Alle Lebensvorgänge sind von Rhythmen bestimmt. Am auffälligsten sind der Herz- und Atemrhythmus. Doch auch unsere Hormone und inneren Organe gehorchen bestimmten Tagesrhythmen. Das zeigt sich z.B. im rhythmischen Auftreten von Hunger und Schlafbedürfnis.
Beim Säugling sind diese Rhythmen noch nicht ausgereift. Das Kind muss erst in sie hineinleben und braucht dabei unsere Unterstützung. Dies beginnt schon ganz früh mit dem allmählichen Ausbilden eines Rhythmus beim Stillen, der sich etwa um die 4. bis 6. Lebenswoche einstellen kann. Viele Kinder finden diesen Rhythmus fast von alleine, manche aber brauchen unsere Hilfe dabei. Nicht jedes Schreien eines Säuglings muss als Ursache den Hunger haben. Es können damit ganz andere Gefühle und Empfindungen verbunden sein. Manchmal muss man dem Säugling auch eine Pause zwischen den Mahlzeiten gönnen, gerade damit er seinen eigenen Rhythmus finden kann.
Dabei wird man auch rasch den Unterschied zwischen Rhythmus und Takt feststellen. Rhythmus ist etwas Lebendiges, Schwingendes. Im Takt kommt etwas Starres und Totes zum Ausdruck. Ein Stillrhythmus wird dann in einen Essensrhythmus übergehen können, wenn er in den Tagesrhythmus mit einschwingt.
Rhythmen stärken nicht nur Säuglinge
Die Erfahrung zeigt, dass man sich immer wieder um diese Regelmässigkeit in der Ernährung bemühen muss. Gelingt es aber, so hat dies etwas sehr Befreiendes. Durch das Ausbilden von lebendigen Gewohnheiten, die nicht erstarrt sind zu Pedanterie, kann viel Kraft geschöpft werden für die Gesundheit des Säuglings und auch der Mutter.
Wachen und Schlafen in rhythmischem Wechsel
Neben dem Essensrhythmus spielt beim Säugling ganz besonders der Wach- und Schlafrhythmus eine grosse Rolle. Schon im Mutterleibe kann davon etwas wahrgenommen werden, wenn es Phasen gibt, in denen sich das Kind viel bewegt, und Phasen, in denen es sich nicht bemerkbar macht. Häufig findet man diesen Rhythmus später wieder, wenn das Kind geboren ist. Z. B. wenn man bei der bekannten „Schreistunde“ am Abend erstaunt feststellt, dass sie „zufällig“ um die gleiche Zeit auftritt, in der sich das Kind sonst immer im Mutterleibe mit seinen Bewegungen bemerkbar gemacht hat. Anfänglich verschläft das Neugeborene den ganzen Tag und auch die ganze Nacht. Es wacht in der Regel nur auf, wenn es Hunger hat, und schläft dann selig wieder weiter, wenn dies Bedürfnis befriedigt werden konnte. Das ändert sich dann mit der Zeit. Die Wachphasen werden immer länger. Nach etwa 7 – 8 Wochen kann es dazu kommen, dass der Säugling tagsüber bereits einmal eine Stunde wach ist und interessiert in seine Umgebung schaut und nachts dafür
8 Stunden am Stück durchschläft.
Tagesbewusstsein
So verschiebt sich der Wach-Schlaf-Rhythmus tagsüber immer mehr zum Wachen hin und nachts immer mehr zum Schlafen. Zuletzt bleibt am Tage nur noch das „Mittagsschläfchen“ übrig. So können wir an dem Einpendeln des Wach-Schlaf-Rhythmus beim kleinen Kind auch den Grad
seines zunehmenden wachen Tagesbewusstseins wahrnehmen, was mit dem Ausdruck des „wachen“ oder eher „verschlafenen“ Kindes gemeint ist.
Autor: Dr. B.Wingeier & E.Schädel | Ausgabe: 4