Heft 4 / Herbst 2002
Schwerpunktthema: Rhythmus


Von der heilenden Wirkung des Rhythmus

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit richtet der Mensch seine Gedanken immer mehr auf die materielle Umwelt und weniger auf die geistigen Hintergründe. Der Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Materiellen geht dabei allmählich verloren. Das kommt hauptsächlich im Verlust allen rhythmischen Lebens zum Ausdruck. Rhythmus spielt sich in der Zeit, aber auch im Raum ab. Von diesen beiden Dimensionen löst sich der Mensch mehr und mehr, sie werden scheinbar bedeutungslos.





Pädagogik und Rhythmus
Mit den modernen Medien und Fortbewegungsmöglichkeiten sind heutzutage Zeit und Raum scheinbar überwunden. Schneller als die Sonne ist man heute von Europa nach Amerika geflogen. Eine Raumkapsel legt in kurzer Zeit eine Strecke zurück, für die ein ganzes Leben nicht ausreichen würde, wollte man sie zu Fuss bewältigen. Ob in Washington, Tokio oder sonstwo eine Konferenz abgehalten wird, spielt kaum noch eine Rolle. Die Distanzen werden durch unsere Verkehrsmittel und unsere elektronischen Medien immer kleiner. Mit der heute gelebten Unabhängigkeit von Zeit und Raum kommt es aber zum Zusammenbruch des Rhythmischen, was sich auf vielen Gebieten zeigt. In der Pädagogik z. B. zeigt es sich daran, dass die natürlichen Entwicklungsrhythmen des Kindes nicht mehr beachtet werden. Es kommt oft zu einer viel zu frühen Einschulung und damit Intellektualisierung des Kindes. Das Nichteinhalten des Tages- und Wochenrhythmus führt zu Leerläufen, die in jedem Abschnitt der kindlichen Entwicklung zu Störungen und Krankheiten führen können. Viele Essstörungen sind heutzutage auf eine unrhythmische Nahrungsaufnahme zurückzuführen. Erst die richtige Beachtung des Rhythmus, wie er in unserem Organismus, aber auch in unserer Umwelt bis hin zum Rhythmus der Sternenwelt sichtbar wird, kann eine heilende Wirkung auf die körperliche und seelische Entwicklung des heranwachsenden Menschen haben.


Rhythmen wieder neu ergreifen
Wir müssen die verloren gegangenen Rhythmen bewusst wieder neu ergreifen. Dies kann durch eine vernünftige Tageseinteilung beim kleinen Kind geschehen. Die Tätigkeiten des Essens, Pflegens, Spielens und Schlafens sollten in einen rhythmischen Zusammenhang gestellt werden. Sie sollten nicht unvermittelt ineinander übergehen und sich vermischen, sondern deutlich voneinander getrennt werden. So wechseln sie sich miteinander ab wie die Phrasen der Melodie eines Musikstückes.
Diese Abgrenzungen finden auch im menschlichen Organismus statt, wo insbesondere die Stoffwechsel- und Verdauungsvorgänge aufeinander abgestimmt sind und Zeiten zwischen Aktivität und Passivität miteinander abwechseln. Deshalb ist ein regelmässiger Wechsel von Essenszeiten und Essenspausen nötig, genauso wie ein regelmässiger Wechsel zwischen Schlaf- und Wachzeiten für die Gesundheit des Kindes unerlässlich sind. Eine sorgfältige Strukturierung des Tages mit dem Aufstehen am Morgen, einem Mittagsschlaf als kleine erholsame Ruhepause am Mittag sowie einem geordneten Zubettgehen am Abend wird einen wohltuenden Einfluss auf die körperliche und seelische Entwicklung des Kindes haben.


Rhythmus gibt dem Leben neue Kraft
Zur Unterstützung dieser Rhythmen sind auch Formen nötig. Eine Mahlzeit in einer gepflegten, schön hergerichteten und harmonischen Umgebung fördert die gesunde Entwicklung. Wichtig ist natürlich auch, dass eine Mahlzeit ohne Hetze und ohne Ablenkung eingenommen wird. Es ist nicht unwichtig, ob z. B. vor den Mahlzeiten ein Spruch oder ein Tischgebet gesagt wird und nach den Mahlzeiten gedankt wird. Ebenso sind bestimmte Formen und Rituale beim Zubettgehen am Abend eine wichtige Vorbereitung für den Schlaf: mit Gutenachtgeschichten, einer auf das Kind abgestimmten Tagesrückschau oder auch einem Abendgebet.


Rhythmus fördert Entwicklung
Dies sind nur einige Beispiele, wie der von der Natur vorgegebene Rhythmus in der Entwicklung des kleinen und auch grösseren Kindes berücksichtigt werden kann, damit keine Ablösung von den in der Natur und im Kosmos ablaufenden Rhythmen stattfindet und das Kind sich auf diese Weise unter Berücksichtigung der eigenen Entwicklungsgesetze entwickeln und entfalten kann.


Autor: Erdmut Schädel | Ausgabe: 4


Erdmut Johannes
Schädel,

Kinderarzt in der
Ita Wegman Klinik.

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