Im vierten Mysteriendrama verdichtet sich an dieser Stelle die Dramatik um den geistigen Weg seines Protagonisten. Auch dem Leser oder Zuschauer fährt dieser rätselhafte Satz – „Wo ist dein Licht? Du strahlest Finsternis.“ – unter die Haut. Was geht uns dabei so nahe? Was heisst da „Dein Licht...“, und wie kann man „Finsternis strahlen“?
Die Mysteriendramen wecken im Betrachter exemplarisch tiefe Fragen unserer Zeit. Der Blick darauf, wie Licht und Finsternis uns in der Sinneswelt umgeben, hilft uns zu verstehen, in welche Richtung Antworten darauf zu finden sind.
Das Licht in der Welt
Licht ist ein Urbild für Erkenntnis: Wir sprechen von „hellen Köpfen“, davon, dass „uns ein Licht aufgeht“ oder dass uns etwas „einleuchtet“. Der helle Tag ist das Wirkungsfeld des bewussten, tätigen Menschen. Alles liegt da klar vor Augen. Es gibt keinen Platz für Gespenster. Und wir unternehmen viel, um die Nacht zum Tage zu machen: Künstliche Beleuchtung ist aus unserem Leben in einer technisierten Welt nicht mehr wegzudenken. Obwohl wir die atmosphärisch-subtilen Wirkungen gelungener Beleuchtung beim vertraulichen Abendessen oder bei der Einrichtung von Räumen kennen und schätzen, ist Licht für uns gewöhnlich doch ein recht äusserlicher, ja gegenstandshafter Bestandteil der Welt: In fast beliebiger Menge erzeugbar, beherrschbar, berechenbar.
Und dennoch: Schwindet des Tageslicht, verwandelt sich die Welt zusehends. Was uns zuvor als klar umrissener Gegenstand vor die Augen trat, färbt sich gedämpfter und wird immer schemenhafter. Mit den ersten Sternen und Planeten, die am Himmel aufleuchten, macht sich eine ganz neue Qualität von Licht bemerkbar. Der Blick zum nächtlichen Himmel stimmt den Betrachter andächtig. Er wird schweigsam. Und wer kennt nicht das überwältigte Staunen, wenn sich der Sternenhimmel einmal „unverstellt“ von all unserem technischen Licht anschauen lässt?
Licht – weltenverbindend
Schon der morgendliche Blick in den Spiegel zeigt, dass das Verhältnis zwischen den „Seh-Dingen“ und dem, was wir als „innere Wirklichkeit“ erleben, komplizierter ist als wir uns das normalerweise zugestehen. Als noch irritierender erweist sich dann aber die Tatsache, dass das Licht als solches ganz und gar unsichtbar ist. Dass etwas Helles da ist, zeigt sich erst, wenn etwas Undurchsichtiges beleuchtet wird. Erst in der Begegnung mit dem Dicht-Körperhaften tritt Helligkeit in Erscheinung. Dazwischen ist keine Spur von einem strömenden Etwas, das da etwa von der Lampe auf den Tisch flutet, erkennbar. Licht verbindet dabei das Hier und Dort: Licht ist eigentlich eine Beziehung!
Das Tages-Bewusstsein stellt gewöhnlich keine Fragen an die Wirklichkeit der Dinge um uns herum. Sie sind einfach da, so wie sie eben sind. Dämmerung und Nacht sind dagegen das Reich der Schatten, bevölkert von Schemen oder „grauen Katzen“. Menschen, deren Augen schwächer werden, kennen das gut: Manchmal muss man sich richtig dafür entscheiden, etwas sehen zu wollen. Und manchmal sieht man im Dunkeln Dinge, die „bei Lichte besehen“ gar nicht da sind... Finsternis ist nicht bloss das Fehlen von Licht, sie ist das Fehlen des Zusammenhangs von Schauendem und geschauter Welt.
Unser Auge ist einerseits einer der unendlich vielen Gegenstände in dieser Welt, die an diesem Spiel von Beleuchten und Beleuchtetwerden teilnehmen. Andererseits ist hier doch alles ganz anders: Ich bin es, der die Beziehung zum Dort aufnimmt. Sehen ist niemals ein passives Empfangen, sondern greift hinaus in die Welt. Und so wird „das Licht“ zu „meinem Licht“.
Wie stehen wir in der Welt?
Der morgendliche Gang durch taufeuchte Wiesen zeigt einem, wenn man einmal wacher darauf achtet, die erstaunlichsten Farben an Stellen, wo man sie niemals erwartet hätte. Die „Gegenstände“ der Atmosphäre und Erde färben und beleuchten sich gegenseitig. Man kann sehen: Alles ist miteinander verwoben! Doch dies bunte Bild ist andererseits bitterer Ernst: Ob beim Klima, Landwirtschaft oder der Vergiftung von Luft und Wasser, alles hängt mit allem zusammen – und wir Menschen bringen diese Welt durch unser Walten immer mehr in Unordnung.
Die Art, wie wir leben, entfaltet ihre Wirkungen nicht dort, wo die Ursachen liegen, und auch nicht unmittelbar. Wem schaden denn die Abgase meines Autos? Was ändert sich im Weltenlauf, wenn ich diesen Joghurt kaufe und nicht jenes Bio-Produkt? Diese Art von Zusammenhängen springen einem nicht einfach in die Augen. Man muss sich aktiv darum bemühen!
Die Einsicht, dass das Gute von gestern heute unter Umständen wertlos geworden ist, finden wir in den Mysteriendramen und im Leben, in den privaten und globalen Krisen vielfältig bestätigt. Der Weg hin zu einer heilvolleren Zukunft, in der wir uns nicht selbst zugrunde richten, verlangt uns einiges ab. Immer mehr wird es darum gehen, uns konkret mit dem zu verbinden, was nicht offensichtlich ist oder nahe liegt. Der Blick auf die Welt ändert sich dabei grundsätzlich: Wir leben dann nicht mehr inmitten einer unabsehbaren Ansammlung von Dingen, sondern Frage um Frage (nach dem Unsichtbaren) tritt in uns auf. Fragen nach dem verborgenen Sinn. Fragen, die wecken, beunruhigen – aber auch ungemein bereichern und dem Leben einen ganz neuen Sinn verleihen. Unser Entscheiden und Handeln in so einer Welt wird davon leben, ob wir uns von diesen Fragen berühren lassen.