Was mir bald einmal auffällt: Zwischen anthroposophischer Medizin und Schulmedizin zu polarisieren, ist Berhard Wingeier in der Seele zuwider. Er sieht die anthroposophische Medizin als mittlerweile un-ver-zichtbare Erweiterung seines schulmedizinischen Hintergrundes. Seit vier Jahren arbeitet er in diesem Haus und erlebt die neu hinzugekommenen Erken-ntnisse und therapeutischen Ansätze als Be-reicherung seiner Möglichkeiten. Die Menschenbetrachtung aus der Anthroposophie heraus hat seinen Blick hin zum Kind, so er-zählt er mir, erweitert und verfeinert. Er betont auch mehr als einmal: Im Mittelpunkt steht für ihn immer das einzelne Kind. Von ihm muss alles ausgehen. An ihm gilt es gleichsam „abzulesen“, was es jetzt von ärztlicher Seite braucht. Behutsam versucht er, seine Konstitution, sein Befinden in Bezug auf die eigene Leiblichkeit, aber auch das familiäre Umfeld abzuspüren und wägt ab, inwieweit er, was ansteht, fördern kann. Eine Ergänzung der anthropo-sophischen Ansätze durch schulmedizinische Metho-den schliesst er, wo notwendig, grund-sätzlich nicht aus. In der Regel allerdings geht es in einem ersten Schritt darum, die Möglichkeiten der anthroposophischen Medizin vorerst einmal auszuschöpfen, ehe andere Behandlungsmethoden erwogen werden. „In der Regel greifen unsere Medikamente innert nützlicher Frist, so dass sich zusätzliche Schritte erübrigen“, meint er.
Gute Erfolge mit anthroposophischer Medizin: Dr. Wingeier nennt Beispiele: „Alltägliche Infekte, so etwa Mittelohrentzündungen, aber auch Kinderkrankheiten oder Allergien lassen sich mit „unserer Medizin“ gewöhnlich gut behandeln. Die von uns verordneten Medikamente sind vor allem pflanzlicher oder mineralischer Herkunft. Ausserdem kom-binieren wir diese häufig mit Wickeln, Einreibungen, Rhythmischer Massage oder Heil-eurythmie.“ Bernhard Wingeier hat unter dem Dach der Ita Wegman Klinik seine kinderärztliche Praxis. Nicht selten kommen Eltern mit Kindern zu ihm, weil sie eine komplementärmedizinische oder speziell anthroposophische Ergänzung wünschen, vor allem Kinder mit Asthma, Neurodermitis, häufigen Infekten, aber auch mit zum Teil seltenen, schweren Erkrankungen. Wieder an-dere sind schon in diesem Haus geboren, wurden in ihren ersten Lebenstagen von ihm betreut und bleiben so in ihrer Kinderzeit in seiner Be-treuung. Nachmittags in der Sprechstunde kommt an die-sem Tag einiges zusammen. Ich notiere nur noch stichwortartig: „Wie steht es mit Berührungsängsten zwischen Schulmedizin und anthroposophischer Medizin“, will ich bei dieser Gelegenheit wissen. „In der Regel funktioniert der Austausch gut“, meint Bernhard Wingeier. Zur anthroposophischen Medizin fand Bernhard Wingeier über seine eigenen Kinder. Sie besuchen die Rudolf Steiner Schule. In der Folge stiess er dann auch auf die medizinischen Anregungen Rudolf Steiners. „Wir werden öfter für unterstützende Therapien bei Kindern mit einem Krebsleiden angefragt. Dies machen wir gern als Unterstützung der erforderlichen „schulmedizinischen“ Behandlung. Wichtig ist hier, dass man die Eltern klar über Möglichkeiten und Grenzen informiert“. Ich will schliesslich noch wissen, inwieweit er auch für hyperaktive Kinder alternative Behandlungsmöglichkeiten sieht. „Ein Zaubermittel ha-ben wir nicht. Dennoch erzielen wir mit unseren Medikamenten, mit Heileurythmie, Rhythmischer Massage und der Beratung im erzieherischen Be-reich merkliche Verbesserungen, so dass häufig auf Ritalin verzichtet werden kann.“ Zum Ende unseres anregenden Gesprächs fasst -Dr.- Wingeier in wenigen Worten noch einmal zu-sammen, was ihm wesentlich erscheint: „Das Ringen um den andern Weg in meinem Alltag ist zwar anstrengend, aber belebt mich. Es fordert mich ganz schön heraus, konfrontiert mich mit den eigenen Grenzen, gibt aber auch eine tiefe Befriedigung.“
Es beginnt mit einem Kind mit Mittelohr- entzündung. „Erst wenn die Behandlung mit anthroposophischen Heilmitteln innert 5 – 7 Tagen keine merkliche Besserung bringt, wird allenfalls ein Antibiotikum verschrieben, in den allermeisten Fällen kommen wir aber ohne aus.“ Es kommt ein 4 Wochen altes Kind zu einer Erstkonsultation. Eine Entwicklungskontrolle (in der Regel inkl. Hüft-ultraschall) wird durchgeführt. Einem Kind mit sehr komplexen Beschwerden kann nur in enger Zu-sammenarbeit mit dem Kinderspital in Bern, wo es auch zur Behandlung weilt, geholfen werden. Ein 5jähriger Bettnässer erfordert dann seine Aufmerksamkeit. Die früher schon einmal aufge- tretene Störung stellte sich nach einem Schock-erlebnis wieder ein. Mit pflanzlichen Medikamenten, Körpereinreibungen und verhaltenstherapeutischen Massnahmen soll dem Kind und seinen Eltern geholfen werden. Dann muss eine am Vortag genähte Wunde am Kopf eines Buben kontrolliert werden. Es folgt ein Gespräch mit einer besorgten Mutter, deren Kind schon wiederholt Fieberkrämpfe gehabt hat. Das Verhalten bei Fieber wird besprochen und das weitere Vorgehen. Die Mutter ist beruhigt. Ein Kind mit wiederholten Urininfekten wird vorgestellt. Evtl. muss es operiert werden. Neben der antibiotischen Ab-schirmung wird versucht, mit anthroposophischen Heilmitteln den Verlauf günstig zu beeinflussen. Wichtig sind hier Kontrollen und dass keine unrealistischen Erwartungen geschürt werden.