Heft 6 / Sommer 2003
Schwerpunktthema: Kälte und Wärme


Heilende Töne, gesundende Klänge

Künstlerische Therapien gehören zur anthroposophischen Medizin. Das Angebot ist reich.
Im folgenden werden einige Aspekte aus der Musiktherapie vorgestellt.

Dass schlichtes Hinhören oder auch eigenhändiges Spielen von gewissen Instrumenten den Heilungsprozess fördern kann, mag auf den ersten Blick überraschen. Hier werden Leib und Seele gezielt in Schwingung versetzt.
Und das ganze Gefüge – Leib, Seele, Geist – schwingen mit, ordnen sich neu.





Erstes Bild
Stellen Sie sich vor: Es ist stockdunkle Nacht, nur da und dort eine Strassenlaterne, die spärlich Licht spendet. Es ist Winter. Über uns: Ein sternenübersäter Himmel. Die Strassen und Gassen sind – trotz klirrender Kälte - voller Menschen. Man sieht sich im Halbdunkel kaum. Aber man hört ein Gewirr freude- und erwartungsvoller Stimmen. Jetzt gehen auch noch die letzten Lichter aus. Ein kurzer Jubelschrei geht durch die Menge, und schon hört man nur noch Pfeifen und Trommeln, zwei musikalische Extreme. Hunderte von Spielern setzen – wie auf einen Schlag – ihre Pfeifen an, andere schlagen Trommeln. Gruppierungen setzen sich da und dort in Bewegung. Sie kommen und gehen, ziehen aneinander vorbei oder kreuzen sich. Bis zum Morgengrauen dauert das eindrückliche Schau- und Hörspiel an.

Zweites Bild
Der Morgen ist klar. Ein sonniger Tag kündet sich an. Er lockt zum Wandern. Manche ziehen los, stimmen vielleicht ein Wanderlied an. Das erfrischt so richtig. Gegen Abend geht es zur Alphütte oder in das nächste Dorf hinunter. Die Luft wird kühler, die Welt zusehends stiller. Man hört jetzt die Glocken der weidenden Tiere besser. Dann ertönt da noch etwas – ein ferner Ruf? – oder was war das nur? Erst beim zweiten oder gar dritten Ton erkennt man den Klang. Er stammt von einem Alphorn. Wie wohligwarm muten seine Töne an.

Die zwei beschriebenen Situationen sind zwar an eine bestimmte Umgebung gebunden, beinhalten aber gleichzeitig objektive Urelemente verschiedenster Ton- und Klangqualitäten.

Pfeifen und Trommeln
Beim ersten Beispiel sind es Pfeifen und Trommeln. Die Pfeife, eine „Schwester“ der Piccolo-Querflöte, hat sehr hohe Töne. Man kann sie als schrill erleben. Hohe Töne wecken auf, er-schrecken zuweilen. Wenn der Polizist pfeift, will er einen aufwecken. Wenn man erschrickt, fährt man zu-sammen, und es wird einem kalt. Man kann sagen: Hohe Töne wirken kühlend. Dazu gesellen sich – wie im ersten Bild beschrieben – die Trommeln. Sie sind nicht auf die Pfeifen abgestimmt. Eigentlich ist es kein Ton im herkömmlichen Sinne, sondern ein Geräusch mit tonartigem Charakter. Auch dieser Klang hat etwas Aufweckendes, Erschreckendes, aber in einer ganz anderen Art. Er vermittelt das Erlebnis einer geballten, warmen bis hitzigen Kraft, die zur Ausdehnung drängt.

Singen und Alphorn
Im zweiten Beispiel sind die Lieder erwähnt. Ihr Tonumfang ist an die menschliche Stimme gebunden. Sie bewegt sich in einem „mittleren“ Bereich. Pfeifen und Trommeln liegen jenseits davon. Durch das Auf- und Absteigen kann sich die menschliche Stimme durch verschiedene „Wärmegrade“ der Töne bewegen, Hitze und Kälte ausgleichen oder sich begegnen lassen. Das ist das seelisch wie auch physiologisch Erfrischende des Singens.
Stattdessen bewegt sich der Tonumfang des Alp-horns mehr im unteren Bereich dessen, was wir als Töne wahrnehmen. Seinen Klang erleben wir immer als wohligwarm, niemals als heiss. Dazu trägt auch bei, dass man eher getragene Melodien spielt.

„Warme“ und „kalte“ Klangqualitäten bei anderen Instrumenten
Zu den „warmen“ Instrumenten gehören auch das Cello oder die Chrotta – von der keltischen Crwth vor allem für die Therapie weiterentwickeltes Streichinstrument (in Quinten gestimmt). Bei den Blasinstrumenten ist es das Gemshorn, ein Instrument aus der Renaissance.
Licht und Wärme verbinden sich im Klang der Leier und anderer Zupfinstrumente wie Kantele und Bordunleier.
Zu den Saiteninstrumenten gehört auch die Psalterfamilie. Das Typische dieser Instrumente ist die hohe Saitenspannung, die einen sehr hellen, lichterfüllten, weckenden bis scharfen und kühlen Ton erzeugt. Bei uns ist vor allem das Hackbrett bekannt. Weniger bekannt ist der Streichpsalter, der mit einem Bogen gestrichen wird und (nicht nur) in der Therapie eingesetzt wird.
So haben die verschiedenen Instrumente ihren mehr warmen oder eben kühlen Charakter und wirken, wenn der Mensch sie spielt entsprechend – aufwärmend oder abkühlend. Aber auch der Tonumfang von tief bis hoch ist als warm bis kalt erlebbar. Dadurch ist es auch möglich, diese Qualitäten als Wirkprinzipien in der Musiktherapie einzusetzen.

Nachfolgend einige Beispiele aus der Praxis
Es gibt Krankheiten, wie Multiple Sklerose oder Parkinson, bei welchen der Wärmestrom immer weniger bis an die Peripherie gelangt, Hände und Füsse bleiben oft kalt. Da passiert es öfter, dass man diese förmlich „warmspielen“ kann, indem Füsse oder Hände auf das Instrument gelegt werden und der Patient nur hören und spüren soll.
Ist im Gegensatz dazu die Haut glühend heiss, weil sie juckt, kann es sehr wohltuend für den Patienten sein, wenn er auf dem Streichpsalter hohe, kühlende Töne spielt.

Für eine Unterstützung der Wärmeausdehnung im Brustbereich, wie z..B. bei Asthma oder Bron--chitis, ist das eigenhändige Spielen der Chrotta hilfreich.

Die Verbindung von Licht und Wärme (Leier, Kantele, Bordunleier und das Singen) ist z.B. sehr wichtig in der Krebstherapie. Die Krebskrankheit gehört zu den kalten, dunklen und verhärtenden, gleichsam „formlosen“ Krankheiten. Licht bringt immer Struktur und Form hervor, die Wärme wirkt lösend bei Verhärtung. Spontane Reaktionen bei Patienten sind eine tiefere Atmung, eine belebtere Hautfarbe und ein körperliches Wärmegefühl.


Autor: Regula Utzinger | Ausgabe: 6


Regula Utzinger
Musikerin und Musiktherapeutin
Aufgewachsen in Bern; nach der Schule 2 Jahre Mitarbeit in der Heilpädagogik in Norwegen; Sprach- und Theaterschule in Deuschland; Musikstudium mit Diplomabschluss am
Konservatorium Biel, CH;
Musiktherapiestudium mit Diplomabschluss an der Guildhall School in London, GB;
Jahreskurs am Centre for Social Development, Forest Row GB;
2 Jahre Mitarbeit in einem Projekt für Arbeitslose in England.
Seit 1984 Musiktherapeutin an der Ita Wegman Klinik, Arlesheim, CH.
Daneben pädagogische und künstlerische Tätigkeit. Freie Mitarbeit an Tagungen und Seminaren.

Kontakt:
Tel: 061 705 72 10
(c) 2007 Natura-Verlag Arlesheim | Impressum