Heft 7 / Herbst 2003
Schwerpunktthema: Licht und Finsternis


Finsternis und Licht

Die Heilung von blinden Menschen spielt in allen vier Evangelien eine bedeutende Rolle. Viele Menschen, die von Geburt an oder im Laufe ihres Lebens ihr Augenlicht verloren, säumen den Weg des Christus Jesus; sie werden von Angehörigen und Freunden zu ihm gebracht, sitzen leidend am Wegesrand oder am Eingang des Tempels – und werden geheilt, erlangen ihr Augen-Licht, wobei sich tiefgreifende Wandlungsprozesse ereignen, die das Sein des einzelnen Kranken verändern und neu bestimmen.





Was sich dabei im einzelnen abspielte, erläutern die Berichte der Evangelisten nur sehr verhalten; dennoch sind in ihren Aufzeichnungen zukunftsweisende therapeutische Elemente enthalten, die der Medizin bis heute leuchtende Wegmarken setzen – zumindest dann, wenn sich diese Medizin als eine wirkliche Heilkunst des Menschen begreift und um eine geisteswissenschaftliche Erweiterung ringt. Ein aufmerksames Studium dieser Evangelienheilungen führt daher noch immer in die Gegenwart und Zukunft medizinischen Tuns – dies soll anhand dreier Schilderungen skizzenhaft angedeutet werden.

Der Blinde von Bethsaida
„Und sie kamen nach Bethsaida. Da brachten sie einen Blinden zu ihm und flehten ihn an, er möge ihm die Hand auflegen.“ Der Blinde von Bethsaida findet nicht selbst den Weg zu Christus – Freunde führen ihn dem therapeutischen Prozess zu, stehen stellvertretend für ihn ein und vollziehen damit eine Bewegung, zu der er selbst nicht (oder vielmehr noch nicht) in der Lage ist. Weiter berichtet Markus: „Und er ergriff den Blinden bei der Hand und führte ihn draussen vor die Stadt, benetzte ihm mit seinem Speichel die Augen und legte ihm die Hand auf.“ Der Christus Jesus leitet den Kranken aus seinen angestammten Verhältnissen hinaus – ins Freie und Offene, wo der eigentliche Heilungsprozess einsetzt. Ein Individualisierungsvorgang beginnt, ausserhalb des Hergekommenen, und mit Hilfe der Christus-Substanz – dem Speichel und der leibhaftigen Berührung. Schrittweise erfolgt die Heilung, die mit den bemerkenswerten Worten endet: „Und er schickte ihn heim und sprach: Gehe nicht in die Stadt und sprich mit niemand davon.“ Etwas Kostbares soll im Innersten geschützt und geborgen werden, um ganz angeeignet, biographisch verwirklicht und in den individuellen Schicksalsgang einverwandelt zu werden. „Die Kunst des Heilens kann nur im Verborgenen wachsen“ (Ita Wegman) – sie benötigt Raum und Zeit, Schicksalshilfen und Sozialität, die den Weg des Einzelnen ermöglichen und befreien.

Bartimäus, der blinde Bettler von Jericho
Bartimäus sitzt am Wegesrand nahe der Stadt Jericho. Als er hört, dass der Christus Jesus in einiger Entfernung an ihm vorbeizieht, ruft er diesen mit grösster, bittender Intensität an, trotz aller Schweigegebote seiner Umgebung – „Erbarme Dich meiner!“ Bartimäus trägt einen absoluten Überwindungs- und Veränderungs-Willen in sich und ist im Besitz grosser, geistiger Vertrauenskräfte – er „eilt“ nach erhaltener Erlaubnis zum Christus Jesus hin, und findet solchermassen den Verwandlungsweg aus reinen Hingabekräften – „Dein Glaube hat Dich geheilt“. Eine heilende Begegnung mit dem Weltenwort, dem inkarnierten Logos ereignet sich, offenbar allein in der spirituellen Sphäre der menschlichen Geistseele, die darin ihre Beziehung zum Leib neu zu ordnen und diesen zu verändern vermag. Bartimäus wird sehend, preist die Gottesoffenbarung und folgte – wie Markus berichtete – dem Christus unmittelbar nach. Er fand willentlich den Zugang zu den schöpferischen Kräften des Daseins und verband sich hingabevoll mit ihnen, machte sich bereit und wurde im Innersten beschenkt. Was in Bethsaida die Freunde einleiteten und was als Heilprozess leibnahester Zuwendung durch den Christus bedurfte, vollzieht sich hier in den seelisch-geistigen Regionen der menschlichen Existenz, die Zukunftskräfte erschliessen, sofern sie Gehör und Aufnahme, ja Beantwortung finden.

Der Blindgeborene von Jerusalem
Ein ganzes Kapitel widmet schliesslich der Evangelist Johannes der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9) – und beschreibt in diesem den tiefen Wandlungsvorgang eines Menschen, der im Laufe seiner Heilung ganz zu seinem geistigen Ich fand und damit in der spirituellsten Dimension seines Menschseins gefördert und verändert wurde. Die Krankheit des Blinden hat ihren tiefsten Ursprung nicht in Versäumnissen, Fehlern oder Vergehen („Sünden“) seiner selbst oder seiner Eltern – sie dient vielmehr zur Offenbarung und Werdebewegung seines höheren Ichs, wie der Christus bereits am Anbeginn der Begegnung den fragenden Jüngern erläutert. Sodann vollzieht sich ein Substanzwandlungsprozess durch den Christus selbst, der alles weitere vorbereitet und einleitet – er vermischt seinen Speichel mit der Erde, formt einen erdigen Brei und legt ihn auf die Augen des Blindgeborenen: „Geh hin und wasche Dich im Teich Siloah!“

Ausgesandt wird der Kranke, der all dies tätig ergreift und sehend wird – mit dem Resultat, dass ihn die Nachbarn nicht mehr wiedererkennen und die Eltern gegenüber der kritischen, zweifelnden und zuletzt aggressiven Synagogenleitung alleine lassen. Immer weitergehender aber bekennt sich der zunehmend Isolierte und Ausgestossene zur wesenhaften Realität des von ihm erfahrenen Heilungsprozesses, ja zum Christus selbst. Er verliert alles Alte, Gewordene und ehemals Tragende – dafür aber erreicht er eine vertiefte Selbst- und Welterkenntnis, spricht als einziger Mensch des Evangeliums das göttliche „Ich bin“-Wort und gelangt zu einer tiefen Identitäts- und Christus-Erfahrung – zur Begegnung mit jenem Wesen, das das reale „Licht der Welt“ ist. Diesen Prozess erfuhren seit der Zeitenwende unzählige Kranke und Leidende, im Vollzug des Heilungsprozesses, aber auch in den Vorgängen des Sterbens.



Autor: Dr. Peter Selg | Ausgabe: 7


(c) 2007 Natura-Verlag Arlesheim | Impressum