Heft 4 / Herbst 2002
Schwerpunktthema: Rhythmus


"Nimm Abschied und gesunde"

Den Jahreslauf – vom Frühling zum Sommer, Herbst und Winter – innerlich mitzugehen, kann zu einer Übung werden, die dahin führt, die eigene Seele und die Natur, also Innen- und Aussenwelt, einander anzunähern. Im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben, verlangt uns allerdings einiges an Selbstentäusserung, Hingabe, Wachheit und Offenheit ab. „Alles fliesst.“, konstatierte einmal Heraklit. Und dennoch stemmen wir uns dem beständigen Wandel, den das Leben nun einmal mitbringt, oft krampfhaft entgegen.





Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend,
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einem Weltgeist hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf` um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse


Jahr für Jahr lebt uns die Natur vor, wie sich das Leben – zwischen Polaritäten pendelnd - einspielt. Wie ein grosser Atem kann einem da der Gang durchs Jahr vorkommen.
„Sommerleben“ entspräche da mehr dem Ausatmen, der Hingabe, dem Weit-werden und Vergessen, „Winterleben“ auf der andern Seite dem Einatmen, Bei-sich-sein und Innewerden.

Der lichtvolle Sommer mit seinen langen Tagen und kurzen Nächten verleitet zum Wegtreten, zum Träumen und selbstvergessenen Geniessen. Die Licht- und Wärmefülle trägt uns gleichsam hinan.
Gar manches entlockt die zunehmende Sonnenkraft vom Frühling bis in den Sommer hinein der Erde. Eine berückende Formen- und Farbenfülle breitet sich in der „hohen Zeit“ des Jahres vor unseren Augen aus. Da wächst die Erde förmlich über sich hinaus.

Kein Wunder also, dass gerade in dieser Zeit gar viele dem Alltag entfliehen, der uns eben fast ununterbrochen am ganz anderen Pol – immer präsent und wach zu sein! – fordert.


Einkehr im Winter
Wenn aber im Winter das Leben der Natur wie erstorben scheint, kehrt die Erde ganz bei sich selbst ein. Was sich das Jahr über – in welcher Vielfalt! – im Reich pflanzlicher Erscheinungen hervortat, vergeht und zieht sich schliesslich in grösstmöglicher Verdichtung im Samen zusammen. Der Samen ruht im Schoss der Erde.
Während das absteigende Jahr mehr zur Einkehr bei uns selbst gemahnt, lädt das aufsteigende dazu ein, zusehends von sich loszukommen, sich in der Hingabe an die Welt zu üben.
Diese beiden "Spielformen des Lebens" möglichst kompromisslos zu durchleben, wirkt gesundend. Darüber hinaus fördert es den Zusammenklang von Mensch und Natur.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ (Bonhoefer)
Doch nicht nur aus Sommer und Winter besteht das Jahr. Da sind auch noch Herbst und Frühling. Sie stehen am Übergang, an der Schwelle, wo der Winter in den Sommer, der Sommer in den Winter übergeht. Übergänge dieser Art haben es in sich. Schmale Pforten, Verengungen bis hin zum bekannten „Nadelöhr“ lassen uns nicht mehr
so reibungslos vorankommen. Grenzen werden schmerzlich erkennbar, auch Abgründe tun sich auf. Das macht Angst. Wir schrecken zurück, sind versucht umzukehren.
Frühling und Herbst sind denn auch für viele Menschen Krisenzeiten. Sie verlangen uns einiges ab an Mut, Vertrauen und Zuversicht.


Frühling: Tod wird Leben
Kaum kündigt sich in unseren Breiten das ersehnte Erwachen der Natur im Frühling an, tritt uns mit dem Karfreitag auch schon der Tod vor Augen. Ein Paradox?
Als „Kniff der Natur, das Leben zu steigern“ bezeichnete Goethe einmal den Tod. Ostern ist in der Tat als Fest der Auferstehung das Bild für die denkbar höchste Potenzierung allen Lebens, das gar den Tod überwindet. „Erst seit ich weiss, dass ich bald sterben muss, lebe ich“, sagte mir unlängst ein Todkranker.


Herbst: Wer bin ich?
Einen ganz anderen Charakter hat die andere Schwelle. Was uns der Herbst abverlangt ist die „Wende nach innen“. Hier sind wir ganz unerbittlich mit der Frage nach uns selbst konfrontiert. Wenn uns der Sommer einiges an Weltvertrauen schenkte, geht es nunmehr um das Selbstvertrauen, um die Jahr für Jahr neu zu gewinnende Nähe zu sich selbst.
Das äussere Licht nimmt in dieser Zeit ab. Umnachtung sucht manch einen heim. Jetzt gilt es, sich entschieden auf die Suche nach dem inneren Licht zu machen. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, die aufkeimenden Selbstzweifel nicht einfach verscheucht, kann getrost den Weg in die dunklere Zeit des Jahres wagen.
Bewusst diese „Wendezeiten“ – Frühling und Herbst – zu durchleben (zuweilen ist es auch ein durchleiden), hiesse auch ja sagen zur Krise. Ist sie nicht immer eine Einladung zum Wachsen? Und wessen bedürften wir mehr auf dem Weg, immer etwas mehr Mensch zu werden?


Autor: Daniel Wirz | Ausgabe: 4


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