Kunst in den Gängen eines Spitals. Das ist ungewöhnlich, hat aber seinen tieferen Sinn: Künstler schaffen aus der unmittelbaren Nähe zum Leben. Ihre Werke zeugen davon. Wer sich in sie vertieft, kann daran Anteil nehmen und – Kraft schöpfen. Dies wiederum vermag den Heilungsprozess günstig zu beeinflussen.
Leben und Werk von Ernesto Weber
Meine erste Begegnung mit Ernesto Weber fand vor drei Jahren statt. Ich traf einen freundlichen, warmherzigen, gebildeten alten Herrn, der mich ebenso beeindruckte wie seine Malerei. Seine Stimme war einladend weich, manchmal etwas brüchig, seine Werke von grosser Tiefe und Klarheit. Das Ringen mit der Dunkelheit war darin erkennbar, schliesslich hatten das Licht und die Klarheit gesiegt.
Ernesto Weber wird 1925 in Veltheim bei Winterthur geboren. Nach der Primar- und Sekundarschule folgt eine Lehre als Schriftsetzer. Über diese Tätigkeit – der Druck von Kunstschriften war damit verbunden – ergeben sich in der Zeit der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges erste Berührungen mit der Malerei. Nach dem Krieg arbeitet er in seinem Beruf in Zürich, beginnt jedoch parallel dazu in der Kunstgewerbeschule mit Malunterricht.
Maler werden
Anfang der fünfziger Jahre erfolgt die Aufnahme seines Studiums der Malerei in Florenz, später in Wien. Es entstehen viele Werke auf seinen Reisen nach Italien und Österreich. Später folgen Auslandsaufenthalte in Frankreich, Tunesien und Norwegen mit einer reichen Ausbeute an Aquarellen, Zeichnungen und Ölbildern. Die Themen sind Landschaften, Stilleben und Portraits.
Die Stimmung der Bilder ist immer positiv, fast zart, licht. Freundlich erscheint die Darstellung der Aussenwelt. Anfang der achtziger Jahre findet Ernesto Weber Zugang zur abstrakten Malerei. Infolge der grossen Anerkennung und Resonanz seiner Werke will er sich 1986 ganz der Malerei hingeben. Endlich soll er nur noch seiner Berufung und Leidenschaft nachgehen können. Eine Art innere Befreiung scheint bevorzustehen.
Dann erfolgen jäh einschneidende Schicksalsschläge: Anfang Januar 1986 zunächst Erblindung des rechten Auges, an Ostern des gleichen Jahres schliesslich erlöscht auch das linke Augenlicht infolge einer Netzhautablösung.
Einbruch und Neuanfang
Welch ein Tiefschlag für einen Maler! Farben, Licht, Form und Gestalt verschwinden, die Weite des Horizonts versinkt in der Dunkelheit. Wo früher Sicherheit in der Begegnung mit der Welt war, ist jetzt Unsicherheit, so etwa in der Orientierung im Krankenzimmer. Wo früher Vertrautheit war, wird jetzt alles fremd. Wo einstmals Erfassen aus dem Augenblick heraus sein Leben prägte, ist jetzt mühevolles, zeitraubendes und unvollkommenes Ertasten. Der Sturz in die tiefe Dunkelheit legt sich schwer auf die Seele des Künstlers. In einem zunächst eintönigen, tristen Leben muss der Raum wieder erobert werden.
Nach einigen Monaten beginnt Ernesto Weber wieder mit dem Malen, zunächst einfach auf Papier. Wie wenn ein Vulkan ausbricht, müssen die Ereignisse und Seelenregungen der letzten Zeit ‚herausgeschrien‘ werden. Es entlädt sich Erlebtes, Erlittenes in Farben und Formen. Wo die Sprache versagt, hilft jetzt das Malen. Der Umgang mit Pinsel und Farben dient nunmehr – nebst dem Ausdruck des Innersten – der Heilung.
Nach einer Phase der Explosion kehrt wiederum mehr Ruhe ein. Vor dem inneren Auge steigen oft am Morgen oder Abend szenische Bilder auf. Sie wandeln sich wie in einem Kaleidoskop. Gelungene Kompositionen rufen danach, auf die Bildfläche gebracht zu werden. Dazu müssen sie innerlich präzise abfotografiert werden. Aber dann wie weiter?
Neue Techniken müssen herangezogen werden. Die unterschiedliche Anzahl von Streichhölzern, oben und unten an den Farbtuben angebracht, helfen beim Auffinden der Farben. Zur Orientierung auf der Leinwand dienen zunächst vertikal und horizontal aufgeklebte dünne Bänder. Später werden aus Karton viele Formen ausgeschnitten und angebracht, um sich räumlich besser zu orientieren. 1987 entstehen schon wieder erste Werke: „Hoffnung in der Dunkelheit“ und „Frühlingslied“!
Keime aus Dunkel und Schmerz
Das Schicksal von Ernesto Weber erinnert manchen vielleicht auch an die Geschichte des Blindgeborenen im Johannesevangelium. Die Jünger fragen dort Christus: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Und Christus antwortet: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern dass die Werke Gottes offenbar würden an ihm“. Der Theologe Helmut Thielicke meint in seinem Buch ‚Das Schweigen Gottes‘, dass die Frage nach dem ‚Warum‘ falsch gestellt sei. Man müsse vielmehr fragen: ‚Wozu?‘, da Gott immer positiv sei. Der Autor stellt fest, dass in Dunkel und Schmerz der Keim zu einer neuen Weltsicht läge, zu einem neuen Sich-hineinstellen in die Welt. Die eigentlichen Helfer der Menschenbrüder wären immer Verwundete gewesen, da nur diese Leidgeprüften andere Menschen wirklich verstehen können.
Etwas von diesem verwandelten Verwundeten, der anderen Trost und Hoffnung zu geben vermag, finden wir auch im Leben und Werk von Ernesto Weber. Aus seiner Malerei leuchtet uns auch etwas von der Positivität Gottes entgegen. So kann uns das, was uns als das Schlimmste erscheint, zum grössten Segen gereichen.
Wer sich auf die Malerei Ernesto Webers einlässt,
nimmt – von Bild zu Bild in ganz anderer Weise – Abdrücke einer reichen und erfahrenen Künstlerseele wahr. Wir sind als Betrachter eingeladen, an diesem künstlerischen Schaffensprozess teilzuhaben.