Heft 5 / Frühjahr 2003
Schwerpunktthema: Das Herz


Herz-Rhythmus

Zeitfragen zu Gesundheit und Lebensführung. Das Herz schlägt nicht nur in der Brust.





Wenn man ohne Uhr eine kurze Zeitspanne ermitteln will, zählt man gerne die Sekunden, indem man sich die Zahlenfolge 21, 22, 23... laut vorspricht. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass je nachdem, ob wir aufgeregt oder entspannt sind, das Ergebnis unpräzise ausfällt. Das ist ein Zeichen dafür, dass unser Zeiterleben sehr von der momentanen Verfassung abhängt. Sicherer ist da, als Zeitmass den Unterarm baumeln zu lassen. Wenn man ihn anhebt, fallen lässt und vergleichbar einem Pendel wieder hochhebt, entsteht in etwa ein Sekundenrhythmus. Durchschnittlich schwingt der Arm so schnell wie unser Herz schlägt, etwa 70 mal pro Minute.


Wenn das Herz sich mit dem Schritt verschwistert
Das gleiche Mass finden wir, wenn wir langsam schreiten, wenn wir nachsinnend ohne bestimmtes Ziel spazieren gehen oder im Zimmer versunken auf und ab gehen. Die Schrittgeschwindigkeit klingt dann mit dem Herz zusammen, Herzschlag und Gang verschwistern sich. Diesem Gleichklang entspricht unsere Befindlichkeit in solchen Momenten: Gefühl und Tätigkeit stimmen überein.
Bei jedem feierlichen Gehen oder besser: Schreiten – wie im kirchlichen Kultus – reduziert man die Gehgeschwindigkeit unwillkürlich auf Herztempo. Dem liegt das sichere Gefühl zugrunde, dass wir erst bei solch einem getragenen Gehen als Mensch vollständig anwesend sind. Gehe ich schneller, weil ich beispielsweise ein klar gefasstes Ziel vor Augen habe, bin ich im Geist bereits dort und nicht mehr bei dem gerade gesetzten Schritt. Das Fühlen eilt in diesem Fall dem Gehen voraus – man verliert ein wenig den Zusammenhang mit der Gegenwart. Erst in dem beschriebenen „Herzschritt“ vermögen wir über die Sohlen eine unmittelbar wahrnehmende Beziehung mit dem Erdboden aufzunehmen.

Der Rhythmus von Gehen, Klopfen und Rühren
Nun besteht aber auch für den gewöhnlichen, zielgerichteten und deshalb schnelleren Gang ein Zusammenhang mit einem andern Herzrhythmus. Beim zügigen Gehen kommen wir auf ungefähr 150 Schritte pro Minute. Das ist ein anderer Rhythmus, der von vielen menschlichen Tätigkeiten bekannt ist. Sei es der rhythmische Schlag des Steinmetz auf den Meisel oder der wiederholende Schwung des Besens beim Fegen: Immer wieder begegnet uns ein Rhythmus, der mit etwa 150 Schlägen pro Minute ausmacht. Steigert man das Tempo auf beispielsweise 180 Schläge pro Minute, wirkt die Tätigkeit hektisch, nervös und "unmusikalisch".

Die arterielle Grundschwingung als zeitliche Schallmauer der Seele
Dem beschriebenen natürlichen Empfinden, ab welcher Schlagzahl ein Rhythmus seine Leichtigkeit verliert, liegt nun ein weiterer Herzrhythmus zugrunde: Neben dem Rhythmus des Herzschlages von etwa 70 Schlägen pro Minute gibt es einen zweiten, ungefähr doppelt so schnellen Herzrhythmus, der gewissermassen durch die Antwort der Blutgefässe auf den Herzschlag zustande kommt: Nach einem Pulsschlag breitet sich die Druckwelle vom Herzen über Schlagader und Arterien in den ganzen Körper aus und ist bereits nach 0,2 Sekunden an der Fusssohle messbar. Von dem fein verästelten Gefäss-System wird der Puls Richtung Herz zurückgeworfen. Da die Herzkammern nun aber verschlossen sind, kann das Blut nicht zurückfliessen, sondern brandet vom verschlossenen Herzen wieder in die Peripherie des Kreislaufsystems zurück. Auf jeden eigentlichen Herzschlag folgt somit – wie ein Echo – ein zweiter schwächerer Puls.
Das Blut schwingt also nicht nur im Rhythmus des Pulses von 70 Schlägen, sondern ausserdem mit der doppelten Frequenz von etwa 150 Schwingungen pro Minute. Dieser „Oberton“ des Blutes wird „arterielle Grundschwingung“ bezeichnet und ist der schnellste veränderliche Rhythmus im Körper.
Machen wir mehr als 150 Schritte in der Minute, verliert der Gang seine unverwechselbar persönliche Note. Nicht zuletzt ist es die Musik, die bis auf wenige Ausnahmen diese „Herz-Grenze“ mit dem Tempo "presto" respektiert.

Herzrhythmus und Ichpräsenz, Wolfgang Held
Worin unterscheiden sich nun diese beiden Herzrhythmen in Bezug auf ihre Spiegelung in den menschlichen Tätigkeiten? Der doppelte Herzrhythmus mit seinen 150 Schlägen pro Minute bildet die oberste Grenze für seelische Anteilnahme. Bei höherer Schlagzahl werden die Verrichtungen mechanisch, ohne unmittelbare seelische Anteilnahme. Der normale Herzrhythmus bildet ebenfalls eine Grenze, eine Grenze, die nicht nur beim eingangs beschriebenen Schreiten, sondern auch bei anderen Tätigkeiten, wie dem Kauen oder dem ruhigen, nachsinnenden Kopfnicken auftritt. Wird sie überschritten, verliert man die Möglichkeit, mit voller Aufmerksamkeit bei der Tätigkeit anwesend sein zu können.
Nun ist Aufmerksamkeit nichts anderes als der Ausdruck ichhafter Tätigkeit – Anwesenheit des Ichs.
Da wir die Tendenz haben, bei vielen Handlungen mit den Gedanken schon bei der nächsten Sache zu sein, werden diese alltäglichen Verrichtungen tendenziell beschleunigt. Dies hat nun nicht nur zur Folge, dass wir mit unserem Bewusstsein nur schwer ganz bei der gegenwärtigen Sache sein können, sondern zugleich bedeutet es auch, dass diese zu schnell ausgeführten rhythmischen Tätigkeiten das Herz, was ihm eigentlich zu wünschen wäre, nicht mehr zu stützen vermögen. Das Herz ist damit zunehmend auf sich selbst gestellt.

Der Leib – ein Instrument der Seele
Abschliessend sei noch die Frage gestellt, warum unser Gang so eng mit dem Herzschlag verbunden ist. Der anthroposophische Arzt Walter Bühler hat in einem seiner Buchtitel die Antwort zusammengefasst: "Der Leib – ein Instrument der Seele". Damit ist gemeint, dass unser Leib so konfiguriert ist, dass die darinnen wohnende Seele sich optimal äussern kann. Oder noch deutlicher: Nicht der Leib, in dem ein beseeltes Wesen hat Platz finden können, ist das primäre, sondern die Seele steht am Anfang und hat sich eine „angemessene“ Wohnung geschaffen. Für den Gang bedeutet dies bis in die rhythmische Korrelation hinein, dass wir mit dem eigenen Empfindungsleben, mit dem Herzen dabei sind.
Nun zeigt die Selbstbeobachtung, dass die wichtigsten Entscheidungen im Leben nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen gefällt werden. Insofern wird unser Lebensweg in grossem Mass von unserem Herzen bestimmt – und dies spiegelt sich hinunter in das zeitliche Miteinander von Herz und Gang.


Autor: Wofgang Held | Ausgabe: 5


Jahrgang 64, Astronom,
am Goetheanum tätig,
schreibt und hält Vorträge zu naturwissenschaftlichen
und anthroposophischen Themen.
(c) 2007 Natura-Verlag Arlesheim | Impressum