Wenn uns ein Kind Sorgen macht und uns pädagogisch vor Probleme stellt, wird gerne angenommen, dass dies mit einem Erziehungsfehler oder einer Entwicklungsstörung zu tun hat. Ich stelle fest, dass in viel mehr Fällen, als wir denken, diese voreilige Vermutung, einen Teufelskreis in Gang setzt und dass in vielen Fällen erst diese Vermutung und alles, was aus ihr folgt, zu den wirklich krankmachenden Prozessen führt.
Wir sagen auch, das Kind komme dann in eine therapeutisch-pädagogische Mühle. Es wird dann von Hand zu Hand gereicht, von Experte zu Experte. Die Eltern werden immer mehr verschüchtert, immer mehr verbittert. Die Lehrer greifen die Eltern an, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass es vielleicht gar nicht an den Eltern liegt. Die Eltern greifen die Lehrer an und sagen trotzig: „Die Schule macht unser Kind kaputt. An uns liegt es nicht!" Jeder greift jeden an. Und beim Kind verdichtet sich das Gefühl: Ich bin überhaupt nichts wert. Alle Welt überlegt und berät, was unternommen werden müsse, um mich zu ändern! Diese Atmosphäre verdichtet sich um ein Kind, wird enger und enger, schnürt das Kind ein. Und wir dürfen nicht glauben, wenn wir das vor einem Kind nicht offen sondern hinter verschlossenen Türen verhandeln, dass das Kind dann nichts davon bemerken würde. Die Kinder bemerken das sehr wohl. Kinder haben ein unerhörtes Sensorium für das, was die Erwachsenen um sie herum denken, fühlen und miteinander verhandeln. Sie haben ein Wahrnehmungsvermögen für die Feinheiten der Mimik, für die Feinheiten der Gebärdensprache, der Stimmlage, der ganzen Haltung, der ganzen Körpersprache der Menschen um sie herum. Da brauchen sie gar nicht direkt mitzuhören. Der Mensch ist ein hochgradig verletzliches Wesen Auch wenn wir das Kind in seiner Freiheit respektieren, müssen wir ihm eine abschirmende, einhüllende und wärmende Umgebungsgestaltung bieten. Einen Schutzraum. Das ist ein zentrales Prinzip zeitgemäßer Erziehung. Wir wissen, dass die Reizüberflutung – der Begriff ist ja in aller Munde – ein wirkliches Problem darstellt, und zwar in ei-nem viel weiteren Sinne noch, als man ge-meinhin glaubt. Einen Schutzraum als soziale Wärmezone, einen Schutzraum des freund-(schaft)lichen Denkens aneinander, des Interesses füreinander zu schaffen gegen die Kälte der Zeit, ist mindestens genauso wichtig wie schöne Farben, schöne Musik, schöne Spielmaterialien. Die primären Sinnesfelder der Kinder Man weiss heute, dass die primären Sinnesfelder für die Kinder wieder erobert werden müssen. Es ist eine kleine Tragödie, dass heute ein Gross-teil der Kinder ohne Bezug zur Natur aufwächst. Es hat sich die Menschenschöpfung vor die göttliche Schöpfung geschoben, und das ist für die Kinder ein ziemlich herber Bruch, wenn man gelten lassen will, dass ein Kind aus der geistig-göttlichen Welt in die irdisch-physisch-materielle Welt hinuntersteigt, also einen Wechsel der Seinsebenen vollzieht, den man sich schroffer gar nicht denken kann. Da wünscht man dem Kinde, dass es auf der Erde nicht ganz abgeschnitten sei von den Erlebnisqualitäten, in denen urbildlich noch die Schöpferkräfte anwesend sind: die Kräfte, aus denen die Weltschöpfung entstanden ist. Man hat ja bis vor gar nicht langer Zeit gesagt: Im Stein, im Wasser, im Wind, in Feuer, Wärme und Licht, da begegnen wir den in die Erscheinungswelt gefallenen schöpferischen Urkräften. Wenn wir mit Maria Montessori und Rudolf Steiner den Mut haben, das Kind zu imaginieren als ein Wesen, das aus der Sphäre der schöpferischen Urkräfte in die Erdenwelt hinuntersteigt, dann können wir uns auch vorstellen, wie schroff dieser Wechsel ist, wenn fast alles, was dem Kinde begegnet, in dieser zunächst fremden Welt völlig ohne Bezug ist zu der himmlischen Sphäre, aus der es sich gerade entfernt, von der es gerade Abschied genommen hat. Nur noch Maschinen. Nur noch Beton. Das ist andeutungsweise der spirituelle Hintergrund der Forderung nach Wiedererringung der primären Erlebnisfelder für Kinder, Rudolf Steiner bezeichnete das Urerlebnis, das einem Kind zuteil wird, wenn es wirklich in der tastenden Welterkundung sich so entwickeln darf, wie es eben einem Kinde zusteht, als „Gotterlebnis“. Nicht wahr, wenn man immer nur Plastik in der Hand hat, dann ist es im Tasten so, wie es im Sehfeld wäre, wenn es keine Farben gäbe. Wenn da alles Grau in Grau wäre. Genau dasselbe spielt sich ab, wenn ein Kind immer nur Plastik fühlt. Da fühlt sich alles gleich an. Wir müssen also differenzierte Tast-erfahrungen dem Kinde ermöglichen im Umgang mit elementaren Qualitäten, also Stein, Wasser, Sand, Holz; mit allem eben, was wir direkt der Natur entnehmen. Dadurch helfen wir dem Kind, ein Stück Rückverbindung zu behalten zu der Welt, aus der es herkommt, den Übergang gleitend zu gestalten von der einen Welt in die andere.
„Es gibt zwei Zauberworte…" … welche angeben, wie das Kind in ein Verhältnis zu seiner Umgebung tritt. Diese sind: Nachahmung und Vorbild. Der griechische Philosoph Aristoteles hat den Menschen das Nachahmendste der Tiere genannt; für kein Lebensalter gilt dieser Ausspruch mehr als für das kindliche bis zum Zahnwechsel. Was in der physischen Umgebung vorgeht, das ahmt das Kind nach, und im Nachahmen giessen sich seine physischen Organe in die Formen, die ihnen dann bleiben. Man muss die physische Umgebung nur in dem denkbar weitesten Sinne nehmen. Zu ihr gehört nicht etwa nur, was materiell um das Kind herum vorgeht, sondern alles, was sich in des Kindes Umgebung abspielt, was von seinen Sinnen wahrgenommen werden kann, was vom physischen Raum aus auf seine Geisteskräfte wirken kann. Dazu gehören auch alle moralischen oder unmoralischen, alle gescheiten und törichten Handlungen, die es sehen kann." (aus: Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft)
Autor: Hennig Köhler | Ausgabe: 2