Ausgabe 22 / Winter 2008
Schwerpunktthema: Ressourcen



Vom Haben zum Sein. Gier und Knappheit in Lebensfülle umwandeln.

„Die Erde bietet genug, um das Bedürfnis jedes Menschen zu befriedigen, nicht aber seine Gier.“ Das hat Mahatma Gandhi schon vor Jahrzehnten klargestellt. Wie uns die aktuelle Finanzkrise vor Augen führt, haben wir uns vor allem in den reichen Ländern unserer Erde offensichtlich nicht an diesen Grundsatz gehalten. Die Folgen sind nun allenthalben schmerzlich spürbar und dürften wohl schon bald noch deutlicher werden.





Der Nachtwächterstaat als Retter in der Not

Was allerdings vielen vorderhand wenig bewusst ist: Seit rund zweihundert Jahren gründet unsere Wirtschaft auf den zentralen Antriebsfaktoren Habgier, Eigennutz und Machtstreben. Der „Urvater“ der modernen Ökonomie, der Schotte Adam Smith, war seinerzeit der Meinung, diese drei zwar problematischen, aber gottgewollten Triebe ­hätten in der Wirtschaft ihren naturgemässen Platz.
Obwohl diese Ansicht auf einem seltsamen, ­mecha­nistisch geprägten Menschen- und Gottesbild der ­damaligen Zeit beruhte, haben wir sie unhinterfragt übernommen.­ Im Besonderen der Neoliberalismus hat ihr in den vergangenen Jahrzehnten zu neuen Urständen verholfen: Wenn jeder seinen eigenen Nutzen verfolge und seinen Reichtum möglichst ungehindert vermehren könne, dann käme dies allen zugute, lautete das einhellige Credo.
Und der Staat dürfe sich in diesen Prozess möglichst nicht einmischen.

Nun ist es paradoxerweise ausgerechnet der neoliberale „Nachtwächterstaat“, welcher der Finanzwelt mit Milliarden­summen aus der Patsche helfen und als Retter von Banken und anderen Grossunternehmen ein­springen muss, um die kapitalistische Weltwirtschaft vor dem ­Zusammenbruch zu bewahren. Ob diese Rettungsaktion gelingen und Bestand haben wird, ist allerdings derzeit noch offen.

Das Lebenswichtige wird allmählich knapp

Wo Gier herrscht, ist Knappheit nicht weit. Das hat uns der ehemalige belgische Zentralbanker Bernard Lietaer in seinem Buch „Mysterium Geld“ auf eindrückliche Weise gezeigt. Ein Ursprung dieser Polarität von Gier und Knappheit liegt beim Charakter unseres heutigen Geldes. Es dient schon lange nicht mehr nur dem Tausch von Gütern, ­sondern es will sich über den Zins und Zinseszins ins Unendliche vermehren. Damit aber wird es – in erster Linie für jene, welche die Zinsen berappen müssen – zum knappen Gut und zwingt die Gesellschaft gleichzeitig zu andauerndem wirtschaftlichem Wachstum.

Je weiter unsere Wirtschaft jedoch wächst, desto knapper werden neben dem Geld auch andere, weit lebenswichtigere­ Dinge. Nicht nur gehen wichtige Rohstoffe, allen voran das Erdöl, allmählich zur Neige, sondern auch Nahrungsmittel werden zum knappen Gut – vorerst vor allem in den ­ohnehin benachteiligten Ländern unseres Planeten. Das gleiche gilt für sauberes Wasser und saubere Luft – wiederum­ vor allem in jenen Teilen der Welt, wo das Geld fehlt, um diese Lebenselemente mit technischen Mass­nahmen auf einem einigermassen gesundheitsverträglichen Stand zu halten.

Aber auch die Technik hilft uns nicht wirklich weiter. Denn immer mehr stösst die Belastbarkeit der Natur, der Ökosphäre, an ihre Grenzen. Den Klimawandel werden wir auch mit noch so viel Technik nicht aufhalten können. Unendliches Wachstum passt offensichtlich nicht in eine endliche Welt.

Auch Zeit, Sinn und Gesundheit werden zur Mangelware

Bei uns in den reichen Ländern äussert sich die Knappheit­ trotz des Überflusses an materiellen Dingen – oder besser:­ gerade deswegen – in einem weiteren Phänomen. Ausser dem Geld bei jenen, die es nicht (mehr) haben, wird für die meisten auch die Zeit immer knapper. Die Anzahl der Verpflichtungen einerseits und der Verlockungen andererseits steigt und beide hetzen uns von einer Aktivität zur nächsten, ohne dass wir mehr wirklich zur Ruhe kommen. Stress ist ein weit verbreitetes Phänomen­ unserer Zeit, die sich zum Haben hin orientiert und das Sein zu vergessen droht.

Als Folge verknappt sich auch das, was die Qualität des Lebens ausmacht: der Lebenssinn. Statt im Sein – in ­Aktivitäten, die uns näher zu uns selber führen und in einen tiefen Kontakt mit unseren Mitmenschen und der Natur bringen – suchen wir den Sinn und Inhalt unseres Lebens in immer noch mehr Konsum und Besitz. Dort aber finden wir ihn nicht wirklich, sondern machen uns im Gegenteil immer abhängiger von Dingen, die uns nur kurzfristigen Lustgewinn und Nerven-kitzel verschaffen.

Darob geht bei vielen auch die Gesundheit verloren. Die sogenannten Zivilisationskrankheiten nehmen überhand, und die Gesundheit wird ihrerseits zum knappen und ­kostspieligen Gut. Die Krankheitskosten steigen jährlich in einem Ausmass, welches in der Schweiz bereits der Hälfte der jährlichen Militärausgaben entspricht. Gleichzeitig bilden sie eines der wenigen Wachstumspotenziale in an sich gesättigten ­Märkten und helfen mit, das Wachstum unseres Wirtschaftssystems weiter voranzutreiben, obwohl es doch eigentlich immer mehr an Grenzen stösst.

Krise als Chance

Falls wir sie nicht nur mit hektischen Rettungsmassnahmen notdürftig übertünchen, kann die aktuelle Finanzkrise mit ihren vielfältigen Erschütterungen zu einer einmaligen Chance werden, uns als Einzelne und als Gesellschaft auf das zu besinnen, was wirklich zählt. Rückbesinnung auf das menschliche Mass, nicht nur bei den Managergehältern und -boni, lautet dann wohl ein entscheidendes Stichwort.

Für uns als Individuen bedeutet es, uns zum Beispiel an die alte Volksweisheit zu erinnern, dass reich ist, wer viel hat, reicher ist, wer wenig braucht, und am reichsten, wer viel gibt. Je mehr ich gelernt habe, mich auf das zu konzentrieren,­ was mein Leben über das Materielle hinaus mit Sinn und Freude erfüllt, desto weniger können mir äussere Erschütter-ungen etwas anhaben. Und desto mehr kann ich beginnen, zu­sammen mit gleichgesinnten Menschen die Welt ein wenig zum Positiven hin zu verändern.

Der Kreativität und Schaffensfreude Raum geben

Auch in Gruppen, Organisationen und in der Gesellschaft insgesamt können wir die Akzente und Stukturen so setzen, dass sie wieder zukunftsfähig werden, weil sie sich am menschlichen Mass orientieren. Zentrale Bedeutung kommt dabei der Umgestaltung unserer Wirtschaft zu. Will­fährige, immer schneller drehende Rädchen in gigantischen, ­unüberschaubaren Produktionsstrukturen zu sein, in denen ich meine tägliche Arbeit nur leiste, um ein Einkommen zu erzielen, kann und darf nicht unsere Bestimmung sein.

Arbeit muss wieder zu einem wichtigen, integralen Lebensinhalt werden, der mir erlaubt, meine Kreativität und Schaffensfreude in sinnerfüllte Prozesse einzubringen, die dem Wohl des Ganzen dienen. Hierzu sind Unter­nehmen aufgefordert, die entsprechenden Werte zu fördern und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu ermög-lichen, sich in einer als sinnvoll empfundenen Tätigkeit zu verwirk­lichen. Freude am schöpferischen Tun und nicht mehr in erster Linie eine hohe finanzielle Entschädigung sollen dabei den Massstab bilden.

Rückkehr zu überschaubaren Strukturen

Das menschliche Mass vor Augen, liegt es darüber hinaus auf der Hand, unsere wirtschaftlichen Aktivitäten ins­gesamt wieder so auszugestalten, dass sie auf überschaubaren Einheiten basieren, die primär für den lokalen oder regionalen Markt tätig sind. Dazu sind andere Spielregeln erforderlich, die wir als politische Gemeinschaft beschliessen­ müssen. Sie sollten zum Beispiel darauf abzielen, dass – nicht nur im Bankenbereich – die Umsätze und Gewinne von Unternehmen künftig nicht mehr beliebig gross sein können, sondern auf ein sinnvolles Mass beschränkt werden. Das gleiche gilt natürlich auch für Arbeits- und Kapitalein­kommen von Einzelpersonen.
Die entsprechende gesellschaftliche Diskussion und ­Reflexion hat bereits begonnen. Wenn wir den Mut aufbringen, uns darauf einzulassen und altgewohnte Denkmuster zu hinterfragen und zu transformieren, können wir gemeinsam die Grundlagen für eine tragfähige individuelle und gesellschaftliche Zukunft schaffen. Dann kann eine Masswirtschaft der Lebensfülle jenseits von Knappheit und Gier entstehen, die es uns erlaubt, uns vom Haben hin zum Sein zu entwickeln.

Die Diskussion um die Finanzkrise und deren Auswirkungen auf die Welt ist im Moment hochaktuell. Grosse Finanzinstitute müssen mit Staatsgeldern gerettet werden, und plötzlich sind Jobs, die als unantastbar und sicher galten, nicht mehr so sicher. Viele Menschen stellen sich die bange Frage: Wie wirkt sich das auf uns und auf mich ganz persönlich aus? Existenzängste tauchen auf, wie sie nach dem verheerenden Anschlag auf das World Trade Center in New York aufbrachen.

Was aber haben diese Zeiterscheinungen mit der Pflege zu tun? Ich sehe verschiedene Auswirkungen. Zum einen sind Pflegefachleute heute stärker konfrontiert mit Menschen, die an Existenzängsten leiden und sich von der politischen und wirtschaftlichen Weltsituation verunsichert fühlen. Diese Belastungen sind oft schwer zu ertragen und begünstigen psychische Erkrankungen. Aber auch zu ihrer eigenen Situation können sich Pflegefachpersonen Sorgen machen. Was passiert, wenn die finanziellen Mittel knapper werden und plötzlich auch öffentliche Gelder eingespart werden müssen?

Fallkostenpauschalen verknappen die Mittel

In den nächsten Jahren soll die Abgeltung der Spitäler über die sogenannten Fallkostenpauschalen (Diagnosis related groups, DRG) erfolgen. Die Kosten werden nicht mehr pro Spitaltag durch die Versicherer abgegolten, sondern pro Fall. Es wird dann beispielsweise festgelegt, wieviel ein Spital für die Behandlung eines Menschen mit einem entzündeten Blinddarm erhält oder wieviel für eine Operation am Herzen abgegolten wird. Dies unabhängig davon, wie viele Tage ein Mensch tatsächlich im Spital verbringen muss. Politik und Versicherungen erwarten von dieser neuen Abrechungsform deutliche Kosteneinsparungen. Letztlich jedoch – und das ist für unser Thema von Bedeutung – führt diese Neuerung zu einer Verknappung der Mittel. In Deutschland hat die Ein-führung der Fallkostenpauschalen zu einem drastischen Abbau von Stellen im Pflegebereich geführt. Das heisst: Dieselbe Arbeit muss einfach mit weniger Personal geleistet werden.

Weniger Absolventen bei Fachausbildung

Auf die Pflege kommt jedoch noch ein anderes Ressourcenproblem zu. Die Pflegeausbildungen wurden gemäss dem neuen Berufsbildungsgesetz angepasst. Früher wurde die Krankenschwester oder der Krankenpfleger in drei Jahren für den zukünftigen Beruf ausgebildet. Die Bezeichnung war dann „diplomierte Krankenschwester/Krankenpfleger“. Heute heisst die Berufsbezeichnung „diplomierte Pflegefachfrau/Pflegefachmann“. Die Ausbildung dauert immer noch drei Jahre, ist aber jetzt auf der Tertiärstufe (Höhere Fachschule) angesiedelt.

Neu gibt es auch die Möglichkeit, ein Zertifikat auf Sekundarstufe II zu erlangen, indem eine dreijährige Lehre zur Fachangestellten Gesundheit (FAGE) absolviert wird. Bei der Planung wurde davon ausgegangen, dass ein Grossteil der FAGE-Absolventinnen anschliessend in ein
Programm der Tertiärstufe einsteigen wird, um dann als diplomierte Fachfrau abzuschliessen. Es zeigt sich jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Gemäss einer Aussage von Romy Geisser, der Geschäftsführerin des Arbeitgeber-Dachverbands OdA-Gesundheit beider Basel, schliessen zwar viele junge Menschen auf der Sekundarstufe II ab, jedoch nur 15 Prozent davon führen ihre Ausbildung auf der nächsten Stufe weiter. Gegenüber früher steigen weniger junge Leute in die
Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson ein, nicht zuletzt deshalb, weil die schulischen Anforderungen höher liegen als bei der vorherigen Ausbildung.

Diese Entwicklungen werden in den nächsten Jahren, spürbar ab dem Jahr 2010, dazu führen, dass deutlich weniger diplomiertes Fachpersonal zur Verfügung stehen wird. Romy Geisser schätzt, dass in den Kantonen Baselland und Baselstadt rund 100 examinierte Pflegefachpersonen pro Jahr fehlen werden. Dies ist eine nicht unerhebliche Zahl, welche die Spitäler vor schwierige Probleme stellen wird. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es dafür? Man könnte mehr Pflege-fachpersonal aus dem Ausland engagieren, um den Bedarf zu decken. Oder man könnte versuchen, die fehlenden examinierten Pflegefachfrauen und -männer mit Fachangestellten Gesundheit zu ersetzen. Beide Lösungen führen jedoch nur bedingt zum Ziel, die Qualität der pflegerischen Versorgung zu erhalten.

Von vielen Seiten wird zurzeit eine andere Lösung vorgeschlagen: die Neuverteilung der Aufgaben des examinierten Pflegefachpersonals. Dies bedeutet, dass examinierte Pflegefachleute nur noch Aufgaben übernehmen, für die es das Fachwissen dieser Stufe braucht und alle anderen Aufgaben durch Fachangestellte Gesundheit ausgeführt werden. Also ein Schritt hin zur Spezialisierung der Pflege, wie dies beispielsweise in Amerika bereits praktiziert wird. Dies verlangt grosse Umstellungen in der Organisation der täglichen Arbeit innerhalb der Spitäler.

Ganzheitlichkeit ist gefährdet

Auch in unseren anthroposophischen Kliniken werden wir um diese Fragen nicht herumkommen. Auch wir müssen damit rechnen, weniger Fachpersonal zur Verfügung zu haben. Gerade die oben angesprochene Spezialisierung des Fachpersonals stellt hier ein Problem dar. Die Grundidee der ganzheitlichen Pflege, wie sie in der Anthroposophischen Pflege angestrebt wird, bedingt nämlich, dass der Mensch ganzheitlich und nicht in „Sektoren“ gepflegt wird. Es sollten nicht nur Teilaspekte der Pflege durch Fachpersonal abgedeckt werden, sondern dieselbe Person sollte einen möglichst grossen Teil durchführen. So würde es zum Beispiel schlecht zu unserem Konzept passen, wenn das Waschen eines kranken Menschen durch eine andere Person durchgeführt würde als die Verabreichung einer Infusion oder einer Spritze, und wenn das Pflegeanamnesegespräch von einer weiteren Person geführt würde. Diese Aufsplitterung der Tätigkeiten widerspricht dem Verständnis von ganzheitlicher Betreuung.

Wie wir dieses Dilemma lösen können, weiss ich noch nicht. Aber ich finde es wichtig, dass wir uns bereits jetzt auf die Problematik der verknappten Mittel vorbereiten – sowohl in finanzieller als auch in personeller Hinsicht. Die Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden Pflege ist eine der
zentralen Voraussetzungen, um Anthroposophische Medizin im stationären Bereich auch weiterhin umzusetzen.





Dr. oec. Hans-Peter Studer

Freiberuflich als Mitwelt- und Gesundheitsökonom tätig und seit 2005 Mitglied des Redaktionsteams der Quinte. Er befasst sich schon seit langem mit den Möglichkeiten, sowohl unser Wirtschaftssystem
als auch das Gesundheitswesen nachhaltig zu transformieren, und ist unter anderem Vorstandsmitglied des Vereins „Integrale Politik“ und des Instituts für Integrale Studien.

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