Um das Zusammenspiel unserer Organe in Bezug auf die
rhythmischen Tätigkeiten zu verstehen, kann das Bild eines
„Orchesters“ hilfreich sein. Ähnlich den darin beteiligten Instrumenten
scheinen unsere Organe in ihrer Tätigkeit Bezüge
aufeinander zu haben, als würden sie gemeinsam „Melodien“
spielen und im gesunden Zustand ein harmonisches Gesamtgefüge
mit einem grossen Toleranzbereich bilden.
Dabei scheint jedes Organ in seiner Dynamik eine Art „Resonanzraum“
zu besitzen, in dem sich sein eigener Rhythmus
mit besonderer Kraft entfalten kann. Wenn die Organe in diesen
„Resonanzräumen“ ineinandergreifen, sich gegenseitig
beeinflussen, entstehen neue Rhythmusstrukturen, die den
symphonischen Zusammenhalt im „Orchester“ zu gewährleisten
scheinen. Die darin beteiligten „Mitspieler“ weisen
nun ihrerseits in ihrem Zeitgeschehen ein komplexes Verhalten
auf, welches sich nur durch die Einbettung in ein grösseres
dynamisches Gefüge verstehen lässt.
Physiker denken bei so einer Beschreibung gern an „gekoppelte
Systeme“. Im einfachsten Fall sind das zwei miteinander
verbundene Schaukeln, die in einem ganz neuen Rhythmus
schwingen können. „Gekoppelte Systeme“ schwingen entweder
synchron oder in komplexen Rhythmen, oder sie verhalten
sich chaotisch. Je nach einmal festgelegten Bedingungen
spielt sich das System auf einen dieser Zustände ein.
Attraktive dynamische Strukturen
Die Zeitstrukturen rhythmischer Zustände können vielfältig
sein. Sie lassen sich direkt oder auf Umwegen ineinander
überführen. Sie weisen unterschiedliche Stabilitäten und
Toleranzen gegenüber Störungen auf. Veränderungen der
Komponenten können zur Folge haben, dass sich Toleranzbereiche
verschieben, einengen oder erweitern, wodurch
das System „therapierbar“ wird.
Solche Zeitmuster nennen Physiker „Attraktoren“, weil sie
für das Gesamtsystem attraktive dynamische Strukturen
darstellen, in welche es mehr oder weniger stark „hineingezogen“
wird. Attraktoren repräsentieren die Dynamik oder
Zeitgestalt eines sich bewegenden Systems, meist in sehr
vereinfachter Abbildung.
Alles bewegt sich
Das Orchester der Organe spielt nicht nach einer vollständig
festgelegten Partitur. Das Bild von vielen Partituren, zwischen
denen je nach Anforderung gewechselt werden darf und die
sich unter der Beteiligung von Improvisationen verändern
können, kommt dem Geschehen im Organismus näher. In
unserem Organ-Orchester spielt alles und immer – mal lauter, mal leiser, mal rhythmischer, mal chaotischer, mal mit mehr
oder weniger Bezug aufeinander. In jedem Fall bleibt alles in
Bewegung. Aus Bewegung gehen wir hervor, wir befinden
uns ständig in ihr und bleiben durch sie erhalten.
Herzschlag, Atmung und Pulswelle formen wohl die offensichtlichsten
Rhythmen im „Jetzt“. Sind wir erregt, können
sie sich in den Vordergrund der bewussten Wahrnehmung
drängen. Das geschieht auch, wenn mit den Rhythmen
etwas „nicht stimmt“. Herzrasen, Herzstolpern, Kurzatmigkeit,
Beklemmungen sind Synonyme für wahrgenommene
Störungen und beunruhigen uns mindestens genauso wie
den Dirigenten, sobald eines der Instrumente „falsch“ spielt.
Verhältnis von Atmung und Herzschlag
Erinnern wir uns an körperliche Anstrengungen: einen
Berg hoch laufen, Fahrradfahren, schwere Sachen tragen.
Machen wir eine Pause, kommen wir aus der Anstrengung
in die Ruhe, aber in uns bewegt sich weiterhin viel. Das Herz
pocht stark und schnell, die Atmung ist vielleicht tiefer als
sonst, aber sicher ebenfalls schneller, wir spüren den Puls in
Kopf und Gliedern.
Fühlen wir uns hinein in diese innere Bewegung, dann
können wir feststellen, wie sich der Herzschlag beim tiefen
Einatmen leicht beschleunigt und beim Ausatmen verlangsamt
– die atemsynchrone Schwankung der Herzfrequenz.
Wir können beobachten, wie Puls, Atmung, Blutdruckrhythmik
insgesamt zur Ruhe kommen. Nehmen wir unsere
Tätigkeit wieder auf, sprechen Herz, Atmung und Blutdruck
sofort an. Sind wir gesund, reagieren sie variabel, passen
sich an die physiologischen Erfordernisse und somit letztlich
an unsere Bedürfnisse an. Wenn wir krank sind, erscheint
diese Variabilität dagegen eingeschränkt, die Schwingungsfähigkeit
in unserem Rhythmusgefüge ist reduziert.
Wir kennen auch die mentale Erregung: ein Auftritt, eine
besondere Begegnung, grosse Freude, ein schwieriges
Gespräch. Körperlich bewegen wir uns gar nicht oder kaum,
trotzdem erfahren wir innere Erregung, ähnlich wie bei der
körperlichen Anstrengung. Das Herz pocht, das Blut schiesst
in den Kopf. Die Atmung kann anders sein als bei körperlichen
Anstrengungen. Vielleicht stockt sie sogar.
Wir können an uns selbst feststellen, wie unser Herz mit
unseren physischen und psychischen Bewegungen mitspielt
und wie unterschiedlich sich dabei das Zusammenwirken
von Atmung und Puls gestaltet. Hier wird deutlich, wie das
Herz die Vorgänge in der Nerven-Sinnes-Tätigkeit, im Rhythmischen
System und im Stoffwechsel-Gliedmassen-System
wahrnimmt und auf Anforderungen und Zustandsänderungen
reagiert, um das Zusammenspiel aller Organe weiterhin
zu garantieren. Kann in einem Teil unseres Organismus die
Herztätigkeit längere Zeit nicht adäquat eingreifen, kommt
es zu entsprechenden Erkrankungen der betroffenen Organe
und im schlimmsten Fall zum Infarkt.
Die Ruhe des Atmens
Der Herzrhythmus ist unabhängig von einer direkten,
bewussten Beeinflussung. Aber es gibt Tricks, mit denen
wir indirekt auf den Herzrhythmus wirken können. Bei
mentaler Erregung funktionieren Praktiken wie „Gelassenheit“,
„Relativieren“, „Perspektive ändern“ gut. Der
oft gegebene Hinweis „jetzt erst einmal tief Luft holen“
weist uns in die Richtung einer leicht anwendbaren Möglichkeit:
unserer Atmung. Wir können sie bewusst verändern,
worüber wir auch andere Rhythmen, insbesondere
die des Herzens beeinflussen.
Thich Nhat Hanh, ein praktizierender Zen-Meister, soll
das so formuliert haben: „Wo du auch bist, du kannst
immer achtsam atmen. Die Ruhe des Atmens bringt die
Ruhe des Körpers und des Geistes mit sich.“
Die Eigenwahrnehmung und die daraus erfolgende
Beurteilung, was unserem Organismus guttut und was
nicht, ist entscheidend für die Vorbeugung von Krankheiten.
Ansonsten können sich anhaltende Verschiebungen
im Rhythmusgefüge etablieren. Damit gehen
meist erhöhte Intoleranz und geringere Veränderungsmöglichkeiten
(Variabilität) einher, sowohl hinsichtlich
unseres physischen als auch des geistig-seelischen
Tätigkeitsspektrums, bevor ernstzunehmende
Beschwerden auftreten.
Leider entwickeln wir die notwendige Achtsamkeit oft
erst dann, wenn uns echte Probleme plagen. Unsere Verpflichtungen
und Ansprüche im alltäglichen Leben lassen
uns vorauseilende Signale und Hinweise unseres
eigenen Körpers oft überhören. Hier wird deutlich, dass
das Ganze auch gesellschaftliche, berufliche und soziale
Komponenten hat, an denen sich überaus nachhaltige
therapeutische Massnahmen ergreifen lassen.
Den Herzrhythmus mit geeigneten Instrumenten erforschen
Die grossen Bemühungen in der Erforschung des Herzrhythmus
sowie in der Entwicklung geeigneter Messinstrumente
und Analyseverfahren sind getragen von
der Überzeugung, aus charakteristischen Kenngrössen
sowie deren Änderungen eine Beurteilung der autonomen
Balance vornehmen und ein Abbild des Gesundheitszustandes
eines Menschen erzeugen zu können.
Dadurch ergäbe sich auch eine exzellente Methode für
Wirksamkeitsnachweise am individuellen Patienten.
Die Resultate vieler hundert Publikationen sowie
umfangreiche Erfahrungen aus der Sport- und Arbeitsmedizin
sind sehr erfolgversprechend. Im klinischen Alltag
wird die Beobachtung der Herzrhythmusvariabilität
(HRV) bei der Untersuchung von fetalem Stress routinemässig
bei der Entbindung genutzt.
Bei der Auswertung der HRV wird zwischen einer statistischen
Analyse und einer Frequenzanalyse der Herzrate
unterschieden. Erstere liefert Informationen über
Schwankungen in der Herztätigkeit, letztere über Resonanzen
und hervorgehobene Frequenzen in verschiedenen
Aktivitätsbereichen, denen unterschiedliche Bedeutung
zukommt. Beide zusammen ergänzen und unterstützen
sich in ihren Aussagen über Variabilität, Stress,
autonome Balance sowie Schwingungs- und Entspannungsfähigkeit.

Bild 1: Resultate der 24-Stunden-Messung
Bei einer 24h-EKG-Messung wurde der zeitliche Verlauf der
Herzrate (HR – zweite Kurve von unten in Bild 1) bestimmt.
Dieser kann eine Zusammensetzung vieler rhythmischer
Änderungen sein. Eine Frequenzanalyse zeigt, welche Änderungen
in ihr enthalten sind. Das Resultat sieht man in einem
Spektrogramm. In ihm werden rhythmische Schwingungen
in der HR durch Einfärbung sichtbar gemacht. Rötlich
bedeutet, die HR schwingt in dieser Zeit mit der angegebenen
Frequenz sehr regelmässig und kräftig. Über gelb, grün und
blau nehmen die Regelmässigkeiten und Ausprägungen der
Schwingungen immer weiter ab. In den dunkelblauen Bereichen
schwingt die HR kaum oder gar nicht mehr. Je mehr
ein Herz in einem strengen regelmässigen Takt oder auch
in einer chaotischen Weise schlägt, desto dunkelblauer und
weniger farbig wird das Spektrogramm. Je stärker die Herzrate
durch Rhythmen gestaltet wird, desto bunter wird das
Abbild. Mit zunehmendem Alter wird die Herzrate immer
regelmässiger, die komplexen Rhythmen nehmen ab, und das
Spektrogramm wird einfarbiger, blauer. Ein buntes Spektrogramm
kann man somit als Ausdruck gesteigerter Vitalität
verstehen.
Im Spektrogramm sehen wir nicht, wie schnell das Herz
schlägt, sondern ob sich der Herzschlag regelmässig ändert
und wie schnell diese Änderungen sind. Schnelle Rhythmen
im Bereich von Sekunden werden im HF-Band abgebildet,
HF steht für „High Frequency“, hohe Frequenzen, die darauf
hindeuten, dass sich Atmung und Herzrhythmus synchronisieren.
Das Rhythmische System schwingt dann kräftig und
frei in seinem eigenen Resonanzraum.
Dieser Zustand findet seine deutlichste Ausprägung, wenn
wir uns im tiefen traumlosen Schlaf befinden, dargestellt
durch die rot-gelben Bereiche nach Mitternacht um circa
0,2 Hertz. Während dieser Zeit weist die Herzrate auch kaum
noch Schwingungen im mittleren (LF – „Low Frequency) und
langsamen (VLF – „Very Low Frequency“) Band, also im tieferen
Frequenzbereich auf, die auf Regelmässigkeiten in der
Durchblutung bzw. im Blutdruck hinweisen. In dem Spektrogramm
sind diese drei Frequenzbereiche oder -bänder mit
einer gestrichelten Linie gekennzeichnet. Wenn wir die
Aktivität des LF-Bandes durch die Aktivität des HF-Bandes
teilen, sehen wir schon, dass dieser Quotient während der
Tiefschlafphase klein und ansonsten grösser sein wird. Der
Logarithmus dieses Quotienten ergibt den Parameter lnQ,
dargestellt in der grünen Kurve unter dem Spektrogramm.
Je kleiner er wird, desto besser ist unsere Erholungsfähigkeit.
In den Tiefschlafphasen, die für unsere Erholung
entscheidend sind, kann er negativ werden. In ihnen wird
von allen gesunden Menschen ein Rhythmus von vier Herzschlägen
auf einen Atemzyklus angestrebt, zwei Herzschläge
einatmen, zwei Herzschläge ausatmen. Dargestellt ist
das in der untersten Kurve, dem Quotienten von Puls durch
Atmung (QPA).
Professor Maximilian Moser von der Universität Graz ist
mit seinen umfangreichen Arbeiten ein Pionier auf diesem
Gebiet. Er prägte für das Spektrogramm der Herzrate auch
den Begriff „Autochrones Bild“.
Herzrhythmik und Musik
Musik wird von vielen Menschen mehr oder weniger regelmässig
erzeugt, auf jeden Fall aber von praktisch allen
konsumiert. Sie kann uns vielseitig „mitnehmen“, in unterschiedliche
Stimmungen „entführen“. Wir können sagen:
Musik hat eine umfangreiche und starke Wirkung auf unser
Befindlichkeitsspektrum. Umgekehrt ist Musizieren immer
auch Ausdruck unserer inneren Rhythmen und Melodien von
Wollen und Fühlen.
Durch die Musik können wir uns auf „Reisen“ begeben, mit
ihr haben wir die Möglichkeit, gestalterisch in Geist, Körper
und Seele einzugreifen und harmonisierend auf unser
Rhythmusgefüge zu wirken. Es ist naheliegend, rezeptive
und aktive musiktherapeutische Ansätze zu entwickeln,
mit denen der Patient auf seine individuelle Problematik hin
gezielt behandelt werden kann.
Die hier vorgestellten Beispielmessungen betreffen erste
Untersuchungen der Musiktherapie an gesunden Probanden,
in denen tiefschlafphasenähnliche Entspannungszustände
auftreten können, die hierbei jedoch bewusst erlebt werden.

Bild 2: Musiktherapiemessung
Bei der in Bild 2 abgebildeten Musiktherapiemessung fallen
zwei Bereiche besonders auf. Der Zeitraum, in dem der Proband
auf dem Bauch liegt und die Therapeutin die TAO-Leier
auf seinem Rücken spielt, erinnert an eine Tiefschlafphase.
Der lnQ wird in dieser Zeit negativ, der Puls-Atem-Quotient
geht auf vier. Ebenso wird bei der Chrotta (einem speziellen
Streichinstrument, ähnlich einem Cello) unter den Füssen
ein Entspannungszustand erreicht. Der Zeitraum, in dem
der Proband aktiv das Alphorn spielt, weist kaum Atmungssynchronisation auf, dafür aber viel Durchblutungs- und
Blutdruckrhythmik, die auch mit der körperlichen Anforderung
zusammenhängen. Der lnQ-Parameter weist in diesem
Zeitraum hohe Werte auf. Der QPA von acht und die starken
Schwankungen in der Herzrate deuten auf eine tiefe und vergleichsweise
langsame Atmung während dieser Übungen hin.

Bild 3: Messung mit TAO-Klangbett Spektrogramm
Erste Messungen mit dem TAO-Klangbett (Bild 3) ergaben,
dass sich während des Spiels (B) die Erholungsfähigkeit,
auch im Vergleich zur Nachruhe, erhöht (grüne Kurve). In
der Vorruhe ist die Erholungsfähigkeit schlecht ausgeprägt.
Während der Klangbett-Anwendung (B) und in der Nachruhe
(D) ist die Herzrate tiefer, der QPA um 4, und die Atmung
ist mit dem Herzrhythmus synchronisiert. Interessant dabei
ist, in der Bauchlage auf dem Klangbett (C) findet wieder verstärkt
Blutdruckrhythmik statt, die in derselben Lage mit der
TAO-Leier auf dem Rücken oft ganz wegfiel. Ob der Unterschied
durch die Empfindung über den Bauch oder über den
Rücken zustande kommt, ist noch zu untersuchen. Nach der
Nachruhe spielte der Proband selbst auf den Saiten des TAO-
Klangbetts (E). Dabei zeigt sich keine Synchronisation mit
der Atmung, wohl aber mit dem Durchblutungs- und dem
Blutdruckgeschehen, was sich während des daran anschliessenden
Gesprächs noch einmal verstärkt (F).
Erforschung des Herzrhythmus unterstützt Wirksamkeitsnachweise
Die bisherigen Untersuchungen und vorläufigen Resultate
deuten darauf hin, dass sich durch die Betrachtung des Herzrhythmusgeschehens
während der individuellen Sitzung
sowie über den gesamten Zeitraum der in unserem Umfeld
angewandten Therapien Effekte beobachten lassen, die als
klinisch relevante Wirksamkeitsnachweise interpretiert werden
können.
Grundlage für diese Forschungsarbeiten bilden die Arbeiten
von Gunther Hildebrandt sowie viele der im Umfeld von Dirk
Cysarz, Peter van Leeuwen, Maximilian Moser und Dietrich
von Bonin entstandenen Arbeiten, die sich unter anderem
auch mit der Erforschung der therapeutischen Sprachgestaltung
und der Eurythmietherapie auf diesem Gebiet befassen.
In diesem Zusammenhang stehen auch die Ergebnisse der
Herzrhythmusuntersuchungen in einer prospektiven Kohortenstudie
zur Rhythmischen Massage mit dem Paracelsus-Spital Richterswil. Mit der Filderklinik ist auf der Grundlage
der bisher an den beiden Kliniken durchgeführten Voruntersuchungen
ein TAO-Klangbett-Projekt geplant. Die Forschung
an der Ita Wegman Klinik wird vollständig durch Drittmittel,
insbesondere durch die Weleda und durch private Spenden,
finanziert.