Heft 6 / Sommer 2003
Schwerpunktthema: Kälte und Wärme


Verliere dich, um dich zu finden!

Eine Betrachtung zur Sommerszeit.





Wenn die Tage länger und die Nächte kürzer werden, überkommt manche Menschen ein sanfter oder aber auch heftiger Drang, den Alltag hinter sich zu lassen und aufzubrechen – am liebsten mit unbekanntem Ziel.
Manche besteigen in dieser Zeit vom Fernweh gepackt ein Flugzeug, heben buchstäblich ab und lassen sich hinwegtragen.

Ich denke, das ist ein durch und durch berechtigtes Bedürfnis, und wir sind gut beraten, wenn wir ihm Raum geben. Denn über ein Grossteil des Jahres, insbesondere im Winterhalbjahr, hat uns das Leben ganz schön im Griff. Von morgens früh bis spät in den Abend eingespannt, gehen wir getreulich unseren Pflichten nach, werden dabei oftmals mehr gelebt, als dass wir leben. Dieser Trott soll nun zumindest ein Mal im Jahr durchbrochen werden. Ein Mal im Jahr soll das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Für einmal sich dem Sog des stressigen Alltags ganz bewusst entziehen, wegtreten und Abstand nehmen, muss gut tun und rundum gesundend wirken.

Die Natur lebt es uns eigentlich Jahr für Jahr vor. Was sich im Frühjahr zaghaft zu keimen anschickt, sprosst bald mächtig heran, um sich im Blühen förmlich zu verklären. Ein Grossteil der Blüten sind in der Tat von geradezu überirdischer Schönheit. Manche erinnert in ihrer Gestalt an einen Stern, wieder andere mahnen uns an die Sonne. Und wie von einer Sehnsucht gepackt kann man die Erde in dieser hohen Zeit erleben, der Sehnsucht, selber Himmel, Sonne zu werden.

Warum nicht, angesteckt und ermutigt durch das, was sich in der Natur um uns tut, einmal im Jahr über sich selber hinauswachsen, grösser, weiter, lichter werden?
Denn nur wer sich zuweilen selbst verliert, kann sich auch wiederfinden. Nicht als der alte, der er zuvor war. Aber als ein neuer, von diesem Exodus zutiefst beflügelter!

Anders gesagt: Nur wer sich zuweilen ganz hingibt, kann auch Neues empfangen. Auch neue Kraft, die wir, wenn der Sommer einmal veflogen ist, für die Bewältigung des Alltags, der uns im Handumdrehen wieder hat, nur allzu gut gebrauchen können.



Autor: Daniel Wirz | Ausgabe: 6


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