Schon oft war das Lied „Himmelslinde“ bei der Betreuung von Menschen auf dem Weg zur „Himmelspforte“ ein Begleiter. Wie kann eine solche musikalische Wegbegleitung in der Praxis aussehen?
Das „Thema“ ist für alle dasselbe, aber der Weg dahin ist für jeden Menschen ein ganz anderer – eben sein eigener. Je näher der Übergang rückt, desto spezieller und individueller gilt es, die hilfreichen Töne und Klänge auszuwählen.
Die Begleitung kann sich in einem Fall über Monate hinziehen oder aber auch nur ein paar Tage dauern. So lange es geht, wird man den Patienten in das Spielen oder Singen aktiv miteinbeziehen. Ist das nicht mehr möglich, tritt das Vorspielen und/oder Vorsingen des Therapeuten in den Vordergrund.
Ist der gemeinsame Weg länger, kann ich als Therapeutin natürlich in ganz anderem Masse an den musikalischen aber auch seelischen Erlebnissen und Wandlungen Anteil nehmen. In diesem Falle fällt mir die Auswahl der passenden Musik leichter. Entfällt dieses Sich-Vertraut-Machen aber, ist meinerseits ein waches Hinlauschen und sorgfältiges Beobachten des Menschen unabdingbar. Wie, mit welchen Instrumenten und Klängen, soll ich ihn begleiten? Ich kann ihn ja oft nicht mehr direkt ansprechen, auch ist es schwer abzuschätzen, in ie eit in seinem Bewusstsein überhaupt noch Platz für Irdisches ist oder aber schon übersinnliche Wahrnehmungen im Vordergrund stehen.
Grenzüberschreitendes Musikhören
Beim (Musik-)Hören passiert diese Grenzüberschreitung andauernd. Geräusche, Töne, Klänge, auch unsere Sprache – sie sind nicht sichtbar, nicht physisch fassbar. Das Hören ist somit der erste Schritt hin
zum übersinnlichen Wahrnehmen. Diese Tatsache ist im Hinblick auf unsere therapeutische Arbeit (besonders bei Angstzuständen) von grosser Wichtigkeit.
Beim Musikhören kann das „Grenzen überschreiten“ anfänglich erübt, erfahren werden. Ich bin überzeugt, dass genau dieses die Musik für uns so wichtig macht.
Wie Sterbende musikalisch begleiten?
Bei einer längeren Begleitung hat vorerst muntere und besinnlichere, schnellere und langsamere Musik mit einer reichen Tonskala Priorität. Immer weniger Töne werden es später sein. Grosse Tonabstände werden mehr und mehr in den Vordergrund treten. Sie lassen mehr Raum für das, was im anderen Menschen vorgeht. Die ansonsten stimmungsvollen Dreiklangharmonien scheinen immer weniger angebracht. Sie wirken jetzt allzu dicht und fast ein wenig erdrückend. Von der Klangqualität sind – rückt das Sterben einmal näher – Instrumente zu bevorzugen, deren Ton nach dem Anschlagen nur langsam verklingt, wie das zum Beispiel bei Saiteninstrumenten oder Glocken der Fall ist. Solche Töne wirken befreiender als etwa ein trockener Flöten- oder Xylophonton, der praktisch keinen Nachklang hat.
Unterschiedlich wirken natürlich auch hohe oder tiefe Tö-ne. Gemäss meiner Erfahrung lösen tiefe Töne zuweilen eine gewisse Unruhe oder gar Schmerz aus. Sie scheinen zu schwer, zu „irdisch“. Aufsteigende Melodiesequenzen wirken mehr lösend als absteigende.
Zu dem eingangs erwähnten Lied gibt es eine Begleitung, die sich aus der Tiefe in der Wiederholung immer höher schwingt und dadurch eine immer grössere Weite schafft.
Individuelle Sterbewege
Im folgenden möchte ich zwei „Sterbewege“ kurz skizzieren.
Einer Frau wurde vom Arzt ambulante Musiktherapie verordnet. Damals ging es überhaupt nicht um eine Sterbe-begleitung. Die Diagnose und das, was mir der Arzt von der Patientin erzählte, sprach – was die Instrumentenwahl betrifft – für den Einsatz einer Chrotta. Sie ist ein ursprünglich keltisches Instrument, das heute in Geigen-, Bratschen- oder Celloform mit vier Saiten zum Streichen gebaut wird. Frau Z. ( damals 65 jährig) war von der Tenorchrotta (halbe Cellogrösse) sofort begeistert und genoss den warmen Ton sichtlich. Sie kaufte sich sogar ein eigenes Instrument und spielte täglich darauf. Es wurde ihr zu einem wichtigen persönlichen Begleiter für die nächsten fast zehn Jahre. Freudig kam sie jede Woche zur Stunde. Das ursprüngliche Leiden verschwand mit der Zeit gänzlich. Trotzdem kam sie weiter zum Chrottaspielen, bis sich eines Tages eine ganz andere Krankheit bemerkbar machte. Diese behinderte sie zusehends in ihrer Bewegungsfreiheit. Sie konnte bald auch nicht mehr längere Zeit sitzen. Es war schwer für sie, ihre liebe Chrotta kaum noch spielen zu können. Bald wurde sie vollends bettlägerig und brauchte Spitalpflege.
Anfangs probierten wir verschiedene Varianten aus, damit sie doch noch im Bett spielen konnte, aber eigentlich reichten die Kräfte nicht mehr aus. Sie durfte sich nun wünschen, was sie hören möchte und genoss das Vorspiel sichtlich, sang zuweilen sogar mit, was sie früher eher scheute. In den letzten zwei Wochen wurden die Wachmomente immer kürzer, mein Spiel wurde langsamer und leichter, und ich versuchte, ihren Atemrhythmus aufzugreifen. Dann kam eine Phase, in welcher mir die Chrottatöne zu schwer erschienen. Ich spielte ihr auf der Leier vor. Zum Abschluss der Stunde erklang dann jeweils ihr Lieblingschoral, bei dem sie manchmal noch einige Töne mitsang, obwohl man den Eindruck hatte, sie wäre schon weit weg.
Eines Abends ging ich nochmals hin. Sie reagierte nicht auf meine Begrüssung. Ich spielte ihr vor, sie blieb ruhig. Schwer und langsam ging ihr Atem. Am Schluss spielte und sang ich, wie gewohnt, den vertrauten Choral. Während der letzten Zeile erschrak ich, als vom Bett her plötzlich glockenreine Töne an mein Ohr drangen, so hell und rein wie nie zuvor! Dann kehrte wieder Stille ein. Die Verabschiedung wurde äusserlich nicht erwidert. In der Nacht des nachfolgenden Tages ging sie über die Schwelle.
Hilfreiche Zwischenräume
Ein anderes Erlebnis: Der Patient war schon eine Weile stationär in der Klinik, bevor er zur Musiktherapie angemeldet wurde. Ich ging in sein Zimmer, um ihn zu begrüssen und herauszufinden, was ich an Instrumenten und Musik mitbringen sollte. Er lag – sichtlich geschwächt – im Bett und fand kaum die Kraft, sich zu äussern. Ich ging und holte die gegossenen englischen Glocken und einige Saiteninstrumente. Beim Erklingen der (im Dreiklang gestimmten) Saiteninstrumente tat sich bei ihm nicht viel, bei den Glocken hingegen äusserte er, wie gut sie ihm tun. Als ich ihn am nächsten Tag wiederum aufsuchte, atmete er schwer und schien unruhig. Anknüpfend an die Erfahrung des Vortags fing ich mit den Glocken an. Aber bald winkte er ab. Nach einer kleinen Pause griff ich zur Leier und spielte in seinem Atemrhythmus eine Melodie, die immer wieder „Zwischenräume“ eröffnete. Bald wurde die Atmung leichter, es trat Entspannung und Ruhe ein.
Als ich ihn am nächsten Tag wiederum besuchte, hatte er grad vorher seinen letzten Atemzug getan.
Ein jedes Mal empfinde ich es als eine Ehre, als ein Geschenk, wenn ich einen Menschen so begleiten darf. Und ich bin sehr dankbar, dass ich etwas von dem Weg, den er beschreitet, aus allernächster Nähe miterleben darf.
Betrachtung des Hörens
Der Klang taucht am tiefsten hinab in die menschliche Seele. (Kurt Pahlen)
Es ist bekannt, dass das Ohr als Organ im dritten Monat der Schwangerschaft bereits fertig ausgebildet ist. Das Kind kann zu diesem Zeitpunkt auch schon hören. Der Mensch hört also, ehe er geboren wird. Es ist ausserdem bekannt, dass das Hören als letzter Sinn nach dem Tode erlischt. Diese beiden Sachverhalte bestätigen eindrücklich, dass wir hörend buchstäblich Grenzen überschreiten. Das finden wir im täglichen Leben vollauf bestätigt.
Sehen können wir nur bis zur Wand, zur Türe hin. Hören können wir zuweilen aber auch, was sich jenseits der sichtbaren Grenze tut. Manche sind durchaus in der Lage, jemanden, der kommt, an seiner Stimme oder am Schritt zu erkennen, ehe sie ihn physisch wahrnehmen.