Diese abendlichen Schreiphasen sind bekannt unter dem Namen Dreimonatskoliken oder Trimenonkoliken. Die Bezeichnung Koliken ist eigentlich unzutreffend, da in der Regel dem Schreien keine Bauchschmerzen zugrunde liegen. Es ist vielmehr ein untröstliches Schreien ohne ersichtlichen Grund.
Schreikinder sind nicht krank!
Zunächst geht es einmal darum, den Eltern zu erklären, dass alle Kinder in den ersten drei Monaten vermehrt schreien. Das Maximum wird in der Regel um die sechste Lebenswoche erreicht. Es handelt sich somit um eine durchaus normale Erscheinung, die keineswegs als Versagen der elterlichen Fürsorge interpretiert werden darf. Dauer und Ausmass sind von Kind zu Kind sehr verschieden. Dabei ist die Individualität des Kindes für die Ausprägung des Schreiens entscheidender als die Erziehungshaltung der Eltern.
Die Vertreibung aus dem Paradies
Viele Eltern möchten gern verstehen, warum denn ihr Kind vermehrt schreit. Ich erkläre es jeweils so: In der Schwangerschaft entwickelt sich das Kind in einer ruhigen, dunkeln, warmen, umhüllten Atmosphäre. Durch Atmung und Pulsschlag der Mutter nimmt es die ersten äusseren Rhythmen wahr. Sein Bewegungsspielraum ist eingeschränkt. Es stösst immer wieder an Grenzen. Eine solche Umgebung schafft Geborgenheit und Urvertrauen.
Mit der Geburt wird alles schlagartig anders. Es ist plötzlich lauter, heller und kälter. Die eigenen Bewegungen erfahren keine sanfte Begrenzung mehr, verlieren sich im Raum. Auch die beruhigenden Rhythmen der Mutter fallen weg. Das will nicht heissen, dass die Geburt für jedes Kind traumatischen Charakter hat. Ein einschneidendes Ereignis ist es aber immer, eine Urerfahrung, die jedes Kind anders erlebt und verarbeitet.
Die Geburt ist ein mutiger Schritt – weg von der vollkommenen Abhängigkeit in die beginnende Selbständigkeit. Das Kind braucht nun wieder Wärme – nicht nur physische; es braucht Hülle, Geborgenheit, Berührung, Rhythmus. Dann kann sich wieder Vertrauen aufbauen, und wir erleichtern dem Kind das „Sich-hineinfinden-in-die-Welt“.
Du darfst schreien
Ein erster wichtiger Schritt ist es, das Schreien zu akzeptieren. Das Kind darf schreien, wenn es seinen Grund hat, auch wenn ich ihn nicht erkenne. Ich tröste es und helfe ihm durch meine weiteren Handlungen, auch wenn es dadurch nicht aufhört zu schreien. Ziel meiner Bemühungen ist, dem Kind Geborgenheit und Vertrauen zu vermitteln. Dabei habe ich folgende Punkte als besonders hilfreich erlebt:
Was gedeihen soll bedarf der Wärme
Anfänglich ist der Wärmehaushalt des Kindes noch sehr labil. Also muss ich diesen unterstützen. Die Kleider sollen so sein, dass sich das Kind wohlig warm fühlt. Ein leichtes, der Witterung angepasstes Mützchen hilft, die Wärmeabgabe über den grossen Kopf einzudämmen. Zudem reibe ich das Kind mit einem wärmenden ätherischen Öl ein.
Berührung
Säuglinge haben das starke Bedürfnis, die ihm vertrauten Menschen immer wieder hautnah zu spüren. Lebenswichtige Sinne werden damit angesprochen, die schon in der Schwangerschaft angelegt wurden und sich nun sinngemäss entwickeln wollen. Mit dem Tastsinn nehmen wir nicht nur die Aussenwelt, sondern in der Erfahrung der eigenen Leibesgrenzen auch uns selber wahr. Die Geburt selbst ist wohl das intensivste Tasterlebnis – ein Erwachen und „zu sich Kommen“.
Die vielen Empfindungen des Hautsinns haben von Geburt an einen hohen Stellenwert für die Kommunikation des Kindes. Durch frühes Stillen nach der Geburt, eine liebevolle Pflege und viel Haut- und Körperkontakt können wir den Tastsinn fördern.
Gerade bei den Schreikindern, die häufig empfindlich und offen gegenüber den Eindrücken der Aussenwelt sind, lohnt es sich, der Förderung des Tastsinns besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Das sogenannte „Pucken“ hat sich in diesem Zusammenhang immer wieder bewährt.
Herumtragen
Wenn das Kind abends schreit, halte ich es am besten in den Armen, wiege und schaukle es sanft. Dabei singe oder summe ich leise. Das Zimmer sollte ruhig und etwas dunkel sein, so kann ich es vor unnötigen Sinnesreizen schützen und ihm auch vermitteln, dass jetzt Abend ist und nicht mehr Tagesaktivität gefragt ist. Nach einer gewissen Zeit werde ich versuchen, das Kind hinzulegen. Nicht selten schläft es dann bald ein. Ich darf es aber nicht in letzter Erschöpfung, in Ärger, Wut und Verzweiflung ins Bett legen, aus dem Zimmer gehen und die Tür schliessen – dann lasse ich es räumlich und emotional allein.
Gut ist es, wenn man sich in der Betreuung des Kindes ablösen kann. Dies schützt vor Erschöpfung und stärkt die Partnerschaft.
Rhythmus – Zauberwort für die Erziehung
Der Rhythmuspflege kommt in der Betreuung kleiner Kinder eine ganz zentrale Rolle zu. Alle Lebensvorgänge sind von Rhythmen bestimmt. Beim Säugling sind diese noch nicht ausgebildet. Das Kind muss sich erst in sie hineinleben und braucht dabei unsere Unterstützung. Dies beginnt mit dem Stillrhythmus und geht über in den Schlaf-Wach-Rhythmus. Für den Rückgang des Schreiens, ist das Einrichten eines geregelten Tagesablaufes schon in den ersten Lebenswochen sehr bedeutungsvoll. So baut sich Sicherheit und Geborgenheit auf.
Vertrauen in meine Kompetenz
Wir dürfen auch Vertrauen haben in die eigenen Fähigkeiten, in die intuitive elterliche Kompetenz. Wenn wir mehr fragend und horchend auf das Kind und in uns hinein schauen, kommen oft auch die richtigen Antworten.