In dieser Definition, die als symptomatisch für die aktuelle Paradigmatik gelten darf, liegt eine ungeheure Brisanz. Die Definition ist ein zweischneidiges Schwert; Not und Chance liegen ganz nahe beieinander. "Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert": gewiss ein humanistisches Anliegen! In den Händen einer materialistisch-utilitaristischen Wissenschaft jedoch gleichzeitig eine höchst problematische Angelegenheit.Diersr te
Krankheit offiziell: Eine Störung
Krankheit wird damit – ohne weitere Hinterfragung – in den Bereich des Unrichtigen, nicht zum Menschen gehörenden, Unmenschlichen verwiesen. Der Ruf nach Ausrottung der Krankheiten – beispielsweise durch weltweite flächendeckende Impfkampagnen – ist dann nur die logische Konsequenz. Wenn Eltern ihre Kinder die Masern durchmachen lassen, verstossen sie zudem gegen die Menschenrechte.
Gendiagnostik bald Pflicht?
Nicht erst die Krankheit, bereits die Krankheitsveranlagung muss nach dieser Definition aufgedeckt und einer medizinischen Intervention zugeführt werden. Gesundheit bedarf – so gesehen –
z. B. möglichst breiter vorbeugender Gen-
diagnostik, damit allfällige "Disorders" schon vorgeburtlich erfasst und eine Abtreibung ins Auge gefasst werden kann. Dieser Sichtweise diametral entgegengesetzt erleben wir Ärzte in unseren Praxen immer mehr Menschen, welche mit der Frage leben, ob nicht auch die Krankheit zum Menschen gehört, mit der Frage gar eines möglichen Nutzensder Krankheit, kurzum der Frage nach dem Sinn der Krankheit. "Krankheit als zu bemessene Schickung mit lebensgeschichtlichem Hintergrund und tieferem Sinn," schreibt Frank Nager in einem Essay in der Schweizerischen Ärztezeitung. Und Nager hat in seinem Buch "Goethe - der heilkundige Dichter" ausführlich aufgezeigt, dass das gesamte literarische und naturwissenschaftliche Werk Goethes nicht denkbar wäre ohne seine Krankheiten, von den Pocken bis zum Herzinfarkt. "Gesundheit ist bei Goethe alles andere als Freiheit von Leiden und Krankheit. Sie hat für ihn viel mehr zu tun mit Lebendigkeit und Lebenssinn und mit der Fähigkeit, trotz Leiden und Anfechtung sein Leben zu führen, sich zu entfalten, der zu werden, der er ist."
Die Sehnsucht nach der Ganzheit
Der Patient, der sich der Komplementärmedizin zuwendet, sucht, wenn auch oft nicht ganz bewusst, irgendwo die Wiederherstellung der verlorenen Bezüge. Er vermisst in unserer hochentwickelten technischen Medizin vielleicht die Natur und wendet sich der Naturheilkunde zu. Er will vielleicht nicht mehr (nur) chemische Medikamente einnehmen und interessiert sich deshalb für Phytotherapie. Er möchte sich auf natürliche Art in der Ganzheit seiner Beschwerden erfasst wissen und sucht die Homöopathin auf. Er möchte aus der Begrenztheit des westlichen Materialismus ausbrechen und spürt irgendwie, dass die Krankheit auch geistige Hintergründe hat, und beginnt sich für anthroposophische Medizin zu interessieren. Dabei ist die Verständigung mit der sogenannten Schulmedizin wohl allen komplementärmedizinischen "Richtungen" ein wichtiges Anliegen, indem letztlich jede seriöse Medizin zur Ganzheit hinstrebt. Als eines der faszinierendsten gemeinsamen Forschungsgebiete hat sich in den letzten Jahrzehnten die Immunologie herausgestellt.
Wachsen und Lernen
Unser Organismus steht in fortdauernder Auseinandersetzung mit seiner Umgebung, welche ihn je nachdem schützt oder auch bedroht. Der ungeborene Embryo lebt noch vollständig umhüllt im Schutze des mütterlichen Organismus, welcher seinerseits durch eine einzigartige Immuntoleranz die Eigenständigkeit des neuen Lebewesens ermöglicht. Auch das Neugeborene bringt noch einen gewissen Immunschutz mit auf die Welt, der sich z. B. in mütterlichen Antikörpern gegen verschiedene Kinderkrankheiten manifestiert. Im Stillen wird dieser frühe Schutz vor unzeitgemässer Belastung noch weitergeführt. Parallel zur äusseren Entwicklung des Kindes mit Aufrichtung, Herausbildung spezifischer Grob- und Feinmotorik, Gehfähigkeit, Spracherwerb und Ausbildung der Denkfähigkeit entwickelt sich sein Immunsystem.
Anthroposophische Medizin
Es ist nun eine der zentralen Thesen der anthroposophischen Medizin, dass es sich bei den Kräften, welche dieser Entwicklung des Immunsystems zugrunde
liegen, um die gleichen Kräfte handelt, welche dem Kind für sein geistiges Lernen zur Verfügung stehen müssen – eben um die aller Gesundheit zugrundeliegenden Lebenskräfte.
"Diese Kräfte betätigen sich im Beginne des menschlichen Erdenlebens – am deutlichsten während der Embryonalzeit – als Gestaltungs- und Wachstumskräfte. Im Verlaufe des Erdenlebens emanzipiert sich ein Teil dieser Kräfte von der Betätigung in Gestaltung und Wachstum und dient der Entfaltung der Denkkräfte. Es ist von der allergrössten Bedeutung, zu wissen, dass die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind".
Rudolf Steiner
Lebenskräfte brauchen Herausforderungen
Und eine weitere zentrale Hypothese der anthroposophischen Medizin besagt, dass diese Metamorphose der menschlichen Lebenskräfte von Wachstums– in Bewusstseinskräfte einer gesetzmässigen Förderung durch äussere – aber auch innere – Herausforderungen bedarf. "Nur so kann sich ein Wesen seines eigenen inneren Lebens bewusst werden, durch die Tatsache, dass sein eigenes Leben auf Widerstand stösst," schreibt Rudolf Steiner. Diese Widerstände müssen aber altersgemäss sein. Es ist leicht nachvollziehbar, dass unzeitgemässe Überforderungen sowohl des Immunsystems wie auch des Nerven-Sinnes-Systems zu nachhaltiger Schwächung führen können. Die typische Situation des Kindes in den heutigen westlichen Industrieländern ist – etwa im Gegensatz zu jener in den Entwicklungsländern – tendenziell eine Unterforderung des Immunsystems mit gleichzeitiger Überreizung im Wahrnehmungsbereich im Bereiche des intellektuellen Denkens. So gesehen kann es nicht überraschen, dass ganz parallel zur Ausbreitung der Allergien und Lernstörungen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) und Autismus dramatisch zugenommen haben.
Die Bedeutung des Fiebers
Die Auseinandersetzung nach aussen ist die Domäne der Immunologie, welche sich mit den vielfältigen Prozessen befasst, durch welche das Kind sich schliesslich immunkompetent in seiner äusseren Umwelt behaupten kann. Aber das ist nicht alles. Die anthroposophische Medizin geht davon aus, dass sich das Kind auch nach innen festigen muss. Das Neugeborene betritt diese Welt mit einem von seinen Eltern genetisch geprägten physischen Organismus, den es jetzt auch in Einklang mit seiner Eigenpersönlichkeit, seinem eigenen Wesen, seiner Individualität bringen muss. Das bedingt tiefreichende Umschmelzungsprozesse bis hinein in die Eiweisssubstanz, welche nur im Fieber überhaupt möglich werden. So sind aus der hausärztlichen Praxis instruktive Beispiele der Besserung oder Heilung veranlagter chronischer Krankheiten durch akute Fiebererkrankungen bekannt.
Fieber stärkt die Abwehrkräfte
Zudem zeigen Studien seit hundert Jahren konsistent auf, dass Menschen mit durchgemachten fieberhaften Kinderkrankheiten später seltener an Krebs erkranken. Der bekannte Wiener Chirurg
R. Schmidt, der 1910 diesen Zusammenhang erstmals einleuchtend zusammenstellte und später, nach 38 Jahren weiterer Beobachtung in seinem Lehrbuch der inneren Medizin bestätigte, kommentierte dazu: "Ein Kausalzusammenhang könnte insofern bestehen, als unter dem Einfluss von Infektionskrankheiten der konstitutionelle Boden in einer Weise umgepflügt werden könnte, so dass die Disposition zur Erkrankung an Krebs bedeutend absinkt. Es käme solcher Art von Infektionskrankheiten eine gewisse Krebsprophylaxe zu. Ist dem so, so würde gerade unsere moderne Hygiene, wenigstens insofern sie das Auftreten von Infektionskrankheiten eindämmt, die Häufigkeit der Krebserkrankung fördern."
Qualität ist wenn...
"Qualitätssicherung" - wer spricht heute nicht davon? Wenn etwas so ultimativ und nahezu flächendeckend ins Zentrum des Interesses rückt, muss das eine tiefere Bedeutung haben. Wie meine ich das? Was da "so in der Luft liegt", muss den "Nerv der Zeit" treffen. Von einem "Gebot der Stunde" mögen andere reden. In unserem Falle geht es offensichtlich darum, sich der Frage nach der Qualität mit aller Ernsthaftigkeit zu stellen. Wie kam das nur soweit, wollen wir zuerst fragen. Das abgelaufene Jahrhundert stand ganz im Banne der Zahlen, des Mess- und Wägbaren, der Quantitäten schlechthin. Viel verdanken wir diesem Umstand. Auf der anderen Seite hat er uns, eben mit Blick auf das Qualitative, das darob arg ins Hintertreffen geriet, arm gemacht. Mit dem Übergang ins neue Jahrhundert ist die entschiedene Wende - hin zu einem immer differenzierteren Erfassen von Qualitäten gefordert. Im Handumdrehen geht das aber nicht an. Man ist gewiss gut beraten, in der Frage der Umsetzung vorerst einmal nichts zu überstürzen. Das Alte, der einseitig "quantifizierende Blick", sitzt tiefer als man denkt. So leicht lässt er sich nicht abschütteln. Grosse Wachheit ist angezeigt, wenn die Neuorientierung tatsächlich gelingen soll. Und wenn alles so schnell geht, wie eben jetzt, ist Skepsis am Platze. Um welche Qualität geht es denn wirklich? Und - was erst in einem zweiten Schritt noch zu beachten wäre - wie kann sie allenfalls verbessert oder gar gesichert werden? Was sind wohl die entscheidenden Kriterien und wie können sie erfasst werden. Wer sich zur Zeit in Wirtschaftszusammenhängen umsieht, ist vielleicht ernüchtert, wenn er erfährt, zu welchem Preis hier "Qualität gesichert" wird. Dass damit einhergehend in vielen Betrieben ein unsäglicher Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt wird, ist erschreckend und macht stutzig. So kann es also nicht gehn, müssen wir ernüchtert feststellen. Erzwingen lässt sich manches, auch im qualitativen Bereich. Bleibt nur die alles entscheidende Frage: Zu welchem Preis? Ich fürchte, Qualitätssicherung orientiert sich zu oft einseitig am Kunden. Wer bloss das Ziel, sprich das Produkt im Auge hat und den Weg dahin nicht ebenso qualitätsorientiert betrachtet, ist auf dem Holzweg und kommt im Hinblick auf echte Qualitätsverbesserung kaum voran. Mit Blick aufs Ganze, müsste dann gar vielleicht von einem Qualitätsverlust die Rede sein. Woran entscheidet sich die Qualitätsfrage im Gesundheitsbereich? Wie man weiss, ist das Fehlen eines tragfähigen sozialen Netzes mit dem Entstehen von Krankheit wesentlich verbunden. Anders gesagt: Wer sich in seinem Umfeld gut eingebettet fühlt, wird seltener krank. Das Hauptaugenmerk im Spitalzusammenhang ist deshalb in erster Linie auf die Beziehungsebene zu richten. Hier entscheidet sich mehr als man denkt. Das trifft natürlich für den Dienstleistungsbereich generell zu. Ein Patient, eine Patientin, die sich persönlich angesprochen und ernst genommen fühlen, werden in aller Regel schneller und umfassender genesen. Der Selbstheilungsimpuls wird in einer stimmigen Atmosphäre gewiss besser zum tragen kommen. Ich wage zusammenfassend die denkbar simple These: Von erfolgreichem Qualitätsmanagement kann eigentlich nur dann die Rede sein, wenn es allen damit besser geht. Allen sagte ich. Allen. Betont umsatzorientiertes Qualitätsmanagement ist im Ansatz verfehlt, weil es durcheinander wirft, was doch eben getrennt zu betrachten wäre. So rasch gerät man in die heimtückische Falle. Sie lauert allenthalben. Ich halte abschliessend fest: Qualität kann man eigentlich gar nicht haben. Sie kann nur immer wieder neu wachsen, Tag für Tag, wo Menschen sich selbstlos darum mühen. Und dann noch bleibt das Gelingen Gnade. Daniel Wirz