Heileurythmie
Die Heileurythmie ist eine Bewegungstherapie, die Rudolf Steiner vor über 8o Jahren anregte. Er hat die Bewegungen dem Strömen der Lebensenergie im Menschen abgelesen, wie sie auch in der Qualität der Sprachlaute zutage treten.
Die Gebärde des Sich-öffnens der Welt gegenüber finden wir wieder, wenn wir ein A sprechen. Hat nicht jeder von uns schon an einem schönen klaren Frühlingsmorgen die Arme weit ausgebreitet und mit Begeisterung ausgerufen "Ah, welch ein wunderbarer Tag!"
Dagegen drücken wir z. B. mit dem E ein Abgrenzen gegenüber der Welt aus. Die Arme oder Beine überkreuzt gehalten schafft Integrität und auch das Bewusstsein der Grenze nach aussen.
So hat jeder Sprachlaut des Alphabetes seine eigene Bewegungsform und eine geheimnisvolle Beziehung zu inneren seelischen und funktionellen Prozessen. Durch das bewusste Üben dieser Gesten kann heilend Einfluss auf organische Prozesse genommen werden.
Seelisch Atem
In jeder Menschenseele vollzieht sich das erfrischende Wechselspiel zwischen Innen und Aussen. Mal richten sich unsere Willensimpulse im Handeln mehr nach aussen, dann auch wieder – die Tat bedenkend – nach innen. Die Gebärde des vom Herzen wegströmenden Blutes entspricht der Wendung nach aussen, dem Sich-verbinden mit einem Du, der Welt überhaupt. Das Zurückfluten des Blutes wiederum gleicht dem Sich-zurückziehen, der Einkehr bei sich selbst.
Einseitigkeit macht krank
Zwei verbreitete Zeitkrankheiten, Erschöpfung und Depression: Sind sie vielleicht das Resultat einer einseitigen Ausrichtung der Aufmerksamkeit?
Wer den einwärts gerichteten Strom (Jung sprach da von Introversion) nicht auch wieder zur Umkehr veranlassen kann, läuft Gefahr, in sich selbst zu versinken und kaum wieder hinauszufinden. Die nach innen gerichtete Bewegung staut sich in einer Depression.
Wenn wiederum der Strom des Über-sich-hinausgehens, des Sich-nach-aussen-richtens nicht mehr nach innen zu wenden ist, gelange ich früher oder später unausweichlich in eine Erschöpfung.
Auf die Umkehr kommt es an
Das vom Herzen weg- und wieder zurückströmende Blut bildet ein gleichzeitig ablaufendes Wechselspiel, das sich im Seelenleben entsprechend spiegelt. Wie im Musikalischen eine Moll-Stimmung durch eine Dissonanz ins Dur gewendet und eine Dur-Stimmung wiederum durch die Dissonanz in eine Moll-Stimmung umgewandelt werden kann, so gibt es auch im physiologischen Blutkreislauf solche Punkte der Umkehr.
Die Doppelbewegung des Herzens in Zusammenziehung (Systole) und Ausdehnung (Diastole) sorgt physiologisch für die Einhaltung dieses Wechselspiels. Die Fähigkeit, in einer seelischen Bewegungsrichtung eine Wende zu vollziehen, verdanken wir unserem Ich.
In der Übung „Liebe-E” wird – zwischen Peripherie und Zentrum schwingend – das Umkehren einer Strömungsrichtung geübt.
Aus einer peripheren, weiten und liebevoll umfassenden Gebärde mit den Armen geht man durch das Zusammenführen von rechts und links in das Erleben des Zentrums über. Der periphere Kreislauf wird gestärkt, Hände und Füsse werden warm.
Eine pädagogische Übung
Ist der lebendige Austausch im Sozialen gestört, entsteht auf der zwischenmenschlichen Ebene so etwas wie ein Stau an einer Strassenkreuzung. Was ist zu tun? Jetzt gilt es aufmerksam den Anderen wahrzunehmen und gleichzeitig im eigenen Strom zu bleiben.
In der Eurythmie gibt es sogenannte pädagogische Übungen, in denen das Thema Kreuzung und Aufmerksamkeit geübt wird. Eine solche Übung ist die „ICH-und-DU-Übung“, bei der sich die Wege zweier Menschen kreuzen. Dies wird als Begegnung erlebt; ICH und DU sind WIR.
Das Herz als sensibler Fühler
des sozialen Lebens
Wenn wir einander herzliche Glückwünsche senden, geben wir unserem Wunsch Ausdruck, Wärme und Lebenskraft zu vermitteln. Warum sagen wir "herzlich" und nicht "lunglich" oder "nierlich"? Was macht gerade das Herz – als Organ der Liebe – geeignet, Symbol und Sinnbild für die Welt der menschlichen Gefühle zu sein?
Das Herz steht im Zentrum des Blutkreislaufs des Menschen. Alle Teile des übrigen Organismus stehen mit ihm – Quell des sich beständig erneuernden Lebens – in engster Verbindung.
Berichten vieler Herz-Patienten kann entnommen werden, dass sehr oft biografisch markante Schwierigkeiten im Sozialen mit organischen Störungen einhergehen.
Manche Patienten beschreiben aufreibende soziale Situationen am Arbeitsplatz – bis hin zu Mobbing. Sie fühlen sich nicht aufgenommen oder auch nicht wahrgenommen. Sie empfinden sich in ihren Intentionen gebremst, gehindert oder sind Konkurrenzsituationen ausgesetzt, die sie nicht bewältigen können.
Das Herz ist gekränkt, der seelische Strom gestaut, der Mensch atmet nicht mehr vertrauensvoll zwischen sich und der Welt.
Zunächst krampft die Seele, dann das Herz.
Heilende Bewegung in der Begegnung
Dieser gestörte Strom ist wiederum an der Art, wie sich der Mensch bewegt, erkennbar. Es fehlt am Mut, zum Beispiel eine Kreuzung mit einem anderen Menschen im Raum zu vollziehen. Oder es fehlt das Vertrauen, sich rückwärts im Raum zu bewegen. Eine Heileurythmieübung zur Stärkung des Herzens hat Begegnung und Aufmerksamkeit zum Thema.
Es geht darum, meine Bewegungsrichtung im Raum einzuhalten und gleichzeitig aufmerksam das Kreuzen mit einer anderen Bewegungsrichtung mit durchzuführen. Dabei behalte ich den eigenen Bewegungsfluss bei. Das Synchronisieren in Zeit und Raum ist eine Tätigkeit des Ich im Sozialen.
Es hat sich gezeigt, dass derartige Übungen den Mut stärken, Richtung und Fluss im eigenen Leben wieder herzustellen. Die Individualität atmet wieder in ihrem sozialen Umfeld auf. Individuelle Ansprüche und Rücksichtnahme im Sozialen finden einen gesundenden Ausgleich.