Heft 9 / Sommer 2004
Schwerpunktthema: Geburt


Stillen ist nicht nur Muttermilch

Von der Ernährung des kleinen Kindes.





Unmittelbar nach der Geburt verändert sich die Ernährungsweise des kleinen Kindes radikal. Dabei kommt dem Stillen eine grosse Bedeutung zu. Die Muttermilch ist schon ein ganz besonderer „Saft“, der das Ankommen des Kindes auf dieser Erde sichtlich leichter macht. Nur: Die Muttermilch allein ist es nicht, die das Kind mit allem Notwendigen versorgt. Das Stillen ist immer auch Gelegenheit, Schritt für Schritt Beziehung aufzunehmen.

Warum spricht man eigentlich vom Stillen? Offensichtlich hat es etwas mit der Stille, dem Still-werden des Kindes zu tun, wenn es an der mütterlichen Brust genährt wird. Der Säugling gerät, der Nahrungsaufnahme ganz hingegeben, wie in ein „stilles Staunen“ über all das, was da an Neuem auf ihn zukommt.

Wenn wir uns die Ernährung des kleinen Kindes – von den ersten Anfängen bis hin ins Kindergartenalter – etwas näher anschauen, bemerken wir grosse Unterschiede. Viel wurde schon darüber gerätselt, wann das Leben eigentlich beginnt. Auf jeden Fall muss ab diesem Zeitpunkt die Ernährung einsetzen, auch wenn der Menschenkeim noch so klein ist. Noch bevor das Herz zu schlagen beginnt, findet eine Ernährung des Embryos statt.


Die Ernährung des ungeborenen Kindes

Das befruchtete Ei, das sich in die Gebärmutterschleimhaut einnistet, wird sofort von ernährendem Gewebe umgeben, welches dann später den sogenannten Mutterkuchen bildet, über den das werdende Kind versorgt wird. Diese anfängliche Aufnahme von Nährstoffen hat mit dem späteren Ernährungsvorgang noch wenig zu tun. Alles Notwendige wird zu diesem Zeitpunkt über das mütterliche Blut und die Nabelschnur aus dem Stoffwechselbereich des mütterlichen Organismus an das Kind herangebracht. Es muss nichts, aber auch wirklich nichts selber dazu beitragen.

Für das ungeborene Kind ist rundum gesorgt – ein schlichtweg „paradiesischer“ Zustand! Eine unvergleich­liche Behaglichkeit muss sein Lebensgefühl prägen. Das Kind lebt während der Schwangerschaft in einer nahezu dunklen, wohlig-warmen Umgebung. Durch die Nabelschnur pulst das nährende Blut der Mutter zum Kinde hin, und im Hintergrund hört es das leise, rhythmische Rauschen der Bauchschlagader der Mutter. Das Zwerchfell hebt und senkt sich bei jedem Atemzug leise. Es ist wie ein sanftes An-sich-drücken und Wieder-lösen. Nur gedämpft dringen Geräusche an das Ohr des Kindes. Eine „lebendige Stille“ herrscht, die den Ernährungsvorgang, sein Gedeihen überhaupt in wunderbarer Weise fördert.

Die Ernährung des neugeborenen Kindes
Mit der Geburt ändern sich die Lebensbedingungen für das Kind schlagartig. Die konstante wohltuende Wärme im Mutterleib nimmt ein jähes Ende. Atmung und Kreislauf erfahren eine völlige Umstellung. Auch die Ernährung verändert sich tiefgreifend. Das Kind muss sich nun seine Nahrung selber holen und – siehe da – das macht es, sobald es das Licht der Welt erblickt. Spürt der Säugling etwas in seinem Mund (sei es ein Finger oder die Brust der Mutter), beginnt er zu saugen, als hätte er nie etwas anderes gekannt.

Das Kind liegt zum Stillen an der Brust der Mutter, und es ergibt sich ein inniger Kontakt zwischen den beiden. Der Säugling ist aus dem Stoffwechselbereich des mütterlichen Organismus, wo die Gebärmutter ihren Sitz hat, herausgehoben und gelangt nunmehr in den Brust-Herz-Bereich der Mutter. Nicht von ungefähr ist vom „Mutterherz“ die Rede, wenn man von der starken seelischen Verbindung zwischen Mutter und Kind spricht.
Anstelle von körperlicher Wärme, wird das Neugeborene nunmehr mit seelischer Wärme, Mutterliebe „versorgt“. Das ist von ungeheurer Wichtigkeit für seine Entwicklung.

Mutterliebe
In den letzten Jahrzehnten ist eine ganze Reihe von Studien veröffentlicht worden, die den Wert der Liebe als Gesundheits- und Überlebensfaktor nachweisen. 1997 wurden an der renommierten Harvard Universität in den USA 126 Menschen nach ihren Gefühlen gegenüber den Eltern befragt: 91% derjenigen, die ihr Verhältnis zur Mutter 35 Jahre zuvor als nicht warmherzig bezeichneten, litten später an schweren Krankheiten (koronare Herzkrankheiten, Bluthochdruck und Zwölffingerdarmgeschwüren). Bei denen, die das Verhältnis zur ihrer Mutter als warmherzig empfanden, lag die Erkrankungsziffer in späteren Jahren deutlich niedriger, nämlich bei 45%.
Eindrücklicher kann die Wichtigkeit seelischer Zuwendung nicht belegt werden, und dabei spielen die Muttermilch und das Stillen eine grosse – wenn auch nicht die einzige – Rolle in der ersten Zeit des Erdendaseins.
Dies ist natürlich nur ein Aspekt, der die Notwendigkeit des Stillens unterstreicht. Es gibt noch viele andere, wie etwa die Versorgung mit lebenswichtigen Vitaminen oder Abwehrstoffen, die dem Kind in den ersten Lebenswochen einen sogenannten „Nestschutz“ (Schutz vor Infektionskrankheiten) gewähren.


"Wie Milch und Honig"
Werfen wir noch einen kurzen Blick in die spätere Kinderzeit. Zu der rein stofflichen und seelischen Ernährung hinzu kommt dann eine geistige. Man kann da zum Beispiel an die Märchen denken, die wir unseren Kindern erzählen. Schon die Gebrüder Grimm meinten, dass diese die Kinder „wie Milch und Honig“ ernährten.
Ein Kind grosszuziehen ohne geistige Nahrung, wie sie die Märchen etwa bieten, wäre ein Versäumnis.
Zeitlebens spielt die Ernährung eine wesentliche Rolle, nicht allein was die Gesundheit betrifft, sondern auch im Hinblick auf unser seelisch-geistiges Vorankommen. Zweifellos wird jedoch durch die Muttermilch und ihre besondere Form der Darreichung der Grundstein gelegt für alle weiteren Ernährungsformen des Menschen. Die umfassende Bedeutung des Stillens wird meines Erachtens allerdings bis heute verkannt, weil man nicht gewohnt ist, auch in längeren Zeiträumen zu denken, in denen Ursache und Wirkung oft Jahrzehnte auseinander liegen. In diesem Sinne wird mit dem Stillen der Grundstein für ein ganzes Leben gelegt.

"Stillen war für mich das Normalste – ich habe mich gar nicht gefragt, ob ich stillen will. Ich habe es einfach getan und dann recht lang. Deutlich wurde für mich – es muss für beide stimmen, für Mutter und Kind."

"Stillen war für mich die logische Folgerung aus der Schwangerschaft. Es gehörte einfach zusammen – Schwangerschaft, Geburt und Stillen. Das Stillen ist Nähe – die Einheit von Mutter und Kind. Es ist etwas, was nur ich als Mutter kann. Stillen habe ich auch immer als Moment der Ruhe erlebt; stillwerden des Kindes, aber auch der Mutter."

"Ich konnte nicht stillen, ich habe es lange probiert, weil viele auch sagten, das muss man doch. Unter solchen Vorwürfen habe ich gelitten. Ich habe meine Kinder dann mit der Flasche gefüttert, und auch dabei habe ich eine innige und nahe Beziehung erleben können."

"Es war so praktisch!"

"Im Rückblick bedaure ich, dass das Stillen bei den ersten zwei Kindern nicht klappte, aber damals habe ich noch nicht die heute hilfreichen Tipps gekannt. Beim dritten dann konnte ich erleben, wie wichtig das Stillen für beide ist. Es war wie eine Insel für uns beide. Wenn ich mir das Stillen als Bild vorstelle, dann sind das die Mutter und das Kind in einer Hülle – ein geschützter Raum."

"Für mich war die Nähe und der innige Kontakt mit dem Kind wichtig. Es war so schön, das Wunder zu erleben, dass ich mein Kind selbst nähren kann – auch um so mehr, als wir beide uns dies erst erringen mussten."



Autor: Erdmut J. Schädel | Ausgabe: 9


Erdmut J. Schädel

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Heilpädagoge.

Seit 1986 als Kinderarzt an der Ita Wegman Klinik tätig.
1992 Gründung der Kinderstation, ambulante und stationäre Betreuung von kranken Kindern und Säuglingen, einschliesslich der Neugeborenenuntersuchungen.

Seit 1995 ärztliche Leitung am Sonnenhof, Arlesheim, einem Heim für entwicklungsgestörte, Seelenpflege bedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Umfangreiche Lehr- und Vortragstätigkeit auf diesen Gebieten.


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Tel. 061 705 72 72

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