Heft 3 / Sommer 2002
Schwerpunktthema: Salutogenese


Salutogenese - Wie gesund bleiben?

Kein Winter vergeht, ohne dass in den Medien vor nahenden Grippewellen gewarnt wird.
Impfungen werden angeboten. "... um das Schlimmste zu verhindern!". Der Frühling zieht ins Land. Die Welle scheint verebbt. Man atmet auf. Neuerdings erst interessiert die eigentlich doch ganz naheliegende Frage, warum es immer nur die einen erwischt und – gewiss noch wichtiger! – warum die andern unbeschadet davon kommen? Welche Kraft ist es denn wohl, die sich zeitlebens manch krankmachenden Einflüssen standhaft entgegenstellt, uns gesund und munter hält? Und wie kann diese Widerstandskraft in uns gestärkt werden?





Salutogenese – ein neuer Zweig der Medizin will forschend diese Fragen ergründen. Man kann sich fragen, warum erst in unseren Tagen das Interesse für dieses Thema wach geworden ist. Frau Dr. med. Michaela Glöckler gab unlängst in einem Gespräch auf diese und andere Fragen Antwort. Wir fassen zusammen:

Gesundheitswesen – kurz vor dem Ruin
Dass unser Gesundheitswesen kaum mehr finanzierbar ist, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Frage, wie Krankheit vermieden werden kann - oder noch besser: Wie Gesundheit überhaupt entsteht und erhalten werden kann? – muss uns wohl oder übel ganz zentral beschäftigen. Denn nur ein markanter Rückgang von Erkrankungen kann aus der Sackgasse wieder herausführen. Hinzu kommt: Immer mehr Menschen fühlen sich, einmal in der ärztlichen Praxis oder im Spital „gelandet“, in ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung zu wenig ernst genommen. Gar nicht erst erkranken, indem man für das eigne Gesundbleiben selbst Verantwortung übernimmt, wäre da gewiss erstrebenswert.


Gesundheit fördern oder Krankheit verhindern?
Als direkte Folge der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sind viele Menschen erkrankt. Warum nicht alle – bei gleicher Exposition? Was hat sie geschützt? Welche Gesundheitsquellen waren ihnen erschlossen?
In der Psychologie (so etwa bei Maslow, Rogers, Fromm und Frankl) hat sich in der Frage, was Menschen seelisch gesund erhält, immer wieder gezeigt, dass schicksalsmässig schwer Geprüfte in der Folge über eine erstaunlich grosse seelische Widerstandskraft verfügen, umso mehr, wenn ihre „Nullpunkterfahrungen“ mit „Durchbrucherlebnissen“ (Erfahrungen spiritueller Art) einhergingen.


Quellen der Gesundheit: Stark werden in der Auseinandersetzung mit der Welt
Was ist damit – zuerst einmal auf körperlicher Ebene – gemeint? Permanent sind wir krankmachenden Einflüssen ausgesetzt. Widerstandskraft ist also gefragt, wenn wir ihnen nicht erliegen wollen. Sind wir dennoch einmal krank, müssen wir uns hinlegen, die Arbeitskraft erlahmt, der Appetit entfällt, ja das Bewusstsein wird – wenn hohes Fieber dazukommt – zusätzlich getrübt. Das Immunsystem des Menschen, immer darauf bedacht, körperfremdes Leben (Bakterien, Viren) auf Distanz zu halten, ist jetzt ganz schön herausgefordert. Ihm steht es zu, das aus den Fugen geratene Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine wunderbare Einrichtung – das Abwehrsystem des Menschen. Stark wird es aber nur, wenn es auch hin und wieder herausgefordert wird. Wer dem Krankwerden vorbeugt – etwa durch Impfungen – oder aber Infektionen im Keime abblockt (durch Antibiotika etwa), nimmt dem Organismus die Gelegenheit, die körpereigene Abwehr in Tätigkeit zu versetzen. Die Gefahr, dass ein auf diese Art über längere Zeit unterfordertes Immunsystem schlapp macht, ist gross.


Gesundheitsfaktor Nr. 1: Wer im Leben einen Sinn sieht
Was ist es im Seelischen, das gesund erhält? Aaron Antonovsky (1923 – 1994) , „Vater“ des Salutogenese-Modells, hat insbesondere festgestellt:
Entscheidend für die Gesundheit eines jeden Menschen ist die Sinnhaftigkeit seines Tuns. Diese beschreibt er als die bedeutendste Komponente des Kohärenzgefühls (lat.: zusammenhängend, Halt gebend). Weitere Kriterien sind die Verstehbarkeit der Welt und ihrer Zusammenhänge sowie das Vertrauen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe von aussen Lebensaufgaben zu meistern.

Wer im Leben einen Sinn sieht, wesentliche Zusammenhänge versteht und um seinen Platz in der Gemeinschaft weiss, sich zugehörig fühlt, hat nachweislich die besten Chancen, gesund durchs Leben zu kommen. Wesentlich dabei scheint, dass uns dieses Kohärenzgefühl, d.h. das Gefühl des Zusammenhangs, schon von Kindheit an vermittelt wird. Daseinssicherheit und Geborgenheit stellen sich bei Kindern ein, wenn sie in ein tragfähiges Beziehungsnetz eingebunden heranwachsen dürfen. Auf der andern Seite wirken Sich-nicht-respektiert- oder gar Ausgestossen-fühlen kränkend, krankmachend.

Ein Letztes bliebe zu erwähnen: Viele Menschen tun sich heute angesichts all der Hiobsbotschaften in den Medien schwer damit, den „Glauben“ an den Menschen, auch den Glauben an einen (gerechten) Gott aufrechtzuerhalten. Manche resignieren, fallen in Depressionen. Das Böse, Negative, Destruktive – die Schattenseite des Menschen – sinnstiftend zu verarbeiten, stellt für uns heutige Menschen eine grosse Herausforderung dar. Wer sich zumindest darum bemüht und wem sich nach und nach Sinnzusammenhänge auftun, wird – wie zahlreiche Untersuchungen unzweifelhaft aufzeigen – belastbarer, unabhängiger und – bleibt gesund.



Autor: Dr. med. Michaela Glöckler | Ausgabe: 3


Vorbeugen durch Erziehung

Die Prävention solcher modernen Krankheitstendenzen (Allergien, Immunschwäche, Anm. d. Red.) kann in aller erster Linie eine Pädagogik bewirken, welche Entwicklungseinseitigkeiten entgegen wirkt. In den letzten Jahrzehnten wurde im Erziehungswesen die Intellektualität auf Kosten des schöpferischen Denkens und sozialer Fähigkeiten einseitig gefördert. Und es besteht eine starke Tendenz, diese Förderung durch Früheinschulung und Vorschulprogramme laufend vorzuverlegen. Das Gehirn ist aber erst mit 7-8 Jahren so weit ausgereift, dass es den schulischen Forderungen gewachsen ist. Amerikanische Studien haben aufgezeigt, dass Kinder, die vor 6 Jahren eingeschult wurden, später mehr gesundheitliche Schwierigkeiten hatten als Kinder, die bei der Einschulung ein Jahr älter waren. (Hans Ulrich Albonico, Krankheit als Begegnung)
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