Es wird immer wieder behauptet, Sterben sei ein Tabu-Thema. In den täglichen Begegnungen mit schwerkranken Menschen, Sterbenden und deren Angehörigen habe ich gar nicht diesen Eindruck. Vielmehr wird häufig um einen guten Umgang mit diesem Thema gerungen. Viele Fragen und Unsicherheiten tauchen auf, alle spüren, dass etwas Neues kommt, doch wie gehe ich persönlich damit um?
Entscheidend bei der ärztlichen Betreuung von Sterbenden ist die Haltung gegenüber Krankheit, Heilung und Tod. Alle Beteiligten, allen voran natürlich der Patient selbst, aber auch seine An-gehörigen, die Pflegenden und eben wir behandelnden Ärzte sind dabei unweigerlich zwei ge-gen-sätzlichen Neigungen ausgesetzt. Auf der einen Seite ist da die Stimmung: „Das hat doch sowieso alles keinen Sinn mehr“. Resignation, Ver-zweiflung tun sich darin kund. Auf der anderen Seite können, vielleicht auch nur phasenweise, Illusionen, gegenstandslose Hoffnungen bis zu Verdrängungen auftreten.
Beide Haltungen sind extrem und rufen nach einer Mitte, welche während der Krankheit dauernd neu gesucht werden muss – von allen Beteiligten.
Anthroposophische Medikamente
Aus ärztlicher Sicht wären da einmal die anthroposophischen Medikamente zu erwähnen, welche bei Sterbenden angewandt werden. Es geht dabei zum einen um die Erhaltung des Gesunden, zum andern um die Heilung von Unausgeglichenem – auch noch in der letzten Stunde vor dem Tod.
Entscheidend ist dabei die Annahme der wiederholten Erdenleben: Der Übergang vom Leben in den Tod ist prägend für unser weiteres Vorankommen, so wie der Verlauf der Geburt das folgende Leben beeinflusst.
Wenn zum Beispiel unter anderem bei Sterbenden Gold in homöopathischer Verarbeitung als Injektion verabreicht wird, können wir häufig erstaunlich ruhige und gelassene Sterbeprozesse beobachten. Dadurch kann oft mit wenig konventionellen Schmerz- und Beruhigungsmitteln wie z.B. Morphium und anderen ausgekommen werden. Das Gold, eine durch und durch rätselvolle Substanz, entstammt der Erde und hat seit langer Zeit die Menschen fasziniert. Es vereinigt Polaritäten in sich. Zum einen ist es hell-glänzend, edel und rein, zum andern aber auch schwer und hoch verdichtet. Durch die pharmazeutische Verarbeitung wird der erste Aspekt - das Glänzende, Edle und Reine – in seinem Wirkungsgrad stark gesteigert. Gleichzeitig steht Gold seit jeher für die Mitte, die Sonne, das Herz.
Gold, Myrrhe, Weihrauch
Nur angedeutet werden kann hier eine weitere Heilmittelkomposition, welche den Aspekt des Goldes noch erweitert und welche von einem anthroposophischen Arzt Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelt wurde: Olibanum compositum. Es besteht aus Gold, Weihrauch und Myrrhe und verweist damit auf Weisheiten mit christlichem Hintergrund. Auch dieses Mittel wird meist als Injektion verabreicht und wirkt ausgleichend, beruhigend und krampflösend, somit auch schmerzlindernd, ohne dass es das Bewusstsein dämpft.
Ausserdem stehen Heilmittel der anthroposophischen Medizin für den Umgang mit Atemnot, Angst und Durstgefühlen zur Verfügung, welche die selbstverständlich ebenso eingesetzten Mittel wie Sauerstoff, chemische Medikamente und in-tra-venöse Flüssigkeitsgabe ergänzen.
Ringen um die Mitte
Bei der Behandlung von Sterbenden zeigt sich das Ringen um die Mitte, wie es bei jeder Krankheit, ja eigentlich während des ganzen Lebens von zentraler Bedeutung ist, in überdeutlicher Weise.
Jedes Sterben fordert uns dazu heraus, die Fragen nach dem Leben, nach seinem tieferen Sinn und Wert noch ernsthafter zu bedenken. Leben als fortschreitender Heilungsprozess, als Ringen um die Mitte – bis in den Tod.
Das, was hier geschieht durch Liebe, durch Freundschaft, inniges einander Verstehen, das sind Bausteine, die da oben in der geistigen Region Tempel bauen. Und es muss für die Menschen, welche diese Gewissheit durchdringt, ein erhebendes Gefühl sein, zu wissen, dass, wenn sie hier schon von Seele zu Seele Bande schlingen, das die Grundlage
ist eines ewigen Werdens.
Rudolf Steiner
Aus: Tod wird Leben