Heft 13 / Herbst 2005
Schwerpunktthema: Therapieverfahren


Therapeutische Sprachgestaltung

Seit etwa 10 Jahren werden die besonderen Wirkungen künstlerisch-therapeutischen Sprechens auch wissenschaftlich erforscht. Die Ita Wegman Klinik sieht sich dabei mit einer ersten grösseren Studie an Patienten in einer Pionierrolle.





ERST IN DEN letzten 30 Jahren gelang es Wissenschaftlern, mit immer genaueren Messungen zu zeigen, dass der gesunde Herzrhythmus alles andere als regelmässig ist, sondern vielmehr mitschwingt mit vielen anderen Rhythmen im Körper, nicht zuletzt mit der Atmung.
Diese Variabilität des Pulses ist eine wichtige Grundvoraussetzung für die Herzgesundheit, die bei Kindern um das 10. Lebensjahr am stärksten nachweisbar ist und im Alter abnimmt.

Herztätigkeit und Atmung

Besonders der Einfluss der Atmung auf die Herztätigkeit ist gut spürbar, zum Beispiel wenn man bei unerwünschtem Herzrasen tief durchatmet und sich dabei der Puls verlangsamt.
Dementsprechend ist es möglich, die Einflüsse des Sprechens auf diesen Rhythmus mess- und zählbar zu machen.
Bis vor kurzem existierte keine entsprechende Forschung. Erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts begann ein Team aus Wissenschaftlern in Bern, Graz und Herdecke, Grundphänomene zu studieren, indem rhythmisches und unrhythmisches Sprechen miteinander verglichen wurden. Schon bald zeigten sich faszinierende Gesetzmässigkeiten und Phänomene, die zu verschiedenen Veröffentlichungen
führten.
So konnten wir zeigen, dass das Atemmuster verschiedener Sprachübungen von Rudolf Steiner ein klares und reproduzierbares „Rhythmusbild“ in der Herzantwort hinterlässt, das später farblich sichtbar gemacht oder quantitativ ausgewertet werden kann, indem der Rhythmus als Kurve dargestellt oder das Frequenzspektrum berechnet wird.

Überraschende Ergebnisse

Beim Sprechen der Silbe „OM“ entdeckten wir eine Doppelschwingung in der Herzantwort, die in Erstaunen versetzte. Der gleichmässige Fluss der Ausatmung hätte nach bisheriger Erkenntnis nur einen Rhythmusgipfel bewirken sollen, zu sehen waren meistens zwei. Der endgültige Beweis steht noch aus. Doch vermuten wir, dass hier der langsame Atemfluss die Begegnung zweier Rhythmen des Menschen im Puls ermöglicht. Zur Atmung schwingt der Blutdruck-Rhythmus in der Herzantwort auf die Übung mit.
Qualitativ heisst das, dass die Sprache hier den Atem mit dem Puls (dem Blut) in einen Dialog bringt, in ein gemeinsames Schwingen im Verhältnis von 2:1. Das ist das Verhältnis der Oktave.

Synchronisation der Rhythmen

Vergleichbare Phänomene treten auch beim Hexameter-Nachsprechen auf, wie wir in einem Folgeprojekt mit 20 ungeübten Versuchspersonen zeigen konnten. Hier vertiefte sich der angesprochene „Dialog“ zwischen Blut- und Nervenpol bis zu einer echten Synchronisation, einem Gleichklang der beiden Rhythmen durch das Rezitieren. Selbst ein möglichst genaues Imitieren solcher Atmung durch die Versuchsteilnehmer ohne zu Sprechen bewirkte keinen entsprechenden Gleichklang; und als die Menschen dann im dritten Versuch ohne äusseren Einfluss im Zimmer herumspazieren durften, zeigte sich fast gar keine Synchronisation mehr.
Im täglichen Leben und ohne Therapie entsteht ein solcher Gleichklang von Puls und Atmung nur noch im Tiefschlaf, wo natür-licherweise alle chaotisierenden Einflüsse des Wachlebens schweigen.

Positive Erfahrungen bestätigt

Unsere gesunden Probanden waren wach, liefen sprechend durch den Therapieraum, und trotzdem erreichten dabei die Rhythmen von Puls und Atmung eine Synchronisation, wie sie sonst nur im Tiefschlaf erreicht wird. Diese Ergebnisse bestätigten eindrücklich die langjährigen positiven Erfahrungen vieler Sprachtherapeuten mit dem Hexameter und ähnlichen Übungen als stresslösendes und ausgleichendes Mittel. Ein wichtiges Detail war für uns auch die Entdeckung, dass nur durch gleichmässiges Nachsprechen eine so starke Wirkung zu erreichen war, während das „Solosprechen“ zwar auch gut tut, aber nicht an die Wirkung dialogischen Wechsels von Hören und Sprechen herankommt.
Verschiedene Originalpublikationen zu dieser Forschung finden Sie im Internet unter:
www.therapeutische-sprachgestaltung.de

 

Seit einigen Monaten läuft in der Ita Wegman Klinik in Zusammenarbeit mit der Universität Bern (Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin, KIKOM) eine Folgestudie zur Wirkung der Therapeutischen Sprachgestaltung auf drei verschiedene Krankheitsbilder: Bluthochdruck (Hypertonie), Angst und Spannungskopfschmerz.

Am Beginn der gemeinsamen Arbeit von Sprachtherapeut und Patient steht eine ausführliche Einführung in den genauen Ablauf der nächsten Wochen. Dieser sieht für die drei Untersuchungs-bereiche der Studie gleich aus, wobei die Messungen bei stationären Patienten innerhalb von 2 Wochen, bei ambulanten Patienten innerhalb von drei Wochen durchgeführt werden. Innerhalb dieser Zeit erhält der Patient 6 Sprachtherapie-Einheiten. Drei davon werden mit verschiedenen Messungen begleitet: durch ein empfindliches EKG-Gerät mit Atemfühler, durch kontinuierliche Blutdruckmessungen sowie durch Fragebögen, welche die momentane Befindlichkeit erfassen. Die Fragebögen werden vor und nach einer Einheit vom Patienten ausgefüllt und berücksichtigen die Motivation des Patienten, Spannungsgrad, warme/kalte Hände und Füsse und dergleichen mehr.
Die einzelne Messeinheit umfasst die Befragungen vorher/nachher, 30 Minuten Sprachtherapie und zweimal 15 Minuten ruhiges Sitzen vor und nach der Therapie. Dabei interessiert natürlich insbesondere auch, inwiefern sich die Ruhephase nach der Therapie von der vorherigen unterscheidet.

Zu diesen gemessenen Therapien werden an drei Tagen Kontrollmessungen durchgeführt, die sich von den gemessenen Therapien dadurch unterscheiden, dass man statt Sprachtherapieübungen ein möglichst natürliches Alltagsgespräch miteinander abhält, über das Wetter, Theateraufführungen oder dergleichen. Tatsächlich ist es erstaunlich anzuschauen, wie sich die Messergebnisse von Sprachtherapie und Alltagsgespräch unterscheiden.
Fünf 24-Stunden-EKG-Messungen, gleichmässig über die Studiendauer verteilt, erlauben das Erfassen von feinen Veränderungen in der Befindlichkeit des Patienten. Während der 24-Stunden-Messungen führen die Teilnehmer genauestens darüber Buch, was sie am Tage tun und wie stark der Belastungsgrad der Tätigkeiten ist. Zudem wird am Morgen ein Fragebogen zur Schlafqualität ausgefüllt: wie lang und wie erholsam der Schlaf war, ob man in der Nacht erwachte oder sogar wach gelegen hat.

Die Messdaten sind zwar schon an sich interessant, an Bedeutung gewinnen sie aber erheblich, wenn ein Rahmen möglichst vieler Informationen als Grundlage für Interpretationen zur Verfügung steht. Eine Nacht, in der man zehnmal erwacht, sieht nicht nur im EKG-Bild entsprechend aus, sondern hat ihre beschreibbare Auswirkung auf Wohlbefinden und Energiezustand am folgenden Tag. Dieses Vorgehen macht ein konsequentes, systematisches Erfassen eines Therapieverlaufes überhaupt erst möglich und öffnet das Feld für Forschung.

 

Fallbeispiel

Frau R., eine Studienteilnehmerin mit Bluthochdruck, ist 57 Jahre alt. Sie wirkt angespannt. Auffällig ist eine eher hohe Atmung, bei der sie die Schultern nach oben zieht. Als sie in die Sprachtherapie kommt, ist sie unsicher darüber, was sie wohl erwartet. Wie soll das gehen, mit Sprache den Blutdruck zu senken?

Nach der ausführlichen Einführung beginnen wir mit den ersten Übungen. Vor dem Sprechen soll Frau R. in den Bauch hinunter atmen. Ihre Hände, auf den Bauch gelegt, fühlen, ob die eingeatmete Luft wirklich dort ankommt. Zudem achten wir darauf, dass sich ihre Schultern beim Atmen nicht bewegen und dass sie die Atemluft nicht zu schnell verbraucht. Alle tief eingeatmete Luft soll in Klang verwandelt werden. Zunächst in ein strömendes, klingendes „O“. Dann füllt Frau R. wiederum den Bauch mit Luft – ohne dass davon etwas zu hören ist. Achtung, die Schultern! Und jetzt spricht sie das „U“. Sie soll die Lippen noch weiter nach vorn spitzen, damit keine Luft verloren geht. Ich mache sie da rauf aufmerksam, dass die Lippen mit dem Seelischen zu tun haben. Auf angenehme Weise kann sich das im Kuss zeigen. Aber Lippen, eng aufeinandergepresst, können auch Anspannung oder Stress anzeigen. Das wird ihr schnell klar, und sie erinnert sich an einige solcher Situationen. Im Beruf oder auch zu Hause wird es eben manchmal eng. Frau R. spricht das „OM“. Nach dem strömenden „O“ soll sie dieses im „M“ weiterklingen lassen, spüren, wie ihre Lippen vibrieren. Die Übungen wiederholt sie täglich zu Hause. Später bestätigt sie, dass sie sich ruhiger, ausgeglichener fühlt. Ihr fällt auf, dass sie wacher geworden ist, aufmerksamer auf sich selbst. So wird ihr deutlich, wie oft sie am Tag unruhig und angespannt ist. Das will sie ändern. Sie schliesst an die Studie weitere ambulante Therapiestunden an. Nach weiteren 11 Therapie-Einheiten zeigt das 24-Stunden-Blutdruckprofil eine deutliche Änderung im Vergleich zum Beginn.



Dietrich von Bonin | Ausgabe 13


Dietrich von Bonin

Studium der Sprachgestaltung an der „Schule für Sprachgestaltung und dramatische Darstellungskunst am Goetheanum“ von 1978-1983, Abschluss mit Diplom.
Fortbildungen in Medizin und Therapeutischer Sprach-gestaltung. Tätig im medi-zinisch-Künstlerischen Therapeutikum Bern. Mitarbeiter für Kunsttherapie-forschung an der Kollegialen Instanz für Komplementär-medizin KIKOM an der Universität Bern. Dozent für Therapeutische Sprachgestaltung an der Dora Gutbrod-Schule für Sprachkunst in Dornach/Schweiz sowie an der „The Speech School“ East Grinstead/England. Durchführung von Forschungsprojekten auf dem Gebiet der Anthroposophischen Kunsttherapien sowie Kurstätigkeit an Seminaren und Fachtagungen. Diverse Buch- und Zeitschriften-publikationen.
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