Heft 2 / Frühjahr 2002
Schwerpunktthema: Kinder


Ent-Hüllung

Über die frühkindliche Entwicklung Die kindliche Entwicklung ist stark von der Umgebung abhängig. Alles, was von ihm wahrgenommen wird, hat einen Einfluss auf seine seelische und geistige Entfaltungsmöglichkeit, aber auch auf seine körperliche Entwicklung und Gesundheit.





Die Schwangerschaft aus der Sicht des Kindes IM MUTTERLEIB IST DAS UNGEBORENE noch ganz durch die körperlichen Hüllen der Mutter von der Umwelt abgeschlossen. Der Raum, in dem es sich jetzt aufhält, ist dunkel. Im Fruchtwasser schwimmend verspürt es leichte Schaukelbewegungen durch die Bewegungen der Mutter beim Gehen oder anderen Tätigkeiten. Es empfindet zudem eine wohlige Wärme, als wenn wir in einem warmen Bad liegen. Nur dumpf dringen Geräusche an das Ohr des Ungeborenen. Ruhige Stimmen oder lautes Schreien, harmonische Klänge oder dröhnende Musik werden als angenehm oder eben als unangenehm empfunden. Viele Kinder reagieren unmittelbar darauf. Im Mutterleib wird die ganze Schwangerschaftszeit hindurch das regelmässig pulsierende Rauschen des mütterlichen Blutes wahrgenommen.

Es strömt in unmittelbarer Nähe durch die Bauchschlagader. In wechselnder Folge wird durch das rhythmische Heben und Senken des Zwerchfells der Mutter ein sanfter Druck auf den Leib des ungeborenen Kindes ausgeübt. Aber auch jede Freude, jeder Schmerz wirkt sich auf das Wohlbefinden des Kindes aus. „Und das Kind hüpfte in ihrem Leibe", heisst es im Lukas Evangelium, als Elisabeth den Gruss Marias empfängt. Durch die immer gleichbleibende Wärme der wässrigen Umgebung des ungeborenen Kindes, die Auftriebskraft des Fruchtwassers, den leisen Druck, der pulsierend auf das Kind ausgeübt wird, entsteht eine Geborgenheit, in deren Schutz ein Urvertrauen in die Welt entwickelt werden kann. Das Kind beeinflusst den Zeitpunkt der Geburt mit Dann naht nach 40 Schwangerschaftswochen der Zeitpunkt der Geburt. Nicht alleine der abfallende Hormonspiegel der Mutter verursacht das Einsetzen der Wehen, sondern das Kind beeinflusst in ganz entscheidender Weise den Verlauf und den Zeitpunkt der Geburt mit. Die Wehen setzen ein, es wird eng und ungemütlich in dem vorher noch so friedlichen Raum. Wieder in rhythmischer Abfolge wird Druck von allen Seiten auf die gesamte Körperoberfläche des Kindes ausgeübt, diesmal nur etwas unsanfter und von anderer Intensität und Rhythmik als das bisher beim gewohnten Atem und Pulsrhythmus der Mutter der Fall war.

Das Kind erlebt bei der Wehentätigkeit ein zunehmendes Gepresstwerden, und die Entspannungsphasen dazwischen werden immer kürzer. Die Herztöne des Kindes sinken jedes Mal in ihrer Frequenz, wenn die Wehen der Mutter einsetzen. Mit der Geburt ändert sich alles Nach einer mehr oder weniger langen, gewiss eher ungemütlichen Phase, setzen die Press-wehen ein, das Kind wird durch den engen Geburtskanal hindurchgepresst, der Kopf wird zunächst geboren, dann die Schultern und der übrige Körper. Schlagartig verändern sich nun die ganzen Lebensverhältnisse für das Kind. Es ist plötzlich kalt (ähnlich wie wenn man aus einem warmen angenehmen Bade plötz-lich in einen kalten Luftzug kommt), die vertraute Dunkelheit wird durch helles Licht ab-ge-löst, Geräusche und Stimmen dringen nun un-gedämpft an das Kind heran, fremde Hände fassen den feuchten, gerade erst geborenen Körper an, um ihn auf den Bauch der Mutter zu legen. Der Lebensstrom, welcher über die Nabelschnur für alle wichtigen Funktionen des kind-lichen Organismus bisher geflossen ist, hört auf zu strömen und wird unterbunden. Ein gewaltsames Ereignis, welches wir uns in seiner Intensität wohl kaum vorstellen können. Vielleicht ein erstes „kleines Todeserlebnis"? Der erste Atemzug wird getan, die Lunge entfaltet sich, der embryonale Kreislauf wird unterbrochen, der Lungenkreislauf be-ginnt zu fliessen, das kindliche Blut wird erstmals über die äussere Luft bei der Einatmung mit Sauerstoff versorgt und ist nun alleine verantwortlich für den weiteren Erhalt des Lebens und den Aufbau der Organe. Auch die Ernährung findet nicht mehr über die Nabelschnur statt, sondern vollzieht sich nun über die Nahrungsaufnahme von aussen. Das einzige Verbindungsglied zu den aufbauenden und nährenden Kräften der Mutter bleibt noch die Muttermilch. Sie ist ganz entscheidend für die Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensmonaten.

Über die Sinne die Welt begreifen
So wie die Embryonalzeit bereits durch die verschiedensten Sinnesreize gekennzeichnet ist, sind es wiederum die Sinne, über welche das Kind in den ersten Lebensjahren entscheidend geprägt wird. Vor allem die basalen Sinne, wie der Tastsinn, der Lebenssinn, der Bewegungssinn und der Gleichgewichtssinn spielen bei der Entwicklung des kleinen Kindes bis zum freien Gehen eine grosse Rolle. Erst allmählich lernt es, seine Bewegungen zielgerichteter zu gestalten, so dass das Kind immer mehr in die Lage kommt, zunächst seinen Körper (Finger, Hände, Füsse) zu ergreifen, dann aber auch die unmittelbare Umgebung zu erobern, in dem es Gegenstände ergreift und wieder fallen lässt. Bald wird der Aktionsradius wesentlich erweitert, alle Gegenstände in der näheren und ferneren Umgebung müssen betastet und ergriffen werden. Nun ist der Weg nicht mehr weit, die ersten Schritte zu wagen, frei und ohne fremde Hilfe. Dieser Moment wird oft wie ein Triumph empfunden, zeigt er doch, dass nun ein grosser Schritt in Richtung Selbständigkeit gemacht ist.

Entwicklung als Weg
Wenn wir den Weg zurückverfolgen, den ein Mensch am Anfang seines Lebens beschreitet, von den ersten Bewegungen und Sinnesempfindungen im Mutterleib bis hin zu seinen ersten Schritten im Leben, kann man nur mit grosser Bewunderung auf diese Entwicklung hinschauen. Sie offenbart uns den Weg der menschlichen Individualität in das Erdenleben hinein. Nur die Kenntnis und das Einfühlungsvermögen in die Dynamik der frühen Entwicklungsphasen des Kindes ermöglichen uns, das Kind freilassend und vorbildhaft in seinen ersten Lebensschritten zu begleiten.

„Die Selbständigkeit und das Gefühl der Kompetenz des Kindes wird auch durch die Art behindert, in der der Erwachsene immer wieder versucht, dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen. Die Absicht des Erwachsenen zu „helfen“ oder zu „fördern“ verhindert geradezu, dass das Kind die Initiative ergreifen kann bzw. erlaubt ihm nicht, das Angefangene selbständig zu Ende zu führen.“
(aus: Dr. Emmi Pikler, Lass mir Zeit)



Autor: Erdmut J. Schädel | Ausgabe: 2


Erdmut Johannes Schädel, Heilpädagogische Ausbildung am Kinderheim Sonnenhof in Arlesheim/Schweiz, dann Medizinstudium und Weiterbildung zum Facharzt für Kinderheilkunde in Deutschland. Anschliessend Mitarbeit in der Kinderabteilung der Filderklinik bei Stuttgart. Seit 1986 als Kinderarzt an der Ita Wegman Klinik in Arlesheim tätig. 1992 Gründung der Kinder-abteilung in engem Zusammenhang mit der Geburtshilfe an der Ita Wegman Klinik. Zusätzlich seit 1995 Ärztlicher Leiter des Sonnenhofes in Arlesheim, einer Abteilung des Klinisch-Therapeutischen Institutes für 145 Seelenpflege-bedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Besondere fachliche Interessen und Spezialgebiete: Anthroposophisch erweiterte Pädiatrie, Hautkrankheiten im Kindesalter, Entwicklungsneurologie und klinische Heilpädagogik. Umfangreiche Vortrags- und Unterrichtstätigkeit an verschie-denen Ausbildungskursen und Seminaren.

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