Ausgabe 27 / Sommer 2010
Schwerpunktthema: Schlaf



Schlaf, Kindlein, schlaf!

Kinder und Jugendliche haben einen anderen biologischen Rhythmus als Erwachsene. Zudem hat der Schlaf eine individuelle Komponente: Gerade in Bezug auf Schlafverhalten und Schlafbedürfnis unterscheiden sich die Kinder – nicht nur in den verschiedenen Lebensaltern. Schlafschwierigkeiten gehören zu den häufigsten Problemen im Säuglings- und Kleinkindalter. Mit bestimmten Rahmenbedingungen können wir aber den Schlaf unserer Kinder fördern.






 

„Es schaukeln die Winde
das Nest in der Linde,
da schliessen sich schnell
die Äugelein hell.
Da schlafen vom Flügel
der Mutter gedeckt
die Vögelchen süss
bis der Morgen sie weckt.“

Elisabeth Ebeling

Oskar, das erste Kind der Familie Sommer, ist zwei Jahre alt und hat in seinem Leben noch keine einzige Nacht allein durchgeschlafen. Seit kurzem kommt er selbständig aus seinem Bettchen und wechselt dann hinüber ins Elternbett. Franziska, das sechs Monate alte Mädchen von Familie Schwarz, schläft erst spät abends ein. Immer wieder veranlasst sie ihre Eltern, zu ihr zu kommen. Auch nachts schreit sie mehrmals und lässt sich nur schwer wieder beruhigen. Das zehrt an den Kräften der ganzen Familie. Franziska holt sich den notwendigen Schlaf tagsüber.
Der fünfjährige Lukas schläft abends rasch ein, das intensive Spiel am Tag hat ihn erschöpft. Doch morgens um halb 6 ist für ihn die Nacht zu Ende, und er kann nicht verstehen, warum seine Eltern noch nicht mit ihm spielen wollen.

Der Schlaf der Kinder ist individuell geprägt

Die genannten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das Schlafverhalten jedes Kindes ist. Ein Kind wie Lukas schläft mühelos allein ein. Ein Kind wie Franziska beschäftigt mit ihrem Schlafverhalten die ganze Familie. Ein Kind wie Oskar fühlt sich im Bett der Eltern am wohlsten und schläft dort friedlich bis zum Morgen. Im Alter von fünf bis zwölf Jahren benötigen Kinder durchschnittlich neun bis elf Stunden Schlaf pro Nacht. Diese Spanne macht deutlich, wie verschieden das tatsächliche Schlaf­bedürfnis ist. Wenn ein Kind morgens ausgeschlafen ist, sich normal entwickelt und tagsüber aktiv ist, dann schläft es genug, unabhängig von der absoluten Schlafdauer. Der kleine Lukas ist eben morgens um halb sechs wieder fit. Wenn dies für den Familienalltag zu früh ist, können die Eltern versuchen, die Einschlafzeit schrittweise nach hinten zu verschieben. So verschiebt sich auch die Aufwachzeit, denn Lukas wird sich die von ihm benötigte Schlafmenge holen.


Wesentlich für die gesunde Entwicklung des Kindes ist sein Schlaf

Der Schlaf hat eine wichtige Bedeutung für das Lernen und die Gedächtnisfunktionen. Vieles von dem, was das Kind tagsüber erlebt, sieht, hört und lernt, wird ausgewertet, weiterverarbeitet und gespeichert, während das Kind schläft. Auch Bewegungsabläufe und erlernte Fähigkeiten wie Radfahren oder Seilspringen werden im Schlaf gefestigt. Kinder, die unter Schlafstörungen leiden, sind öfter verhaltens­auffällig als gut schlafende Kinder. Ronald Chervin, Neurologe und Schlafforscher an der Universität Michigan, hat in einer Studie das Schlafverhalten von Kindern in Bezug auf ihre Impulsivität und Konzentrationsfähigkeit analysiert. Kinder, die stark schnarchen, litten häufiger unter Verhaltensstörungen wie zum Beispiel Unaufmerksamkeit. Er erklärt dieses Wechselspiel damit, dass Kinder, die vom schlechten Schlaf erschöpft sind, versuchen, ihre Müdigkeit durch Hyperaktivität auszugleichen.
Schlafmangel kann sich auch auf das Wachstum von Kindern auswirken. Eine verbreitete Volksweisheit besagt, dass das Kind am meisten im Schlaf wächst. Ich kann mich noch an solche Äusserungen von Grosseltern gegenüber dem Kind erinnern: „Schön schlafen, dann wirst Du schneller gross.“ Gerade in der Pubertät wird das Wachstumshormon Somatropin vor allem im Schlaf ausgeschüttet. Für das Wachstum von Kindern ist speziell die Tiefschlafphase bedeutsam.
Regelmässiger Schlaf-Wach-Rhythmus wirkt sich zudem positiv auf die Abwehrkräfte des Kindes aus. Kinder, die über längere Zeit schlecht schlafen oder gar an Schlafmangel leiden, werden anfälliger für Infekte.

Kinder erträumen sich selbst

Die Abbildung zeigt, dass Kinder sehr viel mehr Traumphasen, also REM-Schlafphasen, haben als der erwachsene Mensch. Gerd Löbbert bestätigt mir in einem Gespräch über das Thema Schlaf: Der charakteristische Unterschied im Schlafprofil des ganz kleinen Kindes zu dem des älteren
Menschen ist der hohe Anteil an Traumschlaf beim Kind. Und er fokussiert diese Beobachtung: „Liegt es da nicht nahe zu sagen, das kleine Wesen erträumt sich in die physische Welt – mit Hilfe der geistigen Welt?“
Doch bereits im Grundschulalter unterscheiden sich die Schlaftypen. Das eine Kind gehört eher zu den „Lerchen“, wird abends früh müde und kommt morgens leicht aus dem Bett. Das andere Kind gehört eher zu den „Eulen“, den Nachtmenschen. Es ist abends putzmunter und morgens nicht wach zu bekommen. Die Schulzeiten passen sich leider nicht den Erkenntnissen der Chronobiologen an, die in vergleichenden Studien herausgefunden haben, dass sich Gesundheit, Essverhalten, Leistungen und Motivation der Schüler bei späterem Schulbeginn deutlich verbessern. Deshalb ist es wichtig, dass Langschläfer entsprechend früh ins Bett gehen, oder „Eulen“ länger aufbleiben, um Einschlafprobleme und ewiges Herumwälzen zu vermeiden, denn neben der Schlafdauer ist auch die Schlafqualität bedeutsam für die Erholung des Kindes.

Rhythmus wirkt gesundend

Für das neugeborene Kind ist der Tag-Nacht-Rhythmus die erste zu erlernende rhythmische Grösse, wobei für das Kind zunächst Hunger gleich Tag bedeutet. Erst allmählich erlernt es anhand der unterschiedlichen Reaktionen der Eltern, wann wirklich Tag und Nacht ist. Denn das Kind erlebt seine Eltern zu bestimmten Zeiten besonders freundlich, zu anderen wenig unterhaltsam.
Nicht alle Kinder bewältigen es problemlos, das Ein- und Durchschlafen zu erlernen. Wir können sie dabei unterstützen, indem wir Rahmenbedingungen schaffen, die dem Kind beim Schlafenlernen helfen. Das Kind muss ja erst seinen eigenen Rhythmus finden. Es lohnt sich insofern für die Eltern, ihrem Kind einen rhythmischen Lebensalltag zu ermöglichen. Ist das Kind noch sehr klein, geschieht dies bei den vielen alltäglichen Abläufen: beim Essen, Pflegen und eben ganz besonders beim Schlafen. Es hilft dem Kind sehr, wenn es täglich zu ähnlichen Zeiten aufsteht, zu Bett geht, isst. Alles Regelmässige benötigt einen geringeren Kraftaufwand. Je jünger ein Kind ist, desto stärker ist es von äusseren Strukturen abhängig und umso wichtiger und bedeutsamer ist die Pflege des Rhythmus.
Morgendliche und abendliche Rituale können den Prozess des Schlafenlernens unterstützen. Das Fenster am Morgen öffnen, vielleicht gemeinsam mit dem Kind hinausschauen, kann ein schöner Tagesbeginn sein. Abends kann eine Kerze angezündet und bei ihrem Schein ein Schlaflied gesungen werden.
Für das eingangs zitierte „Es schaukeln die Winde“ gibt es eine wunderschöne Vertonung von E. Humperdinck. Ein Abendgebet dem Alter des Kindes entsprechend und das Gute-Nacht-Sagen
beschliessen den Tag.

 

Nachgefragt in der Kindersprechstunde

Kommen Eltern in Ihre Sprechstunde wegen der Schlafschwierigkeiten ihrer Kinder?
Ja, es sind insbesondere junge Eltern oder auch Eltern, bei denen die Schwangerschaft oder Entbindung des Kindes schwierig waren.
Mein Eindruck ist, dass Kinder, die in diesen Phasen Leidvolles erfahren
mussten, vermehrt schreien, vor allem in der Einschlafphase. Da muss individuell geprüft werden, ob es einer therapeutischen Begleitung bedarf oder ob eine intensive Begleitung der Mutter (oder manchmal auch des Vaters) notwendig ist. Dies kann zum Beispiel der Fall sein beim frühgeborenen Kind, das über mehrere Wochen intensivmedizinisch betreut werden musste.

Wo sehen Sie mögliche Ursachen für Schlafstörungen von Kindern?
Schlaf ist ein besonderer, individueller Seinszustand. Er stellt den Übergang von einem bekannten in einen unbekannten Zustand dar. Das Kind erlebt im Schlaf Vieles vom Tage. So sind die Nachtprobleme eigentlich Probleme des Tages. Was tagsüber „schief“ läuft, kann nachts zum Problem werden. Reizüberflutung ist in diesem Zusammen­hang sicher ein Thema. Das Kind kann sich noch nicht selbst vor ein­strömenden Reizen abschirmen wie der Erwachsene. So sollte der Kinderwagen so beschaffen sein, dass das Kind die Mutter anschaut und nicht in die Welt hinausblicken muss. Das kommt erst später. Auch können wir dem Kind keinen grösseren Gefallen tun, als es vor Einkäufen in grossen Geschäften zu bewahren. Selbst der Nutzen eines Schwimmbadbesuches ist gegenüber den teilweise sehr störenden Faktoren wie Lärm und chlorhaltigem Wasser gut abzuwägen. Kinder sind Bewegungsmenschen, sie dürfen und sollten sich täglich austoben. Das entspricht ihrem Naturell und hilft in bester Weise, ihren Willen auszubilden. Bewegungsmangel, vor allem bei grösseren Kindern, kann ebenfalls Schlafprobleme verursachen.

Was raten Sie den Eltern, damit ihre Kinder besser schlafen können?
Zum Beispiel, dass sie den Tag mit ihrem Kind ausgewogen gestalten sollten. Die Wachphasen des Kindes sollten strukturiert sein, indem sich aktive und ruhige Phasen abwechseln und Zeiten beinhalten, in denen das Kind sich mit sich selbst beschäftigt. Säuglinge, die gut gedeihen, dürfen lernen, dass es nachts nicht uneingeschränkt zu essen gibt. Des weiteren soll und kann das Kind lernen, den Übergang zum Schlafen zu erleben. Hilfreich ist es, wenn das Abendritual bereits beim Abend­essen beginnt. Danach sollte keine Spielphase mehr stattfinden. Das Kind stillend in den Schlaf zu wiegen, stört diesen Lernprozess.

Das Schlafbedürfnis der Kinder ist individuell verschieden. Wie finden die Eltern heraus, wie viel Schlaf ihr Kind tatsächlich braucht?
Beim kleinen Kind kann man am Augenreiben gut erkennen, wann es müde wird. Das ist in der Regel der richtige Moment, es ins Bett zu bringen. Verpassen wir diesen Moment, ist das Kind meist wie aufgeputscht und schlechter Laune, das ist eine Gegenregulation des Adrenalinspiegels, der nun in die Höhe schiesst. Die Individualität des Schlafs beim Kind kann ich nur herausfinden, indem ich das Kind in seiner Individualität immer mehr wahrnehmen lerne.

Verena Jäschke befragte Dr. med. Michael J. Seefried am Paracelsus-Zentrum Sonnenberg Zürich. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin (D), Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin FMH und Anthropo­sophischer Arzt.





Verena Jäschke
 
Diplomierte Public Relations-Beraterin. Seit 1996 an der Ita Wegman Klinik tätig, seit 2001 Redaktion „Quinte“, seit 2003 Beauftragte für Kommuni­kation an der Ita Wegman Klinik, zuständig für Öffent­lichkeitsarbeit und Marketing. 

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