Ausgabe 27 / Sommer 2010
Schwerpunktthema: Schlaf



Schlaffördende Heilpflanzen

In der Ita Wegman Klinik kommen verschiedenste schlaffördernde Heilpflanzen zum Einsatz, die zum grossen Teil auch im hauseigenen Heilmittellabor verarbeitet werden – sowohl klassische „Schlafpflanzen“ wie Melisse, Lavendel und Passionsblume als auch weniger bekannte wie der Hafer oder die Goethe-Pflanze Bryophyllum. Michaela Spaar sprach mit Dr. med. Clifford Kunz, Christine Lackemann, Mitarbeiterin des Heilmittellabors, und Gallus Stöckler, Apotheker in der hauseigenen Apotheke.






Für uns lebensnotwendig ist der Schlaf, der Körper, Seele und Geist regeneriert. Viele Menschen greifen heute gerne bei Schlafstörungen zu einer Schlaftablette, die rasch wirkt, als Narkotikum jedoch betäubt und für traumlose Nächte und benebeltes Aufwachen sorgt. In der Volksmedizin und in der Phytotherapie gibt es verschiedene klassische „Schlafpflanzen“ wie Baldrian, Hopfen, Melisse, Lavendel oder Passionsblume, die sich für die Selbstmedikation eignen. Sie können einen erholsamen Schlaf schaffen, haben keine Nebenwirkungen und führen nicht in Abhängigkeit. Doch es braucht Geduld, da die meisten Heilpflanzen erst nach mehreren Tagen oder Wochen ihre Wirksamkeit entfalten.

In der Anthroposophischen Medizin gibt es eine Reihe weiterer Heilmittel, die die Wesensglieder des Patienten gezielt ansprechen sollen, z.B. auf der ätherischen und seelischen Ebene einhüllen, seelisch ausgleichend wirken, den Tag-Nacht-Rhythmus stärken oder den Leber-Rhythmus beeinflussen. Hier sind aber die Grenzen der Selbst­medika­tion bald erreicht. Um diese Heilmittel richtig und wirkungsvoll einzusetzen, bedarf es der ärztlichen Anamnese, der Begegnung von Arzt und Patient.


Es ist für uns zunächst selbstverständlich, dass wir gut schlafen. Doch viele leiden unter Schlafstörungen. Wie würden Sie Schlafstörungen charakterisieren?

Clifford Kunz: Der Schlaf ist ein geheimnisvoller, aktiver Prozess, der stark mit den circadianen Rhythmen – der so­genannten inneren Uhr – verbunden ist. Schlafstörungen sind Ausdruck davon, dass etwas Grundlegendes nicht mehr im Gleichgewicht ist. Ausgelöst werden sie meist durch Lebenskrisen, Schockzustände, Erschöpfung, Operationen oder Unfälle, wenn entweder auf der physisch-ätherischen Ebene etwas verschoben ist oder das seelische Gefüge erschüttert wurde. Die Behandlung von Schlafstörungen mit natürlichen Mitteln gehört zu den anspruchvollsten thera­peutischen Aufgaben.


Was gilt es zu beachten?

Gallus Stöckler: Schlafstörungen sind enorm vielfältig in der Erscheinungsform, ebenso in der Entstehung und in den Ursachen. Nicht verwunderlich ist, dass es eine enorme Vielfalt an rezeptfreien und rezeptpflichtigen Mitteln dafür gibt.

Clifford Kunz: Zunächst muss geklärt werden, warum jemand nicht schlafen kann: Ist das Zimmer gut gelüftet? Sind Füsse und Hände zu kalt oder zu heiss? Gibt es Verspannungen, Blockaden oder Schmerzen? Gibt es Störungen im Stoffwechsel oder bei der Verdauung? Weiter gilt es zu prüfen, ob jemand unter inneren Anspannungen, Ängsten oder gar
Alpträumen leidet. Dann überlegt man, welches Heilmittel bzw. welche Pflanze für diesen Patienten am besten geeignet ist. Denn es gibt nicht das Schlafmittel per se.


Jede „Schlafpflanze“ hat ihr Wirkgebiet, ihr bestimmtes Motiv. Wie würden Sie das des Hafers charakterisieren?

Clifford Kunz: Der Hafer (Avena sativa) dient in der Ernährung als grundlegendes, kräftigendes Aufbaumittel bei schweren Erschöpfungen, beruhigt den übersäuerten Magen und spendet Wärme von innen. Er stärkt die Aufbaukräfte. In grünem Zustand geerntet, verwenden wir ihn medizinisch gerne bei Mischbildern von Schlaflosigkeit und chronischen Erschöpfungszuständen.


In welcher Form wird er in der Ita Wegman Klinik verabreicht?

Gallus Stöckler: Hafer verwenden wir in Tropfenform. Früher diente der Hafer allgemein als Frühstücksgrütze, vor allem in England (Porridge) und Deutschland. Bis heute wird er als Haferschleimsuppe bei Appetitlosigkeit sowie bei Magen- und Darmbeschwerden eingesetzt.

Christine Lackemann: Das luftige, Licht und Feuchtigkeit
liebende Getreide ernten wir im Juni, während der soge­nannten Milchreife, wenn das kniehohe Korn noch hellgrün und ganz vital ist. Um Hafer in Demeter-Qualität zu bekommen, können wir ein Feld der Sativa in Rheinau nutzen. Frisch zerkleinert und in niedrigprozentigem Alkohol angesetzt, wird dieser Frischpflanzenextrakt ca. zwei Wochen später abgepresst und filtriert.


Sie verwenden auch nichteinheimische Pflanzen wie die Passionsblume. Warum?

Clifford Kunz: Wir konnten die Erfahrung machen, dass die Passionsblume (Passiflora incarnata) wirksamer ist als z.B. Hopfen, besonders bei innerer Nervosität, Gedankenkreisen und Nicht-loslassen-Können. Sie beruhigt, wirkt schmerz- und krampfstillend und stärkt die Lebenskräfte.
Das ursprünglich aus Südamerika stammende, üppig wachsende Rankgewächs ist Ausdruck von vegetativen Vitalkräften im Überschuss, die in einzigartige Blüten­bildungen umgewandelt werden.

Gallus Stöckler: Der Name der wohlriechenden Passionsblume (Passiflora: lat. Passio= Leiden und Flos=Blume) ist im 17. Jahrhundert von Missionaren in Südamerika geprägt worden. So verglich ein Jesuitenpater die Pflanze mit den Attributen bzw. Marterwerkzeugen Christi: Nach ihm stellten die drei Narben die Nägel dar, der Fadenkranz die Dornenkrone, der gestielte Fruchtknoten den Kelch, die fünf Staubbeutel die Wundmale, die Laubblätter die Lanze und die Ranken die Geisseln.

Christine Lackemann: Die Blüten der Passionsblume sind zauberhaft. Kaum wagt man sie abzurupfen. Beein­druckend ist beim Ernten, dass Blüten und Blätter sehr viel Volumen einnehmen, aber wenig Gewicht haben. Von ihnen machen wir ebenfalls einen Auszug.


Seit einiger Zeit verwenden Sie den qualitativ ­wertvolleren Berglavendel aus der Haute Provence in Demeter-Qualität. In welchen Darreichungsformen ist er bei Ihnen erhältlich?

Gallus Stöckler: Es gibt Lavendelöl, das bei rhythmischen Einreibungen verwendet wird, die Lavendel-Bademilch und die sehr beliebte Berglavendel-Emulsion, die über die Haut zunächst kühlend-erfrischend, dann wärmend wirkt.

Clifford Kunz: Bei Lavendel gilt es vor allem zu beachten, dass es verschiedene Lavendelsorten gibt und dass man wirklich den echten Lavendel verwendet.


Wie würden Sie das spezielle Wirkungsgebiet des Lavendels beschreiben?

Clifford Kunz: Der echte Lavendel (Lavendula angusti­folia) –
mit seinem unvergleichlichen Geruch – wirkt auf die
Nerven-Sinnesorgane nicht nur beruhigend, sondern auch anregend und umstimmend. Er wird eingesetzt, wenn die Nerven-Sinnesorganisation zermürbt und verkrampft ist.


Die beliebte Garten- und wichtige Bienenfutter­pflanze Zitronenmelisse wird sowohl in der Volksmedizin
und Phytotherapie als auch in der Ita Wegman ­Klinik eingesetzt. Was ist ihre Aufgabe in der
Anthro­posophischen Medizin?

Clifford Kunz: Charakteristisch ist für die Melisse (Melissa officinalis), dass sie ihren pflanzlichen Schwerpunkt im Blattbereich hat, zunächst ganz im Vegetativen bleibt, in einem ordnenden Rhythmus von einer Vielzahl hellgrüner, gegenständiger Blätter. Erst im Hochsommer bilden sich die
kleinen, fast unscheinbaren weissen Blüten in den Blatt­achseln. Der Blattbereich bleibt dabei frisch und kann in sich die Blütenqualitäten verinnerlichen, sodass neben der zarten Duftkomponente auch eine besondere Geschmackskomponente in dieser Pflanze entstehen kann. Sie wirkt vor allem heilend auf die rhythmische Organisation, die für die anthroposophisch orientierte Medizin die leibliche Grundlage des Seelenlebens darstellt. Die Melisse kann hier Stockungen und Blockaden auflösen und grundlegend umstimmen. Medizinisch zeigt sich das dann auch in positiven Wirkungen auf das Nervensystem, das Herz und die Verdauungsorgane.

Christine Lackemann: Aus den Blättern der Melisse machen wir ebenfalls eine schlaffördernde Tinktur.


Was zeichnet die schlaffördernden Heilpflanzen aus?

Clifford Kunz: Sie haben neben der allgemeinen beruhigenden, ausgleichenden und entspannenden Wirkung eine vitalisierende, anregende und grundlegend umstimmende Komponente.

 

Auf der Suche nach dem Lavande vraie
Die Luft beginnt über dem Hochplateau von Caussols zu flimmern und selbst der Gesang der Zikaden scheint in der Mittagshitze etwas leiser zu werden. Auf solchen weiten, steinigen Hochebenen wie hier wurde der echte Lavendel geerntet, der damals in den weltberühmten Lavendel­destillerien von Grasse destilliert wurde.
Die hochbetagte Vermieterin der kleinen Gite de France hatte mir davon am Vorabend berichtet. Noch vor Sonnenaufgang war die ganze Familie aufgebrochen und jeder trug auf sich eine Sichel, grosse Leinensäcke und seinen Proviant. Mit schnellen Griffen und gebückt arbeitete man sich, Lavendelgarben schneidend, über die Hochebene. Möglichst viel musste in den Morgenstunden geerntet werden können, da gegen Mittag die Ernte wegen der Hitze, Bienen und Schlangen immer schwieriger wurde. Wenn genügend Leinensäcke gefüllt waren, spannte der Vater die Pferde vor den grossen Wagen, und alle warfen ihre vollen Lavendelsäcke darauf und legten sich selber schliesslich zuoberst hin. Mit Glocken und Gesang seien sie dann mit dem Fuhrwerk nach Grasse hinunter gefahren, und trotz der Erschöpfung habe sie diese Fahrt jeweils immer wie einen Festumzug erlebt.
Um den echten Lavendel zu studieren, bin ich hier auf diese Hochebene gekommen, denn der Lavande vraie, wie ihn die Franzosen nennen, kommt wild nur auf solchen steinigen Höhenlagen oberhalb 800 Metern vor. Die Pflanzen der grossen blauen Lavendelfelder im Tal bestehen aus Lavandin, einer sterilen Hybridkreuzung des echten Lavendels mit Speik­ lavendel. Dieser halbindustrielle, grossflächige Lavandinanbau hat die Ernte des echten Lavendels fast völlig abgelöst, und die deutlichen Unterschiede dieser Pflanzen sind nur noch
Wenigen bekannt.
In der Mittagshitze bietet eine knorrige Kiefer etwas Schatten für eine Rast, und mein Blick fällt auf zerklüftete Felsformationen. Ein heller Kalk mit vielen Schrunden und Rissen breitet sich vor mir aus, und die Hitze brütet unbarmherzig darüber. Doch über den Felsen bemerke ich viele auf- und niederflatternde Schmetterlinge und Insekten. Beim Nähertreten bemerke ich, wie sich eine Pflanze überall in die Felsenrisse hineinschmiegt und eine Fülle von kleinen Blütenähren über den heissen Kalkstein ausbreitet.
Diese Pflanze, der echte Lavendel, scheint diese heissen, ausgemergelten Kalkfelsen zu mögen. Der Anblick fasziniert mich, der kahle, ausgetrocknete Kalkstein und darüber die vielen Falter und Insekten. Und dazwischen diese kräftige Staude mit ihren vielen Blütenähren, deren Farbe in der Mittagssonne jetzt eher grau als blau erscheint und die den Fels mit einer Fülle von kleinen duftenden Blüten überzieht. Beim Zerreiben eines Blütenstandes überrascht mich ein frischer, kraftvoller Blütengeruch. Trotz der Hitze fühle ich mich überraschend angeregt. Vielleicht auch deshalb, weil ich plötzlich glaube, etwas über die Wirkung des echten Lavendels verstehen zu können. Die schlaffördernde und entspannende Wirkung von Lavendel scheint gar nicht eine dämpfende oder bewusstseinstrübende zu sein, sondern im Gegenteil eher eine umstimmende und erfrischende. Umstimmend und erfrischend wohl vor allem dort, wo auch bei uns die Lebenskräfte hart und kahl zu werden drohen wie in diesen fast an Knochen erinnernden Kalkformationen. Ein Gesichtspunkt der Anthroposophischen Medizin ist ja, dass wir unser waches Tagesbewusstsein mit Verbrauch der Lebenskräfte und Neigung zur Sklerosierung im Sinnes-Nervenbereich erkaufen. Von seiner Dynamik her wirkt der echte Lavendel wohl gerade hier umstimmend und Lebenskräfte aktivierend. Ich denke an die abgearbeiteten und erschöpften Leiber der Lavendelernter, die sich auf den Lavendelsäcken ausgestreckt plötzlich wieder erquickt und fröhlich fühlten.
Ich erinnere mich auch, dass die betagte Vermieterin heute Morgen erzählte, dass sie jeden Morgen ein kleines Lavendel­sträusschen pflücke und dass ihr das jedes Mal wie neue Lebenskräfte gäbe. Ob sie mir wohl die günstige Wirkung auf ihren hochgealterten Leib noch genauer beschreiben könnte? Doch wie soll man das erfragen, ohne dass sie denkt, ich hätte wohl heute hier auf dem Hochplateau etwas zu viel Sonne erwischt? Ich beschliesse, von den angenehm duftenden Blütenähren für ein herrliches Duftkissen zu sammeln. Auf der Rückreise lerne ich einen Lavendelbauer kennen, der auf 1000 m ü. M. den echten Lavendel in Demeterqualität anbaut. Mit diesem Lavendelöl stellen wir seither unser Lavendelbad und unsere Berglavendel-Emulsion her.
Dr. med. Clifford Kunz




Michaela Spaar

seit 1998 Redaktorin bei der Wochenschrift „Das Goetheanum“. Seit 2009 Co-Leiterin des öffentlich zugänglichen Schau- und
Bauerngartens der Gemeinde Arlesheim.

spaarmi@hotmail.com

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