Wieviel bedingungslose Liebe kommt durch die Kinder in diese Welt!
In das Werden des Kindes im Mutterleib greift für gewöhnlich keine Menschenhand ein. Vielmehr bewirkt ein ganzer Kosmos von Kräften das Werden des Menschen. In der Pflege des Kindes führen wir die im Mutterleib begonnene Menschwerdung auf bewusste Weise fort. Mein Interesse (als Pflegende) gilt zum einen der Individualität des Kindes, zum andern versuche ich immer wieder neu, staunend etwas vom Wunder des Menschwerdens überhaupt wahrzunehmen.
Wer bist du?
Wenn ich dem Kinde zum ersten Mal begegne, kann ich schon etwas spüren von seiner geistig-seelischen Präsenz. Manche Kinder sind noch träumend anwesend. Andere schauen mich mit einem fragenden, abtastenden, tief staunenden oder auch mal fordernden Blick an.
“Wer bist du?“ oder „Nimmst du mich auch wirklich wahr?“ spricht aus ihrem Blick. Es ist ein noch „leeres“, mehr fühlendes Bewusstsein, das mir da entgegenkommt.
Ich konnte wahrnehmen, dass Kinder dieses Begegnen brauchen. Es ist jene erste kommunikative Gebärde, welche schon direkt nach der Geburt vorhanden ist. Ich ermutige die Mutter, falls nötig, den Blick ihres Kindes vor dem Stillen so lange zu erwidern, bis das Kind selbst davon ablässt und zu trinken beginnt. Diese Art der Begegnung ist für das Kind eine stille, sehr intensive Bestätigung seines Daseins und geschieht ganz aus dem respektvollen wahren Interesse am Wesen des Kindes.
"Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet."
Novalis
Vor dem ersten Stillen am Morgen begegne ich dem Säugling am intensivsten während der Pflege. Nachdem ich alles Nötige gerichtet habe, nehme ich das Kind aus dem Bettchen oder aus den Armen der Mutter, des Vaters. Dies ist ein sehr sensibler Vorgang für das Kind wie auch für die Eltern, den ich in Ruhe, mit Respekt und Aufmerksamkeit für alle Beteiligten gestalte.
Immer mit der Frage im Herzen „Was brauchst Du jetzt von mir?“ berühren meine Hände den Säugling – umhüllend und tastend, dann Hülle und Stütze gebend im Anheben und Tragen. Dies nimmt das Kind mit all seinen Sinnen wahr, insbesondere mit dem Tastsinn, der ihm wesentlich das Grundvertrauen ins Dasein vermittelt. Wenn sich der Säugling während der Pflege bewegt, z. B. räkelt, störe ich ihn nicht dabei. Meine Hände begleiten und unterstützen vielmehr seine Bewegungen.
Auf der vorgewärmten Wickelkommode habe ich schon alles vorbereitet, was für die Pflege nötig sein wird. Da der Säugling seinen Wärmehaushalt selbst noch nicht in genügender Weise regulieren kann, muss ich Wärmeverluste vermeiden. Bei der Körperpflege achte ich also darauf, alle nicht zu behandelnden Körperstellen zugedeckt zu lassen.
"Unsere Sprache soll die Kinder umgeben wie ein wärmendes Bad."
Emmi Pickler
Die Pflege des Kindes begleite ich mit meiner Sprache. Der Hörsinn ist der Sinn, durch welchen das Kind die Orientierung im Raum und im Dasein bekommt. Das beobachte ich z. B., wenn ich das Kind auf die Waage lege, um das Gewicht zu kontrollieren. Das Kind scheint auf der Waage wie „ausgeliefert“ – mit meinen begleitenden Worten kann ich es beruhigen. Ich kann ihm so eine sprachliche Hülle geben.
Alles, was ich mit dem Kind mache, geschieht aus einer hüllenden runden Bewegung heraus und nie ruckartig. Ich nehme das Kind innerlich und indem ich zu ihm spreche, in all meinen Handlungen mit.
Nach dem Waschen von Gesicht, Hautfalten und Handflächen des Kindes reibe ich seinen ganzen Körper mit Rosenöl ein. Bei eher schreckhaften, zappeligen Kindern nehme ich das beruhigende Malvenöl, bei sehr trockener Haut verwende ich die Calendula-Baby-Pflegemilch. Bei der Rhythmischen Einreibung kann ich oft eine Entspannung des kindlichen Muskeltonus spüren. Für den Säugling ist die Einreibung ein tiefwirkendes Tasterlebnis, bei dem durch den innigen wärmenden Körperkontakt verschiedene Sinne angesprochen werden. Durch die Sinnestore findet der heranwachsende Mensch in die irdische Welt hinein.
Das „Pucken“ als liebevolles Begrenzen
Zum Wickeln des Kindes verwende ich Stoffwindeln. Sie haben den Vorteil, dass kein Wärmestau entstehen kann und die Beinchen in eine für die Hüftentwicklung günstige Position kommen. An die Füsschen kommen wollene „Schühchen“. Dann wickle ich das Kind mit einem Moltontuch vom Brustkorb abwärts ein. Ich pucke es.
Die reflexartigen, selbst stimulierenden Bewegungen des Säuglings bedürfen einer von aussen gegebenen Begrenzung. Man hilft dem Neugeborenen damit, bei sich zu bleiben und sich nicht in der „Grenzenlosigkeit“ zu verlieren.
Aus diesem Grunde pucke ich bei jedem Wickeln die Beinchen. Wenn das Kind nicht zur Ruhe kommen kann, nachdem es satt und gewickelt ist, pucke ich es oftmals zusätzlich in ein Wolltuch, welches das Kind, ausser dem Gesichtchen, ganz umschliesst. Durch dieses Umhüllen erfährt das Kind Geborgenheit und kann sich besser beruhigen.
Zuletzt bedecke ich das Köpfchen des Kindes mit einem Mützchen, damit es auch dort keinen Wärmeverlust erleidet. So versorgt lege ich das Kind wieder zurück in die Arme der Mutter.
"Die Erkenntnis ist das Licht und die Liebe dessen Wärme."
Rudolf Steiner
Achtsamkeit, Respekt und Wärme prägen die Gesinnung von uns Pflegenden in der professionellen Betreuung von Mutter und Kind. Die erste Zeit des Sich-erkennens, Verstehens und Vertrautwerdens braucht diese „Hülle“. Unser Fachwissen steht uns dabei dienend zur Seite. Alles, was wir tun, ist den individuellen Bedürfnissen von Mutter und Kind angepasst. Ihr erstes Kennenlernen begleiten wir liebe- und verständnisvoll.
Umhüllt sein durch die räumliche und soziale Umgebung
Die Gebärzimmer befinden sich auf derselben Station wie die Wochenbettzimmer. Der Wechsel nach der Geburt kann so geschützt und in aller Ruhe geschehen.
Die Gegenstände in den Zimmern sind weitgehend aus Naturmaterialien. Farb- und Lichteinwirkungen sind mild und helfen, eine ruhevolle Atmosphäre zu schaffen.
In den ersten Tagen ist das Kind ausschliesslich im Zimmer der Mutter oder der Eltern. Der Vater kann jederzeit bei der Mutter und dem Kind sein. Auch sind die Geschwister immer willkommen.
Manchmal übernehmen wir das Kind, wenn die Mutter eine längere Ruhepause zwischen den Stillmahlzeiten benötigt. Ansonsten schläft es im Bett der Mutter / Eltern oder in seinem eigenen Bettchen. Dieses ist fahrbar und mit einer Rosshaarmatratze ausgestattet. Darauf liegt ein Schaffell. Das Bettchen wird mit ein bis zwei Wärmefläschchen vorgewärmt, bevor das Kind hineingelegt wird. Am Kopfende ist ein rosafarbener Schleier (als „Himmel“) angebracht. Dieser begrenzt die Sinneseindrücke und spendet Geborgenheit. Das Licht im Bettchen wird damit auch den Verhältnissen im Mutterleib angeglichen.