Was macht krank?
„Krank – warum?“ – Zu dieser Frage gab es vor einigen Jahren eine grosse, von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) mitorganisierte Ausstellung. Hier wurde unter anderem in einem historischen Abriss aufgezeigt, worin frühere Kulturen die Ursachen von Krankheit sahen und in welcher Form sie ihnen zuleibe rückten.
Früher: Sünde als Auslöser
In vorhistorischen Zeiten ging man davon aus, dass das Ausbrechen einer Krankheit auf dämonische Einflüsse zurückzuführen wäre. Die sogenannte „magische Medizin“ sollte Heilung bringen. Später – in der ägyptisch-babylonischen Epoche – galt Sünde als Auslöser von Krankheiten. „Priester-Medizin“ und Reinigungsrituale sollten Abhilfe schaffen. In der griechisch-lateinischen Zeit machte man eine in Unordnung geratene Mischung der Körpersäfte für das Krankwerden verantwortlich. Die Naturheilkunde war darauf aus, das gestörte Gleichgewicht wiederum zu harmonisieren. Und die moderne Medizin – was macht ihren Charakter aus?
Heute: lästige Störung
Krankheit hat heute den Charakter einer Störung. Eine ganze Fülle von Apparaten dient der modernen Medizin dazu, Organ- oder Funktionsdefekte in unserem Organismus aufzuspüren, um die möglichst effizient zu „beheben“. Was sich dem diagnostischen Zugriff entzieht, fällt grundsätzlich ausser Betracht. So auch die Frage nach dem tieferen Sinn des Krankwerdens. Als beinahe logische Folge wurden Krankheiten von nun an als fremd, feindlich, ja bösartig (wie z. B. die Krebskrankheit) angesehen. Konsequenterweise entwickelte man eine „kriegerische“ Medizin mit Antibiotika, Antiallergika usw. Konsequent, wenn auch problematisch, ist vor diesem Hintergrund der Gesundheitsbegriff der WHO, die Gesundheit nach wie vor als "einen Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" beschreibt und Gesundheit ausdrücklich zum Menschenrecht erklärt, sowie gesundheitliche Gleichheit fordert. Das „Substantielle“ steht also im Vordergrund. Substanz heisst wörtlich übersetzt: „das darunter Stehende“ und setzt damit den Begriff eines „darüber Stehenden“ geradezu voraus. Wollen wir in diesem Zusammenhang von Instanz reden? Substanz würde dann für den Stoff stehen, Instanz für die ihn formende Kraft.
Was ist Leben?
Um die Welt – und was sich alles auf ihr tut - einigermassen verstehen zu können, tun wir gut daran, sie als Ganzes zu betrachten. Sie gliedert sich in die drei sogenannten Naturreiche: Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt. Das Mineralische – das gleichsam das „Fundament der Erde“ abgibt – gilt als abgestorben. Hier ist (einstiges) Leben zum Stillstand gekommen. Die spriessenden Pflanzen dagegen sind - von „Kopf bis Fuss“ – von Leben erfüllt. Werden und Vergehen ist ihnen eigen. Den Tieren attestiert man Seelenhaftes. Und dem Menschen?
Da herrscht heute Uneinigkeit. Die einen halten ihn für einen „nackten Affen“, die anderen für die „Krone der Schöpfung“. Wieder andere billigen ihm ein durch und durch individuelles „Ich“ zu, was das Erlangen von Selbstbewusstsein erst möglich macht.
Der Mensch als Zusammenfassung der Natur?
Auch Paracelsus sann über den Zusammenhang des Menschen mit den übrigen Naturreichen nach und meinte: „Ich habe alle Wesen betrachtet: Steine, Pflanzen, Tiere und sie sind mir wie zerstreute Buchstaben erschienen, dazu der Mensch das vollständige, lebendige Wort darstellt.“ Der Mensch als „Zusammenfassung“ der Natur? Die Natur – so sah es auch Goethe - ein „ausgefächerter“ Mensch?
Lebenslang mühte sich Rudolf Steiner darum, den Menschen das Rüstzeug zu geben, mit der Frage nach seiner Stellung im Schöpfungsganzen fruchtbringend umzugehen.
Alle Naturreiche im Menschen vereint
Dass der Mensch die anderen Naturreiche in sich vereint, hat von der Beobachtung her schon einiges für sich. Prüfen wir also nach.
Worin erkennen wir unsere Zugehörigkeit zum Mineralischen? Alles, was in uns zum Festwerden neigt. Zähne und Knochen sind die wohl sprechendsten Beispiele dafür. Pflanzenhafter Natur in uns ist das, was sich in ständigem Auf- und Abbau befindet. Im Stoffwechsel- oder Fortpflanzungsbereich tritt das am deutlichsten zu Tage. Das „Tier im Menschen“ ist uns wohl am besten vertraut. Manche reden da etwa vom „inneren Schweinehund“. Auch der Gebrauch der gängigsten Schimpfwörter spricht dafür. Seien wir ehrlich: Wenn es nicht gelingt, das Tierhafte in uns in gewissem Masse zurückzuhalten, sind wir noch nicht Mensch. Und welche Instanz ist für das „Vorherrschen“ des Menschlichen gegenüber dem „Tierischen“ verantwortlich: unser Ich. Es macht in der Tat das Erlangen einer gewissen Unabhängigkeit und Selbständigkeit erst möglich. Zur Autonomie sind wir veranlagt. Auch wenn wir uns dieser Anlage öfter nicht würdig zeigen. Schwer ist sie zu erlangen.
Also: Nicht nur drei, nein besser vier grundverschiedene „Reiche“ gälte es zu unterscheiden. Sie alle vereint der Mensch in sich.
Ich rekapituliere: Mineral-, Pflanzen-, Tier- und „Menschen-Ich-Reich“. (Mir fällt keine bessere Umschreibung ein!) Und ein jedes verlangt nach einem gewissen Eigenleben. Aber keines darf Überhand nehmen. Das sind – wie man leicht einsieht – schwierige Voraussetzungen. Mensch sein – oder besser – Mensch werden, ist denn auch ein Balanceakt sondergleichen und die Gefahr „abzustürzen“ gross. Und aus diesem Gleichgewicht geraten könnte dann auch heissen krank werden.
Mensch sein – ein schwieriges Unterfangen
Schiller meinte einmal treffend: Pflanzen und Tieren ist ihre Bestimmung - das, was aus ihnen werden soll - als Geschenk der Natur mit auf den Lebensweg gegeben. Nicht so der Mensch. Der Mensch ist ein Entwicklungswesen. Er allein ist aufgerufen, sich seine Bestimmung selbst zu geben. Ein schwieriges Unterfangen freilich. Dass wir darin immer mal wieder scheitern, liegt auf der Hand. Krank und wieder gesund werden könnten als Orientierungshilfen auf diesem (gewiss lebenslangen) Weg betrachtet werden. Gesundheit ist nicht „frei sein von Krankheit“. Gesundheit ist ein individuelles Gleichgewicht zwischen polar entgegengesetzten Krankheitstendenzen. Beim Menschen strebt Krankheit in der Heilung über sich selbst hinaus. Krankheit als Entwicklungsanstoss.
Krieg im Menschen – Zum Menschenbild in der Immunologie
In weiten Teilen der Erde – auch in Europa – herrscht immer noch oder neuerdings wieder Krieg. Krieg zwischen den Völkern, zwischen verschiedenen Rassen, Religionskriege, Bürgerkriege. Trotz besserer Einsicht rüsten auch die Supermächte auf. Wie ist es zu erklären, dass nach den verheerenden Kriegserfahrungen der Vergangenheit, trotz aller Friedensforschung, trotz der wunderbaren technischen Errungenschaften zur Erleichterung unseres Lebens die Gewalt das zentrale Problem unserer Kulturentwicklung am Beginn des 21. Jahrhunderts darstellt? Wenn wir dieser Frage nachgehen, werden wir alsbald feststellen, dass heute in vielen unserer Lebensbereiche, ganz besonders aber auch in unserer modernen technischen Medizin eine ausgesprochen kriegerische Sicht der Prozesse und Auseinandersetzungen vorherrscht. Das wird nirgends so klar wie in den Bildern und Modellvorstellungen der Immunologie. Immunologie wird üblicherweise als die „Lehre von den Abwehrmechanismen“ des Organismus definiert, und die Vorstellung geht dahin, dass auf dem Schlachtfeld unseres Immunsystems hochaufgerüstete Lymphozyten (Immunzellen) und „Killer-Zellen“ mit logistischer Unterstützung durch „Zytokine“ und „Lymphokine“ (Botenstoffe) einen erbarmungslosen Abwehrkrieg gegen brutale Bakterien, raffinierte Viren und subversive Prionen führen. Der Mensch ist – so gesehen – hineingestellt in einen gnadenlosen Überlebenskampf des Stärkeren gegen den Schwächeren, es herrscht Krieg im Menschen. (Hans Ulrich Albonico, Krankheit als Begegnung)
Für ein wirkliches Verständnis von Krankheit und Heilung muss man immer wieder in das Geheimnis des rhythmischen Wechsels von Schlafen und Wachen eintauchen. Sinn des Schlafes ist es ja gerade, in die nächtliche Welt einzukehren und von dort her die Kräfte zu holen, die wir zum Leben benötigen. Das grösste Heilmittel im Heiligtum des Asklepios in Epidauros war der Heilschlaf!