Bei den Untersuchungen zur Schulreife finden die Ärzte kaum noch Kinder, die rundherum als gesund zu bezeichnen sind; die meisten kommen bereits mit körperlichen oder sogar seelischen Belastungen in die Schule, viele zeigen Verhaltensauffälligkeiten.
Das gesunde Heranwachsen der Kinder in unserer Gesellschaft ist offenkundig bedroht wie nie zuvor. Zu den vielfältigen Ursachen dieser alarmierenden Entwicklung zählen die Fachleute unter an-derem „soziale Kälte“, Be-wegungsmangel, ungenügende Spielmöglichkeiten, das Fehlen einer entwicklungsfördernden Umgebung, Reizüberflutung und nicht zuletzt den ausufernden Medienkonsum.
Das alles sind Faktoren, für die nicht genetische Defekte verantwortlich zu machen sind, sondern wir selbst. Die Kinder spiegeln mit ihren Problemen die Situation wider, die wir ihnen zumuten. Ihre „Defizite“ sind die Defizite der Gesellschaft. Statt aber ein Umdenken zu veranlassen, setzen Bildungspolitiker auf den Computer als pädagogisches Wundermittel und fordern seinen Einsatz nicht nur von der ersten Klasse an, sondern auch schon im Kindergarten. Selbst für Babys unter einem Jahr bietet der Handel bereits Computer und Lernkassetten an, Surrogate also an Stelle der so notwendigen Primärerfahrungen. Was ist zu tun? Es scheint an der Zeit, eine Bewegung zu initiieren, die der Erkenntnis zum Durchbruch verhilft, dass sich das volle Spektrum seelischer und geistiger Fähigkeiten nur auf der Grundlage einer umfassenden, hochdifferenzierten Ausbildung der Sinne und des Bewegungsorganismus entfaltet.
Neueste Forschung zeigt, dass die kindlichen Gehirnstrukturen ihre Reife erst durch vielfältigste, reiche Tätigkeit mit dem ganzen Leib und mit allen Sinnen erlangen. Die entscheidende Anregung dazu kommt nicht von der Lernmaschine, sondern von den Erwachsenen, die durch ihre Zuwendung und ihr warmes Interesse die innerste, ureigenste Aktivität des Kindes zu entfachen wissen. Gründung eines neuen Instituts Es ist nicht damit getan, den „Erziehungsnotstand“ (wie er in neusten Publikationen genannt wird) zu bejammern. Praktische Hilfe ist gefragt, Hilfe, die an die Wurzeln des Problems geht.
Die Wurzeln liegen in der frühen Kindheit, liegen bei den Eltern, die angesichts veränderter Berufssituationen, zerbrechender Familienstrukturen und schwindender Traditionen immer weniger wissen, wie sie ihren Erziehungsaufgaben in der rechten Weise nachkommen sollen. Das kürzlich in Stuttgart gegründete „Institut für Pä-dagogik, Sinnes- und Medienökologie“ (abgekürzt IPSUM) will da ansetzen. Wissenschaftliche Forschungsarbeit sowie auch Schulungsangebote sind vorgesehen. Als erste konkrete Aktion wird ein berufs-begleitender Ausbildungsgang für Menschen, die in der Arbeit an kleinen Kindern stehen, konzipiert und angeboten!