi­ka­men­tö­sen Pro­gramm mit­zu­ma­chen.

11. Okto­ber 2006
Rad­ja erscheint heu­te Mor­gen im Ambu­la­to­ri­um, um sei­ne Wun­den erneut pfle­gen zu las­sen und uns mit­zu­tei­len, dass er an unse­rem Pro­gramm teil­neh­men möch­te.

29. Janu­ar 2007, 2. Besuch in Shan­ti Sewa
Was für ein Anblick! Zehn Men­schen sit­zen im Ambu­la­to­ri­um in Calen­du­la-Fuss­bä­dern. Hoch­mo­ti­viert beglei­ten die drei nepa­le­si­schen Pfle­ger die mor­gend­li­che Wund­pfle­ge und die Äus­se­ren Anwen­dun­gen. Nach Been­di­gung der Rei­ni­gung sehen wir, dass die Wun­den sau­be­rer und klei­ner gewor­den sind. Man­che sind gar abge­heilt.
Wir beob­ach­ten, wie die Men­schen, die uns im Okto­ber 2006 noch schil­der­ten, dass ihre Arme und Bei­ne wie Holz an ihnen hän­gen wür­den, mit medi­zi­ni­schen Ölen und Sal­ben sie nun mit gros­ser Auf­merk­sam­keit ein­rei­ben und pfle­gen. Ganz kon­se­quent erhal­ten die Pati­en­ten zwei­mal täg­lich ihre anthro­po­so­phi­schen Medi­ka­men­te. Die Behand­lungs­do­ku­men­ta­ti­on klappt ein­wand­frei.

Wir bekom­men sehr schnell den Ein­druck, dass sich in den letz­ten drei Mona­ten ein gesun­den­des Gemein­schafts­ge­fühl unter den Betrof­fe­nen gebil­det hat. Ein neu­es Inter­es­se an sich selbst, aber auch am Heil­pro­zess der ande­ren ist zu spü­ren.

Durch die täg­li­che Bezie­hung und die Selbst­pfle­ge scheint eine Wie­der­er­wär­mung für sich selbst zu ent­ste­hen. Ein Wie­der­fin­den der eige­nen mensch­li­chen Wür­de und des Wert­ge­fühls hat begon­nen.

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Fach­per­son Anne Joris
Arbeits­schwer­punk­te geb. in Afri­ka, Pfle­ge­aus­bil­dung (auch für Tro­pen­me­di­zin) in Bel­gi­en, dipl. Pfle­ge­fach­frau seit vie­len Jah­ren an der Ita Weg­man Kli­nik, unter­rich­tet Pfle­gen­de und Lai­en in Aus­tra­li­en, Neu­see­land und Japan („fly­ing nur­sing“)
Kon­takt a.joris@hispeed.ch

 

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Fach­per­son Dr. med. Mona Has­na
Arbeits­schwer­punk­te Fach­ärz­tin für All­ge­mein­me­di­zin und Natur­heil­ver­fah­ren,
im Rah­men der Fach­arzt­aus­bil­dung mehr­jäh­ri­ge Tätig­keit
in der Ret­tungs­stel­le Unfall­chir­ur­gie Ber­lin, Inne­re Medi­zin und anthro­posophische Medi­zin, Ita Weg­man Kli­nik sowie Kli­nik Öschel­bronn (D), Pra­xis für Inne­re Medi­zin und All­ge­mein­me­di­zin in Pforz­heim, seit März 2004 als Ärz­tin für All­ge­mein­me­di­zin im Ambu­la­to­ri­um der Ita Weg­man Kli­nik tätig
Kon­takt 061 705 72 71

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