Heft 14 / Frühjahr 2006
Schwerpunktthema: Anthroposophie


Die Schule für eine gesunde Entwicklung

Der Lehrplan der Rudolf Steiner Schulen wird heute immer aktueller. In einer Zeit, in der viele Kantone wieder die Früheinschulung und einseitig intellektuelle Ziele auf dem Programm haben, bieten die Rudolf Steiner Schulen eine echte Alternative. Das wesentlich Gesundmachende ihres Lehrplanes besteht darin, dass die Kinder im Kindergarten und in den ersten Schuljahren viel Raum und Zeit haben, um sich entsprechend ihren Möglichkeiten zu entwickeln.





Lasst den Kindern Zeit!

Als Schulärztin und Mutter von vier erwachsenen Kindern kann ich bestätigen, dass es mit dem Lesen- und Schreibenlernen im frühen Kindesalter wirklich nicht eilt. Dafür sind in den ersten Schuljahren das grosszügige Zeichnen und Malen, das Sprechen im Chor und das rhythmische Erleben der Zahlenreihen wichtig. Die Kinder sind angewiesen auf echte Begegnungen mit Menschen. Sie brauchen die Möglichkeit, tragende und verlässliche Beziehungen aufbauen zu können. Übermässiger Medienkonsum in dieser Lebenszeit verdrängt Menschenbegegnungen und führt im späteren Leben zu psychischen Problemen und Beziehungsstörungen.
Wenn sich die Kinder in den ersten Schuljahren ohne Druck und Noten entwickeln können, bleibt ihnen viel Kraft und Weltinteresse für das Lernen in den oberen Schulklassen. Es ist eine häufige Erfahrung, dass vor allem Knaben erst in der Oberstufe den Sinn der Schule erkennen und mit Freude lernen können. Lässt man ihnen die Zeit, haben auch Spätentwickler eine Chance und können im Berufsleben wegen ihrer Selbständigkeit und Kreativität zu gefragten Persönlichkeiten werden.

Warum gibt es an den Rudolf Steiner Schulen einen Schularzt?

Die Erziehung und die Schule sind wichtige Gesundheitsquellen für die Menschen. Die Eltern und Lehrer haben es immer mit dem Heilen und Reifen zu tun. Sie müssen im Grunde dafür Sorge tragen, dass die Kinder gesund sind. Und die Ärzte? Die Ärzte sollten eigentlich Gesundheitslehrer sein und mit ihrer Tätigkeit ermöglichen, dass die Kinder lernen können. Da liegt das Geheimnis der Zusammenarbeit von Arzt und Lehrer.
Die Hauptaufgabe des Schularztes besteht darin, den Gesundheitszustand der Kinder zu kennen. Wie ist das möglich? Ich sehe die Schüler zum ersten Mal, noch bevor sie in die Schule kommen – zur Schuleintrittsuntersuchung. Dabei stelle ich fest, ob die Schulreife beim einzelnen Kind gegeben ist. Es kann vorkommen, dass erst hier deutlich wird, dass ein Kind zum Beispiel gar nicht richtig sieht oder hört. In der 1., 4. und 9. Klasse mache ich Reihenuntersuchungen. Sie ermöglichen mir, einen genauen Überblick über die jeweilige Klassenstufe zu haben und eventuelle Entwicklungsdefizite zu erkennen. Bei meinen wöchentlichen Besuchen an der Schule schaue ich mir die Kinder auf dem Pausenhof an und besuche auch den Eurythmieunterricht. Vieles von dem, was im Kinde lebt, wird ja gerade an seinen Bewegungen sichtbar.
Zweimal im Monat nehme ich an der Kinderbesprechung in der Lehrerkonferenz teil. Ich habe da erfahren können, dass sich die Beobachtungen von Lehrer und Arzt sehr gut ergänzen können. Im Schulalltag war die Zusammenarbeit zwischen den Lehrern und dem Schularzt nicht immer einfach. Die Berufe entwickeln ganz verschiedene Denk- und Betrachtungsweisen, die in der Geschichte der Rudolf Steiner Schulen oft zu Zerwürfnissen geführt haben. Doch die Bemühungen um eine Zusammenarbeit lohnen sich.

„Das Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens“ (Novalis)

Wichtig ist es, dass Schularzt und Lehrer im Lehrerkollegium gemeinsam ein lebendiges Menschenbild erarbeiten. Die Lehrerkollegien haben durch Rudolf Steiner wesentliche, eigentlich medizinische Aufgaben erhalten: Die Lehrer müssen von einem Menschenbild ausgehen, in dem das Herz keine Pumpe ist. Nur mit diesem Bewusstsein ist es möglich, die Kinder wirklich kennenzulernen, sie mit dem Herzen zu sehen.
Auch mit dem „Problem der motorischen Nerven“ sollen sich die Lehrer befassen. Unsere Muskeln folgen nicht einfach den Befehlen aus dem Gehirn wie bei Marionetten, sondern sie führen uns durchs Leben mit eigener Willenskraft. Die Aufgabe des Gehirns ist es, diese Bewegungen wahrzunehmen. Durch die falsche Vorstellung von der Bedeutung und Funktion der Nerven isolieren sich die Menschen immer mehr in ihrem Körper.

Eine neue Sinneslehre als Wegweiser für fast alle Erziehungsfragen

Eine weitere Aufgabe ist die Pflege der 12 Sinne und des Wahr-Nehmens als Weg zur Freiheit. Die Kinder sind noch eins mit der Welt. Was sie wahrnehmen, das ist für sie wahr. Sie sind ganz Sinnesorgan. Erst im Verlauf des 10. Lebensjahrs wird ihnen der Unterschied zwischen ihrer Innenwelt und den Wahrnehmungen der Aussenwelt bewusst.
Wichtig für diese ersten Jahre sind vor allem die körperlichen Sinne: Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn. Sie vermitteln uns unsere eigene Körperlichkeit. Diese vier Grundsinne sind uns meistens nicht bewusst, wir schlafen in ihnen, sie sind unsere Willenssinne.
Sie sind nicht nur wesentlich, weil sie uns das Aufrichten, das Sprechen, die Befreiung der Arme ermöglichen, sondern auch, weil wir sie im Lauf des Lebens verwandeln können in die geistigen Sinne, mit denen wir anderen Menschen begegnen können: den Tastsinn in den ICH-Sinn, den Lebenssinn in den Gedankensinn, den Eigenbewegungssinn in den Sprachsinn.

Durch die lebendige Sinneslehre finden wir die richtigen pädagogischen Massnahmen. Die Korrektur der Nervenvorstellung ist eine Voraussetzung für ein gesundes soziales Leben der Menschen. Die korrigierte Herzlehre kann das tiefere gegenseitige Verstehen begründen – ein grossartiges gesundheitsförderndes Kulturprogramm!

Ein Schlüssel zur Entwicklung:
Die Welt sinnlich wahrnehmen lernen

Der Tastsinn ist etwas wie ein Ursinn. Wir erleben in ihm dumpf die Grenzen unseres Körpers. Er vermittelt uns das Gefühl, zu Hause zu sein, das Gefühl des Urvertrauens, ein Gottesgefühl. Wenn uns dieser Halt in unserem Körper fehlt, dann bekommen wir Angst. Der Tastsinn vermischt sich mit den anderen Sinnen, wir tasten auch mit den anderen Sinnesorganen: das Formen-Tasten der Augen, das Schnüffeln mit der Nase, das Lauschen mit den Ohren.

Etwas, was es in der Naturwissenschaft nicht gibt, ist der Lebenssinn. Er bewirkt, dass wir uns wohl fühlen. Wir bemerken den Lebenssinn erst, wenn wir ihn nicht mehr haben, wenn es uns unwohl ist: Kälte, Hunger, Durst, Schmerz stören den aufbauenden Lebenssinn.

Mit den Fähigkeiten des Tastens werden wir geboren, den Lebenssinn erwerben wir im 1. Lebensjahr. Der Eigenbewegungssinn kann lebenslänglich weiterentwickelt werden. Er ist der grosse Nachahmer. In der Nachahmung können wir erleben, wie der Muskelmensch etwas Autonomes ist. Wichtig
ist dieser Sinn beim Gehen- und Sprechenlernen, später auch beim Schreiben- und Lesenlernen und für alle Tätigkeiten, die wir im Lauf des Lebens erlernen.

Der Gleichgewichtssinn ist ebenfalls ein Sinn, den wir nur bemerken, wenn er nicht funktioniert: bei Schwindel oder Seekrankheit. Es handelt sich um den Schweresinn, der uns lehrt,
mit der Schwerkraft umzugehen und uns aufzurichten.

Rudolf Steiner betonte den Zusammenhang des Gleichgewichtsorgans mit dem Geometrisieren, den Zusammenhang des Bewegungssinns mit dem Arithmetisieren. In der Schulreife verwandeln sich die beiden Sinne, die bisher aufrichtend am Körper gearbeitet haben, in diese mathematischen Fähigkeiten. Auch Schreib- und Leseprobleme haben ihre Ursache oft in nicht richtig umgewandelten Bewegungs- und Gleichgewichtsfähigkeiten.



Dr. med. Danielle Lemann | Ausgabe 14


Dr. med. Danielle Lemann

Ärztin für allgemeine Medizin FMH und Anthroposophisch erweiterte Medizin, Präsidentin der Vereinigung anthroposophisch orientierter Ärzte in der Schweiz, Tätigkeit in eigener Praxis in Langnau und am Regionalspital Emmental auf der Komplementärmedizinischen Abteilung, Schulärztin an der Rudolf Steiner Schule in Langnau. Mutter von vier erwachsenen Kindern, die die Rudolf Steiner Schule besucht haben.

albolem@hotmail.com

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