Heft 8 / Frühjahr 2004
Schwerpunktthema: Sterben


Stufen des Abschieds

In der Ita Wegman Klinik wird Wert auf eine würdige Begleitung Sterbender gelegt. Als ein bereicherndes Geben und Nehmen erleben dies die hier befragten in der Pflege Tätigen. Nach dem Tod erbringt eine Patientin, ein Patient noch drei Tage in der Klinik. Ein schrittweises Abschiednehmen ist in der Klinik möglich.





„Es gibt wohl nichts Intimeres als das Sterben – weshalb nicht selten Menschen gerade dann sterben, wenn sie für kurze Zeit allein gelassen werden“, sagt Annemarie Gass zu Beginn unseres Gesprächs, und ihre Kollegin Silvia Wälti ergänzt: „Jeder stirbt seinen ganz eigenen, individuellen Tod. Der eine geht relativ leicht, ist schon dem Jenseits zugewandt, ein anderer hat grosse Mühe loszulassen, vielleicht, weil manches in seinem Leben noch ungeklärt ist, ein dritter hat grosse Angst vor dem Übergang, vor dem Ungewissen.“

Die wenigsten Menschen fürchten den Tod selbst, sondern das, was während des Sterbens alles geschehen könnte. Eine der schlimmsten Vorstellungen sei der Erstickungstod. Beide Gesprächspartnerinnen haben dies jedoch in der Begleitung von Sterbenden noch nie erlebt. Annemarie Gass: „Der menschliche Organismus scheint geheimnisvoll weise eingerichtet zu sein. Die Seele löst sich bereits etwas aus dem Leib und lässt den Sterbenden dadurch oftmals ohne Leiden hinübergleiten. Zudem haben wir ausser der menschlichen Zuwendung, die äusserst wichtig ist, auch die Mittel – sowohl die Medikamente wie die verschiedensten Anwendungen und Therapien, insbesondere Musiktherapie und Heileurythmie – um allfällige Schmerzen und Leiden zu lindern.“

Angehörige und Freunde empfänden vor allem die dunkle, schwere Seite des Sterbeprozesses. Viele Sterbende gingen ja auch durch Phasen der Auflehnung, der Erschöpfung, der Todesfurcht. Der Tod wolle angenommen sein. Aber nicht selten erlebe der Scheidende diesen Prozess anders, ganz anders, als die Menschen in seinem Umkreis. „Manchmal reist jemand sozusagen schon zwischen den Welten und berichtet, dass er zum Beispiel gerade mit der längst verstorbenen Mutter gesprochen habe“, erzählt Silvia Wälti. Und wenn man nicht aufmerksam sei, denke man an Verwirrung und verstehe die Aussage nicht.

„Es kann auch vorkommen“, erklärt Annemarie Gass, „dass ein Patient unbedingt nach Hause will, und einen Tag später stirbt er… Unsere Sprache ist diesseitsgerichtet, was die Verständigung darüber, was an der Schwelle zur geistigen Welt alles geschieht, erschwert.“
Sterben als soziales Geschehen

In der Pflege werde das Sterben zum sozialen Geschehen. Annemarie Gass: „Man könnte es so formulieren, dass die Sterbenden sich gegenseitig helfen. Schilderungen von Sterbenden über ihre Eindrücke und Erlebnisse ermöglichen es uns Pflegenden, andere Sterbende besser zu verstehen. Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der diese Hilfestellung ,illustriert’: Ein Patient befindet sich im Terminalstadium, aber das Hinübergehen zieht sich hin. Ein zweiter kommt in diese Phase. Nichts geschieht. Es scheint, als wenn sie warteten. Ein dritter stirbt dann. Und nun folgen ihm die beiden ersten, als ob dieser ihnen die Tür aufgestossen hätte. Dieses Türöffnen kann auch durch eine Geburt geschehen: Zum gleichen Zeitpunkt, da ein neuer Erdenbewohner ins Leben tritt, verlässt ein alter die Erde.“

An diesem Tor zur geistigen Welt also begegnen sich die, die kommen, und die, die gehen. Silvia Wälti beobachtete auch, „dass Menschen dann sterben konnten, wenn im Rahmen eines Jahresfestes draussen im Korridor zum Beispiel gesungen oder wenn in der Weihnachtszeit das Hirtenspiel aufgeführt wurde.“

Noch einmal Schnee spüren...
Sterben heisse auch: ganz intensiv leben! Noch einmal Schnee spüren, einen blühenden Kirschbaum sehen, eine Wiese in der Hitze riechen, jemanden umarmen, festhalten können… Das bedeute nun unglaublich viel. Wenn sich der Mensch nochmals richtig mit dem Leben verbinde, könne er besser loslassen, auch die unerledigten, nicht erreichten Dinge. So könne er Friede finden, und manchmal zeige sich sogar ein feiner Humor.

Silvia Wälti fügt da folgende Geschichte an: „Eine Patientin hat unserer Station eine Kaffeemaschine geschenkt, damit sie einen letzten ,anständigen‘ Kaffee bekäme. Daraus wurde dann noch manche Tasse…“, und fährt fort: „Es sind ja viele Abschiede für den Patienten. Er braucht zunehmend Pflege, er kann sich nicht mehr waschen, kann nicht mehr alleine zur Toilette, muss ernährt werden. Das ist ein sehr empfindlicher Vorgang. Permanent muss abgespürt werden, welche Hilfe der Patient nun braucht und wie weit er sie auch annehmen kann. Und bei jedem Abschied werde ich als Pflegende auf das Leben zurückgeworfen, wird mir bewusst, was ich wie selbstverständlich tun kann. Der Sterbende schenkt mir ein Stärker-ins-Leben-Kommen, während er für ihn Wichtiges noch erledigt oder das ihm Mögliche in vollen Zügen geniesst. Sterbende holen einen unmittelbar in den Augenblick, sie helfen einem, gegenwärtig zu sein – und sie brauchen es auch!“

Feierlicher Abschied
Dieses Abschiednehmen gehe über den Tod hinaus. Erst werde der Verstorbene schön hergerichtet und noch ein paar Stunden im Zimmer gelassen; dann in mildem Kerzenlicht blumengeschmückt aufgebahrt. Dafür biete der helle Aufbahrungsraum neben dem Foyer einen würdigen Rahmen. „So können die Hinterbliebenen und auch wir den verstorbenen Menschen gehen lassen und auf seinem neuen Wegstück begleiten“, erläutert Annemarie Gass. „Wir Mitarbeitenden halten später eine kleine Feier, zu der die Hinterbliebenen, wenn sie das wollen, herzlich eingeladen sind.“

Silvia Wälti schliesst mit einem Erlebnis: „Als ich gerade neu hier war, kam nachts um elf Uhr eine Frau auf die Station und wollte eine Patientin besuchen, die an diesem Tag verstorben war. Ich dachte erst, sie wisse es noch nicht – lernte aber schnell, dass man in der Ita Wegman Klinik auch die Verstorbenen "besucht"!



Autor: Konstanze Brefin Alt | Ausgabe: 8


Konstanze Brefin Alt sprach mit:

Silvia Wälti
Krankenschwester Innere Medizin
an der Ita Wegman Klinik

Dipl. Pflegefachfrau, arbeitet gern in akut-medizinischen Situationen sowie mit bewegungseingeschränkten Kranken, wo sie mit Hilfe der Kinästhetik- und Bobath-Konzepte unterstützend wirken kann.
Die Betreuung von Sterbenden empfindet sie oft wie ein Ehrenamt, wo das Entdecken und Erfüllen der letzten individuellen Bedürfnisse die grosse Herausforderung bedeutet.
Ein Grundanliegen ist die umfassende Pflege in allen Situationen. Die Abteilung für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie bietet ihr dafür den geeigneten Rahmen.

Telefon 061 705 72 78


Annemarie Gass
Pflegedienstleiterin an der
Ita Wegman Klinik

Dipl. Pflegefachfrau, seit 13 Jahren
in der Ita Wegman Klinik tätig, seit
8 Jahren als Pflegedienstleiterin.
Ihre Hauptaufgabe liegt in der Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden Pflege zur Zufriedenheit der PatientInnen durch gut geschultes und in anthroposophischer Pflege weitergebildetes Pflegepersonal sowie eine gezielte Unterstützung in der laufenden Entwicklung der Organisationsabläufe.
Ihr Hauptanliegen: Die PatientInnen fühlen sich in ihrer Krankheits- und Krisensituation gut verstanden, begleitet und gepflegt.

Telefon 061 705 72 36
annemarie.gass@wegmanklinik.ch
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