Wenn wir das Werden und Vergehn von Licht, Farben und Dunkelheit in der Natur beobachten, wird der hellstrahlende Mittag zum warm leuchtenden Abend, zur einhüllenden Nacht, zum taufrischen Morgen...
Wer näher hinschaut, findet in dieser fortlaufenden Verwandlung vielfältige Zusammenhänge und Rhythmen. Erstaunlicherweise beziehen sich die einzelnen Erscheinungen aufeinander: Das sich immerzu verändernde Licht erzeugt neue Tönungen im Dunkel, wird es heller, wirft es deutlichere Schatten. Aus dem Zusammenspiel von Licht und Finsternis entstehen auch in gesetzmässiger Weise die Farben: Wo ein materiell Trübes das Licht dämpft, wird es gelblich, orange, rot, wo dieses aber ins Dunkel fällt, schimmert es blau und violett.
Können wir in diesen Phänomenen, wenn unser Seelenleben gesund ist, Vergleichbares wahrnehmen? In uns leben Gedanken, Gefühle, Willensimpulse. Verändern und entwickeln sie sich nicht immerzu? Können wir sie als eine Art wachsenden, sich wandelnden Organismus erleben? Welche Seelenregungen entzünden sich am inneren Licht? Klarheit, Freude, Mut, Tatkraft...? Und welche Kräfte entbinden wir aus innerer Dunkelheit? Vielleicht Innerlichkeit, Tiefe, Mitgefühl? Wie viele polare Erscheinungen zeigen sich, und welche Nuancen von Gleichgewicht können wir dazwischen einnehmen?
In der Natur sprechen die Farben über ihre Träger: Rot leuchtende Früchte, Blüten und Herbstblätter zeugen von empfangener Sonnenwärme, gelbe vom aufgenommenen Licht; im Blauen offenbart sich oft Wässeriges, Dichtes, Kühles. Auch im Dunkel unseres Körpers lebt eine Vielzahl von sinnigen Farberscheinungen: So trägt das gelbrote Arterienblut Sauerstoff-Lichtkräfte durch den Leib, während das blaurote Venenblut uns von dem verdunkelnden, verfestigenden Kohlenstoff befreit. Das helle Nervengewebe wiederum dient den Gedanken-Licht-Prozessen, während das rote Blut ganz in der Wärme lebt.
Wie wir Farben empfinden
Farbempfindungen in der Natur haben einen objektiven Charakter. Wir können ihre Gesetzmässigkeiten erforschen. Auch im künstlerischen Tun und Erleben sind sie wirksam: Ein Gelb, das blendet, leuchtet oder erleichtert, ein Violett, das feierlich, tief oder beklemmend wirkt, kann von vielen Menschen übereinstimmend empfunden werden. Häufig mischen sich aber auch subjektive Gefühle hinzu. Ich fühle mich zu gewissen Farben hingezogen, von anderen abgestossen, gemäss meiner Konstitution, meinem gegenwärtigen Befinden oder früherer Prägung.
Farb- und Formimpulse geben, die zur Heilung beitragen
Wie wir Farben und Formbewegungen empfinden, ist also auch von unserem körperlichen Befinden abhängig. Eine Entzündung kann uns zum Rot hindrängen. Umgekehrt kann aber ein Grün, das wir malen, gerade mildernd auf diese einwirken.
In solchem Wechselspiel zwischen Sinneseindrücken, vermittelnder Seelentätigkeit und dem Körpergeschehen arbeitet die Maltherapie. Die unbewussten Lebens- und Gestaltungsvorgänge, die unseren Leib ständig gesunderhalten und erneuern, werden von unserem Seelen- und Sinneserleben beeinflusst: Als Therapeutinnen und Therapeuten versuchen wir, uns in jede individuelle Krankheitssituation einzufühlen, um jene Farb- und Formimpulse anzubieten, die zur Heilung beitragen.
Der künstlerische Weg, der sich im Malen entfalten kann, hat selbst schon gesundende Wirkung: Im Erforschen, Verwandeln und Gestalten der Farben und ihrer Bewegungen, im Aufrufen unserer inneren Antwort auf sie, gewinnen wir Kräfte und Fähigkeiten, um auch mit der Frage, die unsere Krankheit an uns stellt, schöpferisch umzugehen.
Im Schlaf Kraft schöpfen für die Eindrücke des neuen Tages
Das gesunde Seelenleben entfaltet sich im rhythmischen Wechsel zwischen Licht und Dunkel. Insbesondere über Auge und Haut nehmen wir das Licht auf. Es macht wach und bewusst, regsam und schnell, es ziseliert und formt. Es baut aber auch ab, vor allem, wenn wir ihm im Übermass ausgesetzt sind. Deutlich spüren wir die Müdigkeit nach einem wachen Tag. Dann, hauptsächlich in der frühen Nacht, sorgen die im Dunkel der Körpertiefen und des Schlafes tätigen Stoffwechselorgane – insbesondere die Leber – für den Wiederaufbau. Am Morgen fühlen wir uns bereit für neue Erlebnisse und Taten.
Das Gleichgewicht ist bedroht
Dass dieses lebendig pendelnde Gleichgewicht heute vielfältig bedroht ist, kennen wir aus eigener Erfahrung: Allzu viele Sinnesreize stürmen tagsüber auf uns ein und rumoren bis in die Nacht hinein in uns weiter. Stress, Schocks und ungelöste Konflikte erschweren zusätzlich das Verarbeiten der Eindrücke des Tages. Inwieweit es überhaupt in dieser komplexen und schnelllebigen Zeit gelingt, unsere eigentlichen Ziele, den Sinn unseres individuellen Lebens, jeden Tag zu verwirklichen, bleibe dahin gestellt. So liegen wir abends, nachts oder auch frühmorgens hin und wieder wach, fühlen uns anderntags dumpf, schwer, lust- und antriebslos. Häuft sich dieser Zustand, so tritt eine innere Verhärtung und Verdunkelung ein. Unsere Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, sie seelisch zu verarbeiten und wieder nach aussen prägend einzugreifen, nimmt zusehends ab. Ein Arzt würde die Diagnose „Depression“ stellen.
Malen als Therapieform
Beginnen wir in dieser Situation zu malen, sind die Bilder zunächst oft dunkel: Moorig-grün, braun, blau, violett, grau bis schwarz. Oder aber sie leuchten plakativ in „Zirkusfarben“: Trompetengelb, zinnoberrot, türkisblau... Hell und Dunkel atmen nicht mehr gut ineinander, fallen mehr oder weniger auseinander. Die Seele vermag sie nicht mehr aktiv zu verbinden, ist unbeweglich und gefühlsarm geworden.
In dieser Lage wollen wir den Patienten zunächst stützen: Wir suchen Farbstimmungen, in denen sie oder er sich wohlfühlt und wieder zu sich selbst finden kann – nicht zu grell und nicht zu dunkel.
Wir fragen uns auch, welche Farben am besten geeignet sind, die geschwächten Aufbaukräfte wieder anzuregen. Oft hilft da das Eintauchen in eine leichte Wärme, z.B. Magentarot, die sich in Orangebraun warm erdet und oben in Blau ausklingt.
Mit der Aufgabe, vielfältige Farbtöne zwischen Hell und Dunkel differenziert zu mischen, wird ein harmonisches Atmen zwischen diesen Extremen angeregt. Allmählich wächst im Tun wieder tieferes Empfinden für das Farbgeschehen und seine feinen Beziehungen und Verhältnisse heran, auch die Fähigkeit, lebendige Farbtöne und stimmige Bezüge zwischen Hell und Dunkel aus dem Inneren herauszufinden und auszugestalten. Wenn zum Beispiel ein Licht nicht einfach aus dem gelben Farbnapf aufs Blatt kommt, sondern als ausgespartes Zentrum in einem blauen Dunkelraum auftritt, kann das eine neue Ebene von Freundschaft mit dem Licht erzeugen.
Die Farben haben eine direkte Wirkung auf unsere Gefühle und von da auch auf unseren Leib. Sie erwärmen und befeuern, weiten und erhellen, beruhigen und festigen. In ihnen wirksam sind ihre Ursprungskräfte, Licht und Finsternis, die Tiefe und Formkraft ins Bild tragen.
Autor: Maria Kraan und Georg Hegglin | Ausgabe: 7