Schmerz war von jeher ein fundamentaler Bestandteil der Geburt. Diese prägende Erfahrung fordert Mutter und Kind viel ab, ist aber auch Ausdruck eines einschneidenden Übergangs. Ein vertrauter Zustand – die Schwangerschaft – endet, etwas Neues beginnt.
Die tiefere Bedeutung des Geburtsschmerzes erschliesst sich meist nicht auf den ersten Blick. Warum beschreibt eine Frau dieses Erlebnis als „Impuls, der Jahre nach der Geburt noch durch schwierige Situationen trägt“? Wieso spricht eine andere von „der schönsten Erfahrung in meinem Leben, trotz der Schmerzen“?
Gebären – Mutter und Kind sind im Begriff sich zu trennen. Ein Übergang steht an, der von beiden gestaltet wird. Der entscheidende Anstoss zur Geburt wird vom Kind gegeben. Die Mutter weiss um das bevorstehende Ereignis, um die Zeit des errechneten Termins und ist voller Erwartung.
Wenn die Wehen einsetzen, kommt ein rhythmisches Wogen zwischen Kontraktion und Entspannung über Mutter und Kind. Eine Wehe kündigt sich meist sachte an, steigert sich bis zu einer Schmerzspitze und ebbt dann wieder ab. Ruhe kehrt ein. Eine sehr wichtige Pause entsteht bis zur nächsten Wehe. Dieses Geschehen zieht sich gewöhnlich über Stunden hin, und die Schmerzintensität nimmt kontinuierlich zu. Eine Grenzerfahrung für Mutter und Kind.
Geburtskräfte fördern
Der schwierige, intensive und störbare Vorgang des Gebärens bedarf einer Umgebung, in der die wehende Frau sich der Geburt ihres Kindes hingeben kann. Ein ruhiges Zimmer mit angenehmer Atmosphäre, versehen mit dem, was die Frau braucht, ist wünschenswert. Dieser geschützte äussere Raum ist notwendig, damit ein innerer entstehen kann. In diesem inneren Raum erst kann eine Gebärende ihre Geburtskräfte finden und entfalten. Jede Frau verfügt über enorme Geburtskräfte, die geweckt und gefördert sein wollen.
Der Partner oder eine andere vertraute Begleitperson ist bei der Geburt eine grosse Hilfe, unabhängig davon, ob dies durch aktives Unterstützen oder durch emphatisches Dabeisein zum Ausdruck kommt.
Die begleitende Hebamme unterstützt die werdende Mutter mit ihrer Sorge um den geschützten Ort, ihrem Wissen und der notwendigen Hilfe in schwierigen und kritischen Phasen.
Unter diesen Bedingungen wird der Schmerz für die Gebärende erfahr- und erlebbar. Er bewegt die Mutter während der Geburt auf ihr Kind zu. Zwar verliert sie ihr Kind vorübergehend aus dem Bewusstsein, da manche Wehen bis an die Grenze des Erträglichen gehen. Dennoch wirkt diese intensive gemeinsame Arbeit ein starkes Band zwischen beiden.
Grenzerfahrung – für alle Beteiligten
Die Kinder verspüren die rhythmischen Kontraktionen, die gesteigerte Aktivität der Mutter und hören ihr intensives Atmen, Stöhnen oder Tönen. Es bereitet das Ungeborene auf die bevorstehende Geburt vor. Das Kind erlebt das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung gemeinsam mit der Mutter. Beiden hilft dabei die physiologische Antwort des mütterlichen Organismus auf den Schmerz: Die anhaltende rhythmische Wehentätigkeit führt zur Ausschüttung von Endorphinen, die der Mutter eine zunehmende Schmerztoleranz geben und dem Kind den Geburtsvorgang erleichtern. Das Kind erfährt, wie es von seiner Mutter durch eine schwierige Situation getragen wird. Die Mutter stösst an bisher ungeahnte Grenzen und erfährt ihre Kraft und Stärke.
Somit spendet der kraftvolle Akt des Gebärens nicht nur Leben, sondern auch Vertrauen zueinander und Lebensenergie für die Zukunft.