Ausgabe 19 / Herbst 2007
Schwerpunktthema: Gemeinsam den Rücken stärken



Rückgrat - gehalten zwischen Himmel und Erde

Im Alter von knapp 36 Jahren wurde Lara Barbara Stutz 2006 mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Im Gespräch mit der Ärztin Silke Helwig über das Thema „Rückgrat“ schildert sie die damit verbundenen Erfahrungen. Das Gespräch kann Hoffnung machen. Es verdeutlicht, dass die Wahrnehmung des Gegenübers als Individualität, der individuelle Ausdruck, etwas ist, was hilft, die eigene Stärke zu finden.






  Frau Stutz, was heisst für Sie Rückgrat?

Rücken ist für mich das wirklich Körperliche. Rückgrat enthält demgegenüber etwas Grösseres im Wort. In mir taucht ein Bild von Boden und Himmel auf, die verbunden sind, ein energetisches Bild vom Boden nach oben, eine Energie, die über den Körper hinausgeht. Wenn ich mich aufrichte, dann spüre ich, dass die Bewegung auch vom Solar plexus ausgeht. Vom Gefühl her gehört zum Rückgrat auch der vordere Teil des Oberbauchs und des Brustkorbbereichs. Und ein Raum hinter mir gehört ebenfalls dazu, der hell wird und das Gefühl des Sich-A ufrichtens verstärkt.

  Haben wir dieses Rückgrat von Anfang an?

Wir kommen gewissermassen mit dem Rücken zur Welt, aber damit diese Form, diese Gestalt entsteht, braucht es den vorderen Bereich. Wenn man steht, kann das Rückgrat hin und her schwanken oder umkippen, aber mit dem Vorderraum, der die Form gibt, wird es viel stabiler. Dieser vordere Teil hat für mich mit Entwicklung zu tun. Wir brauchen ihn, um ein Selbst-Gefühl zu haben. Diese Entwicklung hängt sehr stark von unserer Umgebung, den Eltern, dem Schulsystem ab. Sie spiegeln uns und geben uns daher im Idealfall die Möglichkeit, unsere Individualität zu entwickeln. Tatsache ist, dass die Verhältnisse nicht immer in diesem idealen Sinn funktionieren. Das Rückgrat ist nicht unbedingt etwas, das automatisch kommt oder das jeder Mensch hat oder entwickelt.

  Ein Mensch, der Rückgrat hat, der ...

... geht seinen eigenen Weg, lässt sich nicht unterkriegen, setzt das ein, was er zur Verfügung hat.

  Und ein Mensch, dessen Rückgrat gebrochen wurde?

Der hat keine wirkliche Wahl und sieht auch die Möglichkeiten nicht oder nicht mehr. Es hat zu tun mit Ausgeliefertsein oder keinen Einfluss nehmen können. Der Wille, der eigene Wille, die Eigenbestimmung ist gebrochen worden, ist weggenommen worden. Etwas, was von aussen kam, war wie übermächtig und das Innere, das es auch braucht, war nicht genügend vorhanden, um dem standzuhalten.

  Wie war das, als Sie die Diagnose Krebs erhielten?

Zuerst wie gebeugt, aber nachher wieder ein Aufrichten. Ich konnte auf eine Art aufrecht bleiben, und da war wohl auch etwas, wo ich vorher schon an mir gearbeitet habe. Ich sehe immer mehr, was mich alles unterstützt hat. Zum Teil kann ich es benennen, und zum Teil ist es immer noch ein Mysterium. Zuerst aber war das Gefühl, ausgeliefert zu sein, keine Wahl zu haben, nichts machen zu können, keine Chance zu haben, ein Gefühl, dass das Aussen übermächtiger ist.

  War es die Diagnose an sich oder auch die Art und Weise, wie sie mitgeteilt wurde?

Ja, eindeutig auch, wie sie mitgeteilt wurde. Es hatte so etwas Technisches. Mir wurde sofort gesagt, was ich nun machen müsse, was als Standard üblich sei. Ich spüre heute, dass es nicht die Menschen an sich waren – nicht dass sie böswillig verletzen, schaden wollten. Wenn mir aber anstelle ihrer Individualität das System, die Schemata begegnen, dann schwächt das. Der individuelle Teil, ich als Mensch, hatte keinen Platz.

  Wie war dann Ihr Weg? Wo kam Ihre Kraft her?

Er war nicht einfach so da. Es ist eher Schritt um Schritt wie klarer geworden, welchen Weg ich mit dieser Diagnose gehen will. Im Moment der Diagnose war das Zu- sammenklappen. Einen Tag später fand ich, ich will mich informieren und will wissen, was in den Befunden steht. Ich sass an den Computer und ging ins Internet. Es war wirklich schwierig, da einfach „Krebs“ einzugeben und zu lesen zu beginnen. Ich war allein im Haus und dachte, o.k., ich kann das, ich tue das jetzt. Das war so ein Moment, wo ich merkte, dass ich es konnte.

  Was machten Sie mit den Informationen aus dem Internet?

Am nächsten Tag im Gespräch mit dem Chirurgen konnte ich Fragen stellen und ich bemerkte Reaktionen. Dadurch hat meine Kraft weiter Auftrieb bekommen. Nach der zweiten Operation habe ich von aussen Hinweise bekommen, denen ich nachging. Durch das, was ich dabei erlebte, wurde es noch klarer, was ich tun wollte und was nicht. Wirklich Schritt um Schritt. Ich kann nicht sagen, am Anfang war klar, ich tue das und das. Überhaupt nicht. Das ist entstanden.

  Sie sind einfach Ihren Weg gegangen?

Wenn ich so zurückblicke, spüre ich, dass es auch eine Führung gab, ein Gefühl von Geführt-Sein. Das Geführt-Sein ist für mich wie Hilfe oder eine Stütze erhalten. Das ist ein Teil, den ich jetzt rückblickend vermehrt sehe und der auch durch diese Erfahrung vermehrt in mein Leben gekommen ist und weiter kommt.

  Was kann helfen, in einer so schweren Situation Rückgrat zu zeigen und zu behalten?

Wichtig ist, glaube ich, sich Zeit zu geben und sich Zeit zu nehmen. Ich bin an mehrere Orte gegangen, habe mehrere Institutionen und Menschen getroffen und dann gewählt. Ich habe das Gefühl, dass das ein ganz wichtiger Teil ist: wirklich für sich zu wählen. Und dann voll und ganz diesen Weg auch gehen und wirklich ja sagen.
Wichtig ist aber auch, vorsichtig zu sein mit dem Reden. Ich war und bin vorsichtig, mit wem ich was rede, weil ich einfach gemerkt habe, dass Verwirrung und Angst kommen, wenn ich Gewisses höre. Es verhindert, dass ich wirklich spüren kann, was bei mir ist, was für mich stimmt. Soviel wie möglich ausschalten, sagen: „Ich komme und frage, wenn ich etwas wissen möchte.“

  Was war auch noch von Bedeutung?

Es geht am Anfang vor allem darum, Boden zu haben, geerdet zu sein, seinen Raum wahrzunehmen. Hier kann vielleicht ein Mensch als Begleitung hilfreich sein. Dieser Mensch muss aber „neutral“ sein, darf nicht in einem Interessenzusammenhang mit anderen Seiten oder Institutionen stehen. Nachdem ich Boden unter die Füsse bekommen hatte, war es für mich wichtig, auch den Himmel, das Spirituelle hineinzunehmen. Für die eigene Entwicklung und um gestärkt daraus hervorzugehen, braucht es meiner Ansicht nach beides. Ich erlebe meine Erfahrungen als Chance, einerseits mehr Boden zu gewinnen und mich mehr nach oben zu öffnen.

  Gab es für Sie Überraschungsmomente in diesem Gespräch?

Ja, überrascht haben mich ein paar dieser Bilder, die gekommen sind: die Verbindung von hinten und vorne, unten und oben. Dieses Umfassende, das sich gezeigt hat, finde ich ebenfalls spannend. Oder wie dieser Unterschied von Rücken und Rückgrat körperlich spürbar ist. Durch das Gespräch spüre ich auch, dass ich in dieser Erfahrung wirklich Rückgrat bewiesen habe und habe erfahren können, wie es ist, aus dieser inneren Stärke zu leben und sie wachsen zu lassen. Das jetzt noch einmal zu spüren, berührt mich.

 

Persönliche Erfahrungen mit verschiedenen Therapien

Im Folgenden schildert Lara Barbara Stutz bezogen auf das Thema Rückgrat ihre Erfahrungen, die sie mit verschiedenen Therapiemethoden an der Lukas Klinik gemacht hat.

Iscadortherapie mittels Spritzen
Ich sehe einen wichtigen Zusammenhang darin, dass ich selber etwas tun kann. Ich habe nicht das Gefühl, mit mir wird etwas gemacht, sondern ich, ich spritze. Vom Körpergefühl her spüre ich deutlich, dass das Iscador im hinteren Bereich, in der Mitte des Rückens unterstützt. Die Iscadorspritze wirkt mehr im physischen Körper und im physischen Rücken.

Iscardorinfusionen
Vielleicht klingt das jetzt etwas komisch, aber es ist nichts in mir, das ablehnt, dass ich liege und jetzt da ein Medikament hinein läuft; vom Körpergefühl her ist ein Ja da. Die Wirkung nehme ich mehr im vorderen Bereich wahr. Das ist ganz spannend. Den Vorderraum empfinde ich als den Entwicklungsraum, da wo Bewegung ist, der Entwicklungs-Weg. Die Infusion wirkt mehr in etwas Grösserem als einfach dem physischen Körper, mehr im Vorderraum.

Fieber im Zusammenhang mit Iscardorinfusionen
Durch das „Fieber“ entsteht bei mir wie ein anderer Zustand. Der Kopf und das Denken, die im „Normalzustand“ bei mir und tendenziell in der Gesellschaft eine starke Position haben, verlieren diese Vorrangstellung im Fieber. Der unangenehmste Moment der Infusion ist, wenn das Fieber kommt. Dann beginnt es zu spannen, und ich habe das Bedürfnis Druck zu geben, mich anzuspannen. Ich habe die Assoziation, dass sich gewisse Teile wahrscheinlich auch wehren, sich wirklich gehen zu lassen in diesen anderen Bereich. Es findet eine Auseinandersetzung statt. Man kann nicht mehr „kontrollieren“, berechnen oder vorwegnehmen. Ich erhalte Zugang zu etwas, wohin ich sonst nicht komme, an einen Ort, wo ich mehr Zugang zur Führung habe.

Heileurythmie
Ich habe bemerkt, als wir vorher von diesem Raum nach hinten gesprochen haben, dass das in der Heileurythmie ein Thema gewesen ist. Dieser hintere Raum war neu für mich, und ich fragte mich: Wovon spricht die Heileurythmistin jetzt? Am Anfang sagte sie mir, ich sei nach hinten gerichtet, aus dem Lot, wenn ich stehe. Das hat sich verändert – und das Gefühl dazu ist, mehr in der Welt sein, mehr da, mehr im Lot. Also das hat einen grossen Zusammenhang, wie ich gerade sehe. Ich machte die meiste Zeit Übungen im Stehen, wo ich wirklich auch bewusst stand und lernte, besser zu stehen.

Sprachtherapie
Vom Gefühl her wirkt die Heileurythmie mehr im physischen Körper. Die Sprache und Laute hingegen wirken wie in einem Bereich, wo ich weniger verstehe, was wir alles berühren. Ich bin extrem fasziniert, was abläuft. Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Sprachtherapie mehr im Vorderbereich wirkt, beim Individuellen, der Individualität, dem Entwickeln. Es stärkt mich, meinen Weg zu gehen, das Karma, das Schicksal zu nehmen und etwas daraus zu machen. Es scheint, als wenn die Heileurythmie hinten und die Sprache vorne wirkt. Und es braucht beides, damit es stimmt.

Biographiearbeit
Vom Bild und Körpergefühl her wirkt sie in der Mitte. Es ist eine Möglichkeit für mich zu prüfen, wie ich mit Situationen im Alltag umgehe oder anders umgehen kann und möchte. Das scheint gerade etwa in der Mitte zu sein. Und je nachdem kann es auch mehr nach vorn oder nach hinten wirken. Es geht um die Frage: Was ist jetzt dran?

Gespräch und Begegnung
Mir wird ganz deutlich, dass nicht nur die Therapiemethode wichtig ist, sondern dass vor allem die Beziehungen zu den Menschen, zu Ärzten und Therapeutinnen ein wesentlicher Faktor sind. Das habe ich an der Lukas Klinik sehr stark erlebt. In jeder Erstbegegnung gab es so etwas wie einen Funken, der erahnen liess, dass da wirklicher Kontakt, in gewissem Sinne Beziehung, möglich ist. Das ermöglichte mir, mich einzulassen, zu vertrauen, mich mit meinen Themen zu zeigen und die angebotene Unterstützung anzunehmen.





Silke Helwig

Sie ist seit 23 Jahren Ärztin an der Lukas Klinik mit Schwerpunkt Psychoonkologie und Biographiearbeit.

s.helwig@lukasklinik.ch

 

 

Lara Barbara Stutz

Sie arbeitet in eigener Praxis als Life Coach/psych. Beraterin mit Einzelpersonen, Paaren und Gruppen.

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