Am Ende verfließen die Grenzen...
Sterben und Auferstehen reichen sich – schon mitten im Leben – die Hand. Das ist trostvoll, macht aber auch Mut, sich zeitlebens im Loslassen zu üben. Und man ahnt vielleicht, was Goethe wohl meinte, als er einmal den Tod als Kniff der Natur charakterisiert, das Leben zu steigern.
Auf den ersten Blick erscheint der Tod als Ende und Begrenzung des Lebens. Doch genauer besehen existiert diese Grenze gar nicht so absolut. Tag für Tag sterben Tausende, ja wahrscheinlich Millionen unserer eigenen Körperzellen ab. An ihrer Stelle entstehen immerzu neue. Solange wir leben, wird der Prozess des Vergehens in unserem Körper überlagert vom Prozess des Neuwerdens. Beim jungen Menschen entstehen mehr neue Zellen als alte absterben. Im Alter gewinnen die Sterbeprozesse allmählich die Oberhand. So betrachtet ist die Grenze zwischen Leben und Tod fliessend, fliessender jedenfalls als es auf den ersten Blick erscheint.
Sterben – mitten im Leben
Was auf physischer Ebene so klar zutage tritt, wird sich im Psychischen gewiss nicht anders verhalten. Wie vieles stirbt da doch schon zu Lebzeiten in uns ab? Mitten im Leben gilt es so manches, was einem lieb und vertraut geworden ist, loszulassen. Öfter als einem manchmal lieb ist, heisst es, Abschied zu nehmen von Menschen, die ein Stück Leben mit uns geteilt haben, von Orten, die uns Heimat geworden sind, von Aufgaben und von Gewohnheiten, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind... Mitten im Leben stirbt dann ein Stück von uns. Umgekehrt entsteht oft aber auch neues Leben, und nicht selten gerade dort, wo altes abgelegt wurde. Im Rückblick wird oft erst deutlich: Wo Leerräume entstanden sind, ist Platz geschaffen worden für neue Erfahrungen, für neue Prozesse und neue Begegnungen. Und dann staunen wir über die Urkraft des Lebens.
Tod wird Leben
So gesehen beginnt die Auferstehung aus dem Tod schon mitten im Leben. Und damit sind wir beim Geheimnis von Ostern: Im Tod ist das neue Leben verborgen.
Im Sterben und Auferstehen des Christus verkörpert sich das Mysterium des Lebens schlechthin. Die Urpolarität von Werden und Vergehen, die allem Leben innewohnt, schwingt mit, wenn wir als Christen das Sterben Jesu Christi meditieren und seine Auferstehung feiern. Im mystischen Einswerden mit Christus binden wir uns in einen überindividuellen Zusammenhang ein. Unsere eigenen, individuellen Sterbe- und Auferstehungsprozesse lassen uns an einem grösseren Ganzen Anteil nehmen.
Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei.
Um dieses Sich-Aufgehoben-Fühlen geht es beim endgültigen Ablegen des irdischen Menschen. So individuell und verschiedenartig es sich beim Einzelnen auch vollziehen mag, ein Menschenleben dürfte nicht enden in der Vereinzelung! So sehr ein sterbender Mensch seinen Weg zwar alleine zu Ende gehen muss, so sehr ist er angewiesen auf liebevolle und einfühlsame Begleitung. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, gibt uns die Bibel schon in der Schöpfungsgeschichte zu bedenken. Das gilt im Blick auf das ganze Leben. Doch ganz besonders gilt es, wenn ein Mensch vor der Aufgabe steht, sein irdisches Leben loszulassen. Dann wird die Erfahrung des Begleitet- und Gehaltenseins zentral.
Sonnenhaft auferstehen
Die unzähligen Berichte von Nahtoderfahrungen über die Begegnung mit einer unbeschreiblich liebevollen Lichtgestalt mögen uns Weiterlebenden ein Hinweis sein – kein naturwissenschaftlich gesicherter Beweis – aber ein Hinweis auf eine Begegnung mit dem göttlichen Licht in einer anderen, jenseitigen Welt.
Die Bibel spricht in Bildern davon. So etwa vom Samenkorn, das in die Erde gelegt wird und daraus in einer wunderbaren Verwandlung etwas Neues und Ungeahntes hervorgeht. Vor allem aber spricht das Neue Testament von der Auferstehung des Christus. Seit den Berichten der Evangelien vom leeren Grab am Ostermorgen, wird der Auferstandene mit der aufgehenden Sonne verglichen. Das Licht, das aus der Nacht heraus neu geboren wird – Christus – wird zu unserer inneren Sonne – im Leben und im Sterben. Das deutsche Wort „Sonn-Tag“ weist auf diese Verknüpfung hin. Jeder Sonntag ist darum ein Auferstehungstag – schon mitten im Leben!
Autor: Matthias Grüninger | Ausgabe: 8