Was den Menschen – einmal ganz lapidar betrachtet – vom Tier unterscheidet: Dass er aufrecht steht und geht. Wird er aber einmal krank, legt er sich hin. Geschwächt fühlt sich der Kranke, unfähig, der Schwere, die Überhand genommen hat, etwas entgegenzusetzen. Lassen Sie mich noch einmal fragen (weil mir diese Frage so wichtig erscheint!): Wer kapituliert da eigentlich?
Ich selbst, das, was mein Innerstes (Jean Paul sprach einmal vom „Allerheiligsten des Menschen“) ausmacht und mich ins Leben stellt: Mein ICH!
Jede Krankheit hat immer irgendwie – diese Annahme sei mir einmal fürs erste erlaubt – mit einer Schwächung des Ichs zu tun. Da liegt dann auch der grundlegende Ansatz zum Gesundwerden. In diesem Zusammenhang kommt dem Eisen im Blut des Menschen, so eine Äusserung Rudolf Steiners, eine ganz besondere, auch geheimnisvolle Bedeutung zu. Rätselhaft genug wies er auf diesen Zusammenhang hin. Er fügte noch etwas – nicht minder Erstaunliches – hinzu, indem er betonte, dass das Eisen – im Unterschied zu allem andern, was sich der Mensch einverleibt – seine Naturhaftigkeit bewahre. Was hat er damit wohl gemeint? Seit vielen Jahren geht Christoph Schulthess forschend dieser Frage nach.
Eisen – unzerstörbar?
Was immer der Mensch (im Wesentlichen über die Nahrung) zu sich nimmt, muss, ehe es in den Organismus übergehen darf, vollends zerstört, das heisst bis in seine kleinsten Bestandteile aufgelöst werden. Das heisst: Der „Naturcharakter“ aller Stoffe geht in der menschlichen Verdauung gänzlich verloren. Aber da soll es, wie gesagt, eine Ausnahme geben: Das Eisen. Was es nicht aufgibt: seine irdische Natur, das heisst, sein Eingebundensein in Schwere- und Magnetfeld der Erde. In kleinsten Mengen nur kommt es in den roten Blutkörperchen vor, umgeben von einer immensen „Eiweisswolke“, dem Hämoglobin. Dass das Eisen, einmal vom Blut aufgenommen, seine Schwere beibehält, lässt sich anhand einer ganz gewöhnlichen Blutsenkung feststellen, bei der man einfach eine kleine Menge Blut in ein senkrecht gestelltes Glasröhrchen gibt und dann beobachtet, wie schnell die Blutkörperchen absinken, das heisst, wie stark sie der Schwere unterliegen. Eine hohe Senkung besagt, dass ein Grossteil des Blutes absinkt, „der Schwere (des Eisens) erliegt“, was über den momentanen Gesundheitszustand eines Menschen nichts Gutes aussagt. Man könnte auch vereinfacht sagen: Wer sich übermässig schwer fühlt, ist krank, das besagt die Blutsenkung. Die der Schwerkraft entgegenwirkenden Kräfte – Ich-Kräfte nannten wir sie auch – sind reduziert, der Mensch fühlt sich schwach.
Herausforderung für das Ich
In der anthroposophischen Medizin wird dem Patienten bei gewissen Krankheiten Eisen verschrieben. Weshalb nur, ist es doch schon in einem gewissen Mass vorhanden? Das Ich, das allein das Schwere aufrichten kann, wird herausgefordert. Es soll damit zum Tätigwerden angeregt werden.
Stark wird das Ich erst, wenn es sich betätigen kann. Das leuchtet ein. Und immer soll es dem Therapeuten darum gehen, es angemessen „anzukicken“.
Wie entsteht Gesundheit
Auf die heute so aktuelle Frage – Wie Gesundheit entsteht?– bieten sich in diesem Zusammenhang vielleicht noch zu wenig bedachte Antwortmöglichkeiten an. So etwa: Ein möglichst gut im menschlichen Leib verankertes Ich ist der beste „Garant“ für seine Gesundheit. Ausserdem: Stark wird das Ich erst in der Begegnung mit dem Du. Die Notwendigkeit sich abzugrenzen macht erst eigenständig (ichstark). „Wo ein Wille ist, ist ein Weg“, sagt der Volksmund. Der Selbstbestimmung des Menschen wird damit das Wort geredet. Nur der Mensch kann – wie die hier aufgezeigten Phänomene deutlich machen – das Schwere aufrichten. So paradox das auch klingen mag. Dass dem – aller Naturgesetze zum Trotz – so ist, verdankt er seinem Ich. Sind wir uns dessen in genügendem Masse auch bewusst?
(Zusammenfassung eines Gesprächs mit Dr. med. Christoph Schulthess. Seit 1990 Arzt an der Ita Wegman Klinik.)
Krankheit gehört unabdingbar zum Menschen.
Rudolf Steiner hat zu der Krankheitsfrage bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts radikal Stellung bezogen: Die Einsicht, dass Krankheit grundsätzlich zum Wesen des Menschen gehört, ja, das spezifisch Menschliche überhaupt erst ermöglicht, ist wohl die wichtigste Grundlage der anthroposophischen Medizin! Krankheit gehört unabdingbar zum Menschen. Die Forderung nach Ausrottung der Krankheiten wird zwar nicht den Menschen ausrotten, wohl aber die Menschlichkeit in Frage stellen.
(Hans Ulrich Albonico, Krankheit als Begegnung)