Heft 5 / Frühjahr 2003
Schwerpunktthema: Das Herz


Das Herz als Wahrnehmungsorgan

Vor nicht allzu langer Zeit war es, als ich einen alten weisen Mann danach fragte, worauf es denn heute im wesentlichen ankäme: "Wir müssen lernen, mit dem Herzen zu denken", sagte er kurz und bündig. Was meinte er damit wohl?





Im Bereich des Kopfes, im "Oberstübchen", wie man hierzulande so schön sagt, weit abgehoben von der Erde, über die wir gehen, ist jeder Mensch „einzig und allein“, fristet in der Tat ein relativ einsames Leben. Anatomisch betrachtet kapselt er sich an dieser Stelle seiner Leiblichkeit buchstäblich von seiner Umgebung ab. Wir reden denn auch von der Schädelkapsel.

Nicht so in der Herzregion. Hier geht es primär um den Austausch. Das Herz ist in diesem Sinne ein "ursoziales" Organ.

"Mit dem Herz denken" heisst einschliesslich denken. Da geht es immer um den Zusammenhang und Zusammenklang. Ihm liegt eine wesentlich ganzheitlichere Wahrnehmung der Welt zugrunde.
Wir leben in einer Welt, die es im Registrieren des Trennenden sehr weit gebracht hat. "Atomistisch" könnte man diese Weltsicht nennen. Aber der Sinn für Zusammengehörigkeit ist uns darob weitgehend abhanden gekommen. Da kann eine Aufwertung des "Herzdenkens" heilsam wirken.

Was wir auf den ersten Blick von der Welt wahrnehmen, hat Abbildcharakter. Fassen wir mit unserem Alltagsbewusstsein einen äusseren Gegenstand ins Auge, prallen wir gleichsam von seiner Oberfläche ab. Was sich "dahinter" oder "darunter" verbirgt, bleibt uns vorenthalten.

Und leicht sind wir versucht, was wir mit unseren Augen wahrnehmen, für die ganze Wahrheit zu halten. Da nimmt das Herz ganz anders wahr – wesentlich umfassender. Ausserdem erzeugt es immer auch Wärme – soziale Wärme. Ihrer bedürfen wir ganz besonders.

"Kopf, Herz und Hand". Aber immer zuerst das Herz
In weiser Voraussicht hat Pestalozzi vor geraumer Zeit mit Blick auf Schule und Erziehung auf die Notwendigkeit einer ausgewogenen Förderung von "Kopf, Herz und Hand" hingewiesen. Und was ist daraus geworden?

Wer heute mit kritischem Blick prüft, inwieweit sein Appell auch umgesetzt wurde, muss ernüchtert feststellen, dass er ein "Rufer in der Wüste" geblieben ist. In den Köpfen mancher Bildungspolitiker ist sein Gedankengut zwar durchaus anzutreffen, aber zur Herzensangelegenheit haben es sich nur ganz wenige gemacht.
Rudolf Steiner war es, der an Pestalozzi anknüpfend, unermüdlich nachdoppelte, nicht müde wurde, die vorrangige Bedeutung des Herzens hervorzuheben.

Kinder, die in der Schule am dargebotenen Stoff und in der Beziehung zur Lehrperson nicht vorerst auf Herzebene warm werden, sind kaum für ein ernsthaftes Engagement zu gewinnen. Anders gesagt: An der Frage, inwieweit in Erziehungs- und Bildungsfragen die Beziehungsebene Beachtung findet, entscheidet sich fast alles.
Eine Schule ohne Herz jedenfalls ist keine Schule für Kinder.



Autor: Daniel Wirz | Ausgabe: 5


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