ZWEI GESTALTEN stehen im herbstlichen Morgendunst. Sie konzentrieren sich, strecken und spannen sich – und schleudern ihre Speere so weit wie möglich in den Garten. Karin Hege, seit 1987 Therapeutin an der Klinik, erklärt: "Unser Körper ist unser Instrument – das Sprechen beschränkt sich nicht nur auf Stimmbänder und Kehlkopf – die Muskulatur des ganzen Körpers ist beim Sprechen beteiligt. Erst wenn ich fähig bin, eine aufrechte Haltung und ein gutes Muskelbewusstsein zu entwickeln, kann ich meinen Körper harmonisch zum Klingen bringen." Ist der Mensch krank, so ist sein inneres Gleichgewicht gestört. Aufgabe des Sprachgestalters ist es, dem Patienten Mittel an die Hand zu geben, dieses wieder herzustellen. Das Speerwerfen ist ein Weg, dem Körper die nötige Spannkraft zu geben – Grundvoraussetzung für innere Ausgeglichenheit und Harmonie. Unsere Stimme – so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.
Die meisten Menschen sind sich ihrer Stimme nicht bewusst. Dabei ist sie so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Zwar kann man seine Stimme schulen – ihre Grundzüge wird man nie ändern. Der Stimmkern ist jedem mit in die Wiege gelegt. Er hängt mit dem ICH, dem Wesenskern zusammen. So ist die Stimme Spiegel unseres Innersten. Wer spricht, offenbart sich. Aber nur wenige Menschen sind geschult, auf Stimmen zu achten; sei es die eigene oder eine fremde. Ein guter Therapeut hört schnell heraus, wo sich im Körper eines Patienten Disharmonien befinden. Sprachgestaltung hilft bei vielfältigen Krankheitsbildern Einige Patienten sperren sich anfangs gegen die Sprachgestaltung. Warum sollen sie Sprachübungen machen, wenn sie weder lispeln noch stottern? Viele sind verwirrt, wenn sie das erste Mal mit Karin Hege zusammentreffen. Denn nach dem Sprechen einiger Übungen kann sie sagen, wo Verspannungen und Unsicherheiten liegen Dinge, die in keiner Krankengeschichte stehen. In diesem Moment ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit gross – eine Grundvoraussetzung, ohne die der Therapeut nicht tätig werden kann.
Mit der Sprache Heilungsprozesse in Gang setzen Aber wie kann ein Sprachgestalter helfen, z. B. chronischen Durchfall zu heilen? Karin Hege fiel sofort auf: Der Patient konnte u. a. beim B die Lippen nicht vollständig schliessen. Sein körperlicher Zustand spiegelte sich in der Sprache wider: Im Laufe des Übens lernte der Patient den Lippenverschluss. Und mit der Besserung der Sprache besserte sich auch sein körperlicher Zustand. Gut für die Psyche Doch nicht nur körperliche Krankheiten können mit Hilfe der Sprachgestaltung geheilt werden. Häufig begleitet Karin Hege auch psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen. Denn gerade bei seelischen Verletzungen und Verkrampfungen, Trauer, Ängsten oder Nervosität tragen wir unser Leiden und unsere Probleme buchstäblich auf der Zunge. Die Sprache verlagert sich einseitig. Der Therapeut hilft dem Patienten, seinen gesamten Sprachraum zurückzuerobern und damit sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Die alten Griechen als Vorbild Die Sprache beeinflusst den Atem, was sich wiederum auf den gesamten Körper auswirkt. Das ideale Verhältnis Puls: Atem beträgt 4:1. Es wird normalerweise nur im Tiefschlaf erreicht. Schon die Griechen wussten von der heilenden Kraft dieses Verhältnisses und versuchten sie durch den Hexameter zu verstärken. Der klassische Fünfkampf Die Ausbildung der Sprachgestalter orientiert sich auch sonst stark an der schon den Griechen bekannten Harmonie zur Stärkung und Schulung des Körpers. So sind die Disziplinen des klassischen griechischen Fünfkampfes (Laufen, Springen, Ringen, Diskus- und Speerwerfen) ideal, um den Leib als Instrument für Seele und Geist zu formen. Denn die Grundvoraussetzungen für ein harmonisches inneres Gleichgewicht sind Bewegung, Haltung, Gestik und Muskulatur. Karin Hege: "Hätte ich eine Sprachgestaltungsschule, würden meine Schüler drei Monate nur diese Disziplinen üben, um ihren Körper als Instrument nutzen zu können. Erst danach würde ich mit ersten Sprachübungen beginnen." Und so geht sie mit ihren Patienten erstmal in den Klinikgarten und übt Speerwerfen.
Die Ita Wegman Klinik in Arlesheim bei Basel ist die älteste anthroposophische Klinik in der Schweiz. Seit 80 Jahren ist die Klinik ein Ort, wo auf der Basis schulmedizinischer Erkenntnisse ganzheitliche Therapien und Behandlungen durchgeführt werden. Körper, Geist und Seele werden gleichermassen in die Behandlung mit ein bezogen. Der Patient als Mensch steht hier im Mittelpunkt. Kontakt: 061 705 71 11