Heft 15 / Sommer 2006
Schwerpunktthema: Herausforderungen meistern


Wenn Mütter krank werden... Was wird aus den kleinen Kindern?

Auf der Familienstation der Ita Wegman Klinik werden schon seit Jahrzehnten Mütter in Krankheitsfällen zusammen mit ihrem Kind im Vorschulalter aufgenommen, wenn die familiäre oder medizinische Situation eine anderweitige Betreuung des Kindes nicht zulässt.





Aber diese Mütter sind nicht die einzigen Patientinnen auf der Station. Zum Beispiel kann auch die umgekehrte Situation vorhanden sein: das kranke Kind kommt in Begleitung seiner Mutter oder seines Vaters. Darüber hinaus ist die Station eine Geburtsstation: Es stehen 2 Gebärsäle zur Verfügung. Entsprechend gehören zu den Patientinnnen auch Wöchnerinnen mit ihren Neugeborenen. Dazu kommen Schwangere mit Schwangerschaftserbrechen, vorzeitigen Wehen oder anderen Problemen.
Die Zimmer auf der Station sind Einzel- oder Doppelzimmer. Alle haben ein eigenes Badezimmer mit WC und Dusche. Neben den Patientenzimmern gibt es einen Aufenthaltsraum, ein Spielzimmer, eine kleine Familienküche und eine Waschmaschine zum allgemeinen Gebrauch.

Das Team

Auf der Familienstation arbeiten Hebammen, Pflegefachfrauen für Kinder und Erwachsene sowie zwei Kinderärzte und eine Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Frauen- und psychosomatische / psychosoziale Medizin. Die Geburten werden von Hebammen betreut. Die Belegärzte der Klinik werden zur Geburt hinzugerufen. Diese stehen auch für fachliche Fragen bei stationären Patientinnen zur Verfügung.
Dazu kommen viele weitere, unentbehrliche Helferinnen.

Mutter-Kind-Hospitalisationen

Wir legen unserer Arbeit einen sozialmedizinischen Impuls zugrunde und bemühen uns, der jeweiligen individuellen Situation der Patientin problem- und zukunftsorientiert zu begegnen.
Die häufigsten Gründe für eine Mutter-Kind-Hospitalisation sind Depressionen und / oder Überforderungssituationen im Wochenbett oder auch später. Falls die medizinische Situation – zum Beispiel bei schweren Wochenbettdepressionen – dies erfordert, können wir eine unserer klinikinternen Psychiaterinnen zuziehen.
Andere Mutter-Kind-Patientinnen können zum Beispiel wegen einer Lungenentzündung, einer Multiplen Sklerose oder auch wegen anderen akuten Erkrankungen eine stationäre Behandlung benötigen. Das Spektrum ist sehr gross.
Die Pflege und Betreuung der Begleitkinder wird während den Visiten und Therapien (zum Beispiel Wickel, Einreibungen, Mal- oder Plastiziertherapie, Heileurythmie, therapeutische Sprachgestaltung) sowie zur Entlastung der Mutter vom Team übernommen. Da wir ja auch eine pädiatrische und Wochenbettstation sind, kann die Mutter das Kind ohne Sorgen abgeben.

Das Projekt

Wie aus dem Bisherigen hervorgeht, ist die Kinderbetreuung ein Teil der täglichen Arbeit auf der Station. Dies bedeutet naturgemäss für alle Beteiligten eine Herausforderung, da manchmal die Mutter und die Pflegende in pädagogischen Fragen unterschiedlicher Meinung sind. So kann es gelegentlich zu Unstimmigkeiten kommen. Um solchen und auch anderen Situationen besser begegnen zu können, haben wir im Sommer 2005 das Mutter-Kind-Projekt ins Leben gerufen. In diesem Projekt erarbeitet das Team gemeinsam mit dem Kinderarzt Grundsätze auf der Basis anthroposophischer Pädagogik. Die Pflegenden tauschen ihre Erfahrungen aus und erarbeiten sich aus der Praxis ein pädagogisches Gespür für die zu betreuenden Kinder. Eine erste Frucht dieser Arbeit ist ein Abkommen mit der benachbarten Spielgruppe „Odiliengarten“, wo ältere Begleitkinder jeweils am Morgen betreut werden können.

Beate Colani*, 36 Jahre, bekam vor 5 Jahren die Diagnose einer Multiplen Sklerose, nachdem sie wegen Sehstörungen den Arzt aufgesucht hatte. Seitdem hatte sie keine Symptome mehr. Nach einer absolut problemlosen und glücklichen Schwangerschaft erlebte sie vor zwei Wochen die sehr schöne Geburt ihrer Tochter Anna.
Schon nach einer Woche traten Lähmungserscheinungen von Armen und Beinen auf, so dass die Versorgung der Kleinen nicht mehr möglich war. Sie konnte sie nicht einmal mehr zum Stillen anlegen. In dieser Situation musste eine schulmedizinische Infusionstherapie gemacht werden.
Sie wurde mit ihrer Tochter auf die Familienstation aufgenommen. Hier bekam
Beate Colani professionelle Unterstützung bei der Pflege ihres Säuglings. Gleichzeitig wurde
in enger Absprache mit dem behandelnden Neurologen die Infusionstherapie durchgeführt.

Daniela Egli*, 31-jährig, bekam 6 Monate nach der Geburt ihres 2. Kindes Jasmin sehr starke Rückenschmerzen und Gefühlsstörungen im linken Bein. Sie hatte solche Beschwerden schon öfter, aber bisher konnte sie sich immer selbst helfen. Diesmal musste sie zu einer stationären Behandlung eingewiesen werden. Jasmin wurde zu diesem Zeitpunkt noch voll gestillt. Die beiden kamen auf die Familienstation, wo Daniela intensive Physiotherapie, Wickel, Einreibungen und verschiedene stillfreundliche medikamentöse Therapien bekam.
Nach zwei Wochen kam es, nach anfänglich schneller Besserung, zu einem plötzlichen Rückfall, diesmal mit Lähmungserscheinungen am linken Fuss.
In der Computertomographie wurde ein grosser Bandscheibenvorfall gefunden. Eine Operation wurde nötig. Jasmin musste leider doch abgestillt werden, da Daniela Egli zur Operation und anschliessenden Rehabilitation auf die Neurochirurgie verlegt wurde.

Christine Durrer*, 40 Jahre, und ihr Partner haben vor 1,5 Jahren endlich ihr Wunschkind Felix bekommen. Felix ist ein lieber Kerl, aber ein so genanntes Schreikind. Zunächst steckten die Eltern die schlaflosen Nächte weg, da sie ja wussten, dass dies am Anfang ein häufiges Problem ist.
Es hörte aber nicht auf. Trotz vielfacher Bemühungen der Eltern blieben die Nächte schlaflos. Wenige Stunden schlief Felix, und diese nur im Bett der Eltern. Nach einem Jahr lagen die Nerven blank, war die Ehe stark gefährdet. Freunde waren kaum mehr da, weil die beiden keine Kraft mehr hatten, Freundschaften zu pflegen. Christine fühlte sich als Versagerin. Sie liebt ihr Kind, immer häufiger aber stellten sich Gedanken ein, die sie erschreckten.
Sie suchte den Hausarzt auf, da sie sich nicht getraute, sich ihrem Partner anzuvertrauen. Sie wurde zusammen mit ihrem Kind wegen einer Erschöpfungsdepression auf die Familienstation eingewiesen, nachdem eine antidepressive Therapie angefangen wurde. Hier blieben die beiden drei Wochen.
In dieser Zeit bekam Christine Durrer täglich Maltherapie, abendliche Fussbäder, Einreibungen, Wickel und Medikamente. Mit dem Kinderarzt wurde die Schlafsituation von Felix genau angeschaut. Am Ende der Hospitalisation schlief Felix im eigenen Bett durch. Christine tauchte aus der Depression und wurde wieder zuversichtlich.

Anne Bolt*, 26 Jahre, ist mit ihrem 2. Kind schwanger. Sie musste vor drei Monaten wegen vorzeitiger Wehen vier Wochen liegen. Ihr 3-jähriger Sohn Jonas wurde in dieser Zeit durch eine befreundete Familie betreut.
Zu gleicher Zeit ist ihr Partner seit 6 Monaten schwer krank. Die ungewisse Zukunft belastet Anne übermässig. Sie kann nicht mehr schlafen, ist nervös, weint fast ununterbrochen und ist oft sehr heftig und ungerecht mit Jonas.
Sie weiss, dass sie eine stationäre Behandlung braucht, um die nächste Zukunft zu überstehen. Jonas wegzugeben, um in eine Klinik zu gehen, kann sie sich nicht vorstellen, da er schon einen Monat weg war und sie starke Schuldgefühle ihm gegenüber hat.
Sie wird von ihrer Hausärztin zusammen mit Jonas auf die Familienstation eingewiesen, wo sie vier Wochen bleibt. Medikamente, Fussbäder und Einreibungen helfen ihr allmählich, wieder zu schlafen. Mit ihrem ungeborenen Kind kann sie über die Musiktherapie den lang vermissten Kontakt herstellen und sich trotz der sehr schwierigen Situation auf dieses Kind freuen, dessen Geburt bald bevorsteht.

* Namen von der Redaktion geändert



Dr. med. Silvia Torriani | Ausgabe 15


Dr. med. Silvia Torriani

Fachärztin für Allgemeinmedizin FMH. Ausbildung als Allgemeinärztin in verschiedenen Spitälern der Schweiz. Seit 2003 in der Ita Wegman Klinik auf der Familienstation. Betreuung der Frauen (Wochenbett, Schwangerschaftskomplikationen, Mutter-Kind-Hospitalisationen und allgemeininternistische Erkrankungen) auf der Familienstation. Zurzeit Ausbildung in psychosomatischer und psychosozialer Medizin (APPM). Ambulante Frauensprechstunde (gynäkologische Routineuntersuchungen, Fragen im Zusammenhang mit Muttersein und Familie, Abklärungen für eventuelle Mutter-Kind-Hospitalisationen).

Sekretariat Familienstation
Tel. 061 705 72 72
silvia.torriani@wegmanklinik.ch

(c) 2007 Natura-Verlag Arlesheim | Impressum